Ratgeber

Empathie kann – muss aber nicht. Was Führungskräfte vom Affenclan lernen können

Wechselnde Führung im Affenclan: In friedlichen Phasen hat das weise Weibchen das Sagen. Bei Angriff folgen alle dem aggressiven Männchen. Wechselnde Führungsaufgaben könnten auch Unternehmen helfen.(Foto: Sergey Uryadnikov/Shutterstock)

Führungskräfte müssen empathisch sein und Menschen mögen? Nicht unbedingt. Vielleicht gibt es ja im Team jemanden, der Mitarbeiterentwicklung viel besser drauf hat. Blöd nur, wenn der nicht ran darf.

Der Rahmen, in dem Unternehmen am Markt agieren, ändert sich gewaltig. Die Vielfalt der Aufgaben explodiert – ebenso wie das Tempo, mit dem die Herausforderungen in den Unternehmen auf die Agenda kommen. Was sich jedoch bisher nicht oder nur marginal verändert hat, ist die Organisation, mit der Unternehmen ihren Business-Alltag bewältigen. „Wir hadern damit, dass wir mit einer alten Organisation neue Aufgabenstellungen erfüllen wollen“, so Olaf Kapinski, IT-Führungskräfte-Coach und Herausgeber des Podcast „Leben-Führen“. Das gelte selbst für eine überschaubare IT-Abteilung, die nur Serverbetrieb mache. „Wenn sich die Truppe nicht ernsthaft mit Customer-Care auseinandersetzt, ist sie in zwei Jahren Geschichte.“

Superman im Chefsessel

Was setzen wir dem neuen Feature beim Wettbewerbsprodukt entgegen? Wie beschleunigen wir den Produktionsprozess? Wie nehme ich am besten meine Mitarbeiter mit? „Diese vielen unterschiedlichen Führungsaufgaben müssen in Unternehmen in der Regel von genau einer Person geleistet werden“, moniert Kapinski. „Ob im Team, in der Abteilung oder in der gesamten Unternehmensorganisation, die tradierte Führungskraft muss sämtliche Rollen spielen.“ Wer soll das sein, der da auf dem Chefsessel sitzt? Superman? Ein Alleskönner, der sowohl technische Visionen gebiert als auch mit Empathie und Geschick das richtige Wort und Händchen für seine Mitarbeiter parat hat? „Auch heute noch ist die Führungskraft in der Regel der beste Facharbeiter. Man macht den Nerd zum Team Lead“, so Kapinski. „Dann passieren zwei Sachen: Der Abteilung fehlt der beste Fachmann. Und die Abteilung hat eine Pfeife als Chef.“ Mal abgesehen davon, dass die Besetzung des Chefsessels nicht immer glücklich ist, so gibt es naturgemäß bei jedem Menschen Aufgaben, denen er sich mit Herzblut widmet. Und Aufgaben, denen er am liebsten aus dem Weg geht. „Nun steckt der Chef im Schlamassel“, beschreibt der Führungskräfte-Coach die Situation. „Er weiß, dass er etwas partout nicht kann, muss es aber dennoch angehen. Und nicht nur das. Er muss dabei noch hochgradig souverän wirken.“ Schließlich erwarte man von einer Führungskraft, dass sie es einfach am besten kann. Besonders heikel wird es, wenn es um Mitarbeiterentwicklung geht. „In Zeiten, in denen Befehl und Gehorsam funktionierten, war diese Aufgabe kinderleicht”, so Kapinski. „Heute geht es jedoch um echte Führung, um Sinnvermittlung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ich erlebe immer wieder, dass Führungskräfte diese hochwichtige Aufgabe lieblos abwickeln.“ Doch was tun, wenn der Chef kein „Menschenmöger“ ist?

Viele Könige im Affenclan

Wie so oft hilft ein Blick in die Tierwelt. „Wenn man sich das Zusammenleben in einer Affenhorde ansieht, so gibt es hier – ähnlich wie im Unternehmen – ein großes Spektrum an Aufgaben. Neben den Klassikern wie Futtersuche und Flucht geht es auch ums Säubern und Spielen. Oder darum, mit breiter Brust das Revier zu verteidigen, wenn ein fremder Clan auf der Bildfläche erscheint. Vielleicht gehen auch plötzlich zwei halbstarke Männchen aufeinander los, und jemand muss beherzt eingreifen und für Ordnung sorgen. Völlig illusorisch, dass dieses Spektrum einer allein meistert“, so Kapinski. „Um so einen Affenclan zu führen, brauchst du verschiedene Führungsqualitäten. Im Tagesgeschäft haben in der Regel die Weibchen das Sagen. Und wenn die Horde angegriffen wird, dann folgt sie instinktiv einem jungen aggressiven und starken Männchen. Sind die Affen dann in Sicherheit, zack, springt das Sagen wieder auf die Weibchen über.“ Diese Möglichkeit, situativ zu führen, fehle Unternehmen. Hier stünde ein Vorgesetzter allein in der Bütt und das Team sei laut Organigramm dazu verpflichtet, ihm zu folgen. Auch wenn der Vorgesetzte offensichtlich auf verlorenem Posten sei.

Krone weiterreichen

Dabei sind die Kompetenzen in der Regel im Team vorhanden. Doch die Führungskraft darf sie nicht nutzen. Sie kann nicht einfach sagen: „Hey, da hab ich einen guten Relater. Soll der doch den Hut für das Thema aufsetzen.“ Laut Stellenbeschreibung gehört die Mitarbeiterentwicklung nun mal zu den ureigenen Führungsaufgaben. Auslagern ist nicht vorgesehen. Was für eine Verschwendung! Kapinski empfiehlt, den Kronenwechsel dennoch zu probieren: „Mach dir bewusst, was du für Freiheiten im Unternehmen hast. Schau dir an, wo die Grenzen sind. Und dann geh an jeder Stelle mindestens einen Schritt weiter.“ Dafür brauche es ein breites Kreuz und vor allem Vertrauen in die Arbeit der Kollegen. Und Fingerspitzengefühl. Denn es gehe nicht darum, leichtsinnig Aufgaben abzustoßen – und damit möglicherweise das Unternehmen zu gefährden. Der Plan sei vielmehr, die verschiedenen Stärken im Unternehmen intelligent zu nutzen.

Und wie reagiert das Umfeld auf solche Regelverstöße? „Die Kollegen und Mitarbeiter finden eine solche Kronen-Verteilung super“, ist Kapinski überzeugt. „Derjenige, der möglicherweise ein Problem damit hat, ist eher der Chef vom Chef.“ Doch zumeist seien es nur die schwachen Vorgesetzten, die ein solches Vorgehen für Schwäche halten. „Meiner Erfahrung nach werden Führungskräfte, die beherzt und erfolgreich agieren, in Ruhe gelassen, auch wenn sie die eine oder andere Regel verletzen“ so Kapinski.

Mehr zum Thema: „Warum Führungskraft kein Job fürs Leben ist”

 

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