Kolumne

Für mehr R&D in den Medien, was wir mit AI so machen können (und irgendwas mit China)

(Foto: Media Lab Bayern)

Fünf Tage Medien- und Innovationstrends aus Austin: Lina Timm berichtet in ihrem Breakfast Taco von der SXSW, einer der größten Digitalkonferenzen der Welt.

Howdy aus Austin! 🙋

Das Schlimmste, womit man auf der SXSW so kämpfen kann, ist ja FOMO. „Fear of missing out“. Die ersten zwei Tage lang hatte ich in jeder Session ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht parallel in drei anderen saß, die genauso spannend klangen. Erst gestern hat sich eine gewisse Entspanntheit über den Tag gelegt.

Vielleicht dauert es nur ein bisschen, sich damit abzufinden, dass man eben nicht überall sein kann. Vielleicht hat auch die leichte Verkaterung vom Vorabend geholfen, weniger hektisch durch Downtown zu hetzen. Oder die Tatsache, dass schon die ersten beiden Sessions so großartig waren, dass sich die letzten zwei wie ein Addon zu einem ohnehin schon sehr guten Tag angefühlt haben – und auch noch klasse waren.

Statt Session fünf gab es mittags einen fantastischen Kaffee mit Sachar Klein für seinen Podcast Talking Digital über das Media Lab Bayern und was uns AI im Journalismus noch so bringen wird. Spoiler: gute Dinge, hoffentlich!

Worauf ich mich in dieser Woche am meisten freue? Unsere erste Media Startup Night in Austin! Ab 18 Uhr im German House. Was euch erwartet, erfahrt ihr unter dem Punkt #MustSee.

🔮 #MediaTrends

Gebt es zu, ihr habt doch nur auf das Thema AI gewartet. Gestern gab es ein ganz fantastisches All-Female-(on purpose!)-Panel zu AI im Journalismus mit dem Quartz Bot Studio, der Washington Post und einer AI-Forscherin dazu.

Und das sind ihre spannendsten Ideen, was wir mit AI im Journalismus anfangen können:

Next Generation Personalisierung:

Das Quartz Bot Studio experimentiert mit meinem Lieblingsthema. Wie können wir Texte so individuell für jeden Leser anpassen, dass nicht nur das Thema zugeschnitten ist, sondern auch der Wissensstand? Ich frage mich schon so lang, warum daran denn keiner arbeitet. Es kann nicht so schwer sein, mitzutracken, was ich lese und darüber zu merken, wie viel ich von einem Thema weiß. Die Innovatoren von Quartz sind da jetzt wohl dran. Endlich!

Filterblasen-Abhilfe:

Quartz hat auch eine neue Art von A/B-Testing probiert und Lesern wahlweise im Artikel zuerst eine Meinung vorgesetzt, die ihrer entspricht – oder gerade nicht. Ergebnis: Leser sind tatsächlich engagierter, wenn sie zuerst lesen, was ihnen nicht passt.

AI ist immer dann gut, wenn man das Gefühl hat, immer die gleiche Geschichte zu schreiben

Und damit bleibt für den menschlichen Journalisten: Meinung, und „die Geschichte finden“. Na klar, aus vielen Daten kann ein Computer schneller Outlier oder Trends erkennen als der Mensch, aber ich glaube nicht, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre genügend Struktur vorhanden sein werden, um jede Geschichte nur aus Datensätzen zu fischen. (Aber just in case: Ich mag mich irren.)

Und drei Dinge, die den Speakerinnen schlaflose Nächte bereiten:

Deepfakes

Die Website thispersondoesnotexist.com zeigt bei jeder Aktualisierung ein neues Bild eines computergenerierten Menschen, der so nie gelebt hat. Und das ist erst der Anfang. Scary. Ich fand das Fake-News-Thema ja immer überhypet, aber wir sollten jetzt anfangen zu überlegen, was wir Deepfakes entgegen setzen können. (Ideen? Tweet me!)

Privacy

Menschen verstehen nicht, was mit ihren Daten geschieht. Dass das Arbeits-Slack nicht privat ist, sondern ziemlich einfach ausgelesen werden kann. Emily Withrow von Quartz plädiert stark dafür, die Leute mehr zu informieren.

Diskriminierung

Es gibt gerade eine Menge Ungleichheit in der Welt. Wir müssen uns jetzt darum kümmern, dass Algorithmen die nicht übernehmen. (Wie man das angehen soll, darauf hat hier in Austin aber auch noch keiner eine gute Antwort gehabt.)

👩‍💻 #TechThatChangesTheWorld

Ich weiß, wir haben gestern schon über Corporate Innovation gesprochen. Aber im Schedule ist es einer der größeren Trends – und persönlich beschäftigen wir uns im Media Lab seit einem Jahr auch verstärkt damit.

Nachdem wir alle die ersten Experimente gestartet haben, wird das Innovationsthema in der Medienbranche gerade erwachsen. Ich spreche regelmäßig mit den verschiedensten Medienhäusern darüber, dass sie gerade Prozesse suchen, wie sie Innovation institutionalisieren können. Gestern gab’s dazu ein spannendes Panel mit den R&D-Verantwortlichen von Eventbrite, Adobe und Invision.

Die gute Nachricht zuerst, liebe Branche: Alles hat die Tech-Szene auch noch nicht raus. Aber hier ein aus dem Panel herausfiltrierter Innovationprozess in sieben Schritten:

Warum braucht es Research & Development?

Schöne Erklärung von Samantha von Adobe: „You can’t control the ocean, but you can prepare for the big wave.“ Lerne, wie du surfst, bevor die große Welle kommt.

Was ist denn nun eigentlich Innovation?

„Everything that exists today is just a remix of what existed before.“ Und 70 Prozent eines Produkts steht schon mit gelerntem UX. Ein Nutzerprofil benötigt einen Login, benötigt ein Passwort, und so weiter. Für die restlichen 30 Prozent gibt es vier bis fünf unterschiedliche Wege, und die muss man einfach ausprobieren. Manchmal ist dann auch eine geniale Idee dabei, die dann zum UX-Habit wird – so wie der Rechts-Swipe bei Tinder, der mittlerweile als Aktion für positives Feedback gelernt ist.

Und was ist mit dem Risiko in Innovation?

„Sobald man sich sicher ist, dass das Problem, das man mit dem Produkt lösen will, genau so existiert, ist das Risiko eigentlich raus.“ Danke, Tom von Invision, das beten wir ja auch die ganze Zeit vor: Startet mit dem Problem!!1einself

Cool, und wie dann starten?

Schnell. Die meisten Teams würden immer noch zu lang brauchen, das erste Produkt rauszubringen. Heutzutage wäre selbst ein MVP ein Sechs-Monats-40-Entwickler-Projekt. Das Produkt muss aber so schnell wie möglich in die Hände der Kunden (Amen!). Eigentlich in zwei oder vier Wochen. Von da aus entwickelt man weiter, fertig.

Und was braucht das Team dafür?

Eine Vision. Und zwar eine, die kommuniziert wird. Jeder hat eine andere Vorstellung von dem Produkt und der Zukunft, deshalb kann man gar nicht zu viel kommunizieren, was erreicht werden soll (Prototyp? Vision?) und vor allem warum. Und gerade nach oben auch, was passiert, wenn sie das Thema nicht angehen.

Spitze. Und wer macht das dann?

Interdisziplinäre Teams. Punkt. (Kluge Ergänzung von Eventbrite: So klein wie möglich. Lieber 2-3 Leute mit Ahnung und Lust als zu große Teams.)

Jo. Und danach? Produkt übergeben oder Team weitermachen lassen?

Es gibt für jeden Weg einen guten Grund. Weitermachen lassen: Dieses Team kennt sich doch schon damit aus, warum sollten sie ihr Baby weggeben? Niemand mag gern sein Baby weggeben. Falls doch, hilft aber, schon bei der Entwicklung das Szenario aufzumachen, wie ein Startup beim Exit verfahren würde. Was wäre, würde das Produkt von einer anderen Firma akquiriert? Was bräuchte es technisch? Inhaltlich?

Aus dem letzten Schritt folgt aber auch: R&D ist vor allem ein konstanter Hiring-Prozess. Neue Produkte brauchen neue Ressourcen und Skills („Teams should be able to focus 100 percent on the innovation project!“). Das ergibt ja auch nur Sinn. Schließlich soll R&D neue Produkte ermöglichen, ergo neue Geschäftsfelder, ergo neue Revenue-Streams. Und damit ist Hiring dann auch gerechtfertigt.

Übrigens: Meine Kollegin Ronja und ich beschäftigen uns im Media Lab Bayern gerade sehr viel mit Corporate-Innovationsprozessen. Wenn ihr Ideen habt oder Lust auf Austausch habt, we’re always up for Mails, DMs und Coffee!

💡#CrazyIdea

Statt einer Crazy Idea drei Dinge, die ich gestern auf der SXSW mal final verstanden habe.

👓 XR & Autisten

AI and XR can do good. Das war mein Herz-Talk des Tages und ich denke noch immer darüber nach, was wir für die Medien daraus lernen können. Ein gemeinsames Projekt von Magic Leap und Psychiatern lässt Menschen mit Autismus mit virtuellen Gegenübern Bewerbungsgespräche oder Smalltalk unter Kollegen üben. Die Magic-Leap-Brillen tracken dabei über Sensoren mit, wie ich spreche und wohin ich schaue, und geben direkt nach dem fiktiven Gespräch Feedback, ob ich mich verbessert habe und beispielsweise nicht mehr so oft auf den Boden geschaut habe beim Smalltalk. Für Menschen im autistischen Spektrum ist es einfacher, solche Situationen mit 3D-animierten Menschen als mit realen zu üben. Fantastisch!
XR-Content ist für den Journalismus ja oft noch zu teuer zu produzieren. Aber vielleicht stecken für Medien hier im Bereich Bildung und tatsächlich auch Training ja noch ein paar Use-Cases drin. Warum sollte nicht eine Medienmarke mit Magic Leap Themen-Tutorials vermitteln. Alles, was man üben muss und teuer oder aufwändig oder beides in der Umsetzung ist, könnte sich eignen. Das … Höhentouren-Tutorial vom Wandermagazin? Das Baumfäll-Tutorial vom Gartenmagazin? Habt ihr Ideen und mögt sie mir bei Twitter schicken? Ich liste sie dann morgen hier!

🎶 China & Medien

Wenn Leute um mich herum ganz aufgeregt sind, was da so von China auf uns zukommen kann, habe ich bislang milde gelächelt und gesagt, jaja, in allen Branchen. Aber doch in den Medien nicht, dafür sind doch die Kulturen (und die Politik) viel zu unterschiedlich.
Nachdem ein Freund von mir in letzter Zeit ständig von China und AI erzählt, bin ich zum „Will China eat us for Lunch“-Panel geschlendert. Und dort kam das Beispiel auf, dass es bisher noch kein rein chinesisches Produkt geschafft hat, in den USA den gleichen Erfolg zu haben, wie im Heimatmarkt – und vice versa. Außer einem: Tiktok beziehungsweise Musically. Die Short-Video-Teenie-App aus Shanghai ist die einzige, die auch die Herzen der US-Teenies im Sturm erobert hat. Und ist so viel mehr Medien, als alle Fahrrad- oder Messengerpaymentstartups, über die man sonst so spricht.

Was da wohl in der Zukunft noch kommt?

👪 Community & KPI

Die Medienbranche spricht ja momentan viel über Communities – immer auch mit der Idee im Hinterkopf, dass man mit ihr Geld verdienen könne. Harmony Leanna Eichstaedt vom Entrepreneur-Supporter Worth The Journey hat gestern argumentiert, dass das schon irgendwann der Fall ist. Aber gerade das Thema Community lasse sich nicht in übliche Business-Kennzahlen pressen, da der Return-on-Invest erst viel später einsetzt, und vielleicht auch gar nicht messbar ist. Das Thema trotzdem anzugehen, erfordert daher eher mutige Leadership.

🚀#StartupLearning

Philipp von unserem Audio-Community-Startup Upspeak hat mitgenommen, dass der größte Konkurrent von Facebook nicht Google oder Twitter ist, sondern die Zeit der Nutzer. Visuelle Plattformen brauchen meist die volle Aufmerksamkeit des Nutzers und konkurrieren somit mit allem anderen, was er so machen will. Der USP von Audio Only ist ja: Man kann halt auch Dinge nebenbei machen. Ob Facebook bald in Audio investiert? Oder sich hier andere Apps und Angebote die Nische schnappen?

Mustafa entwickelt in unserem Batch #5 gerade das Social-CMS Kerngedanke und hat von Steven Bartlett, CEO der The Social Chain Group, den Gedanken aufgeschnappt, dass Social Media zwar ein PR-Problem habe, aber kein konzeptionelles. Social Media mag durch Fake News und Skandale in Verruf geraten sein, das Bedürfnis für soziale Medien bleibt aber. Nutzer würden so viel konsumieren wie vorher, aber ihre Erwartung an Vertrauenswürdigkeit, Qualität und Authentizität wächst.

💥 #MustSeeInAustin

Heute Abend laden wir euch ein: zu unserer ersten Media Startup Night in Austin! Was euch erwartet?

  • 1-Minuten-Pitches der innovativsten Medien-Startups – und natürlich Einhorn-Dollar, die ihr investieren könnt.
  • Die innovativsten Köpfe in der Medien- und Start-up-Szene
  • Win lustiges Networking Spiel (vertraut uns, es ist fantastisch und ihr werdet tolle Kontakte knüpfen!)
  • Pre-Dinner-Getränke und Snacks, um direkt in eine weitere großartige SXSW-Nacht zu starten

Außerdem mag ich morgen mal ins Sony-Haus (Red River/Cesar Chavez, Highlight aus 2018) und direkt daneben zur Mega-Original-Promo der neuen Serie Good Omens, mit der Amazon Prime sogar den Food-Court zum Eingang der Rainey Street verdrängt hat. Wer kommt mit?

Unsere Favourite Sessions für Montag

9:30-10:30 Uhr: How Data Helps to Unleash Creativity in Media. Mit Daten kann man nicht nur besser Dinge verkaufen, sondern auch besser Produkte und Inhalte produzieren. Netflix richtet sich bei Neuproduktionen schon stark an den Interessen ihrer Nutzer aus  –  dass CNN, Warner Bros. und HBO sich dahinter nicht verstecken müssen, wollen sie auf diesem Panel zeigen.

9:30-10:30 Uhr: Continuous Innovation: Outlearn Your Competition. In einer beschleunigten Welt, gewinnt die Firma, die schneller lernt als ihre Konkurrenz. Ash Maurya von Lean Stack erklärt in dieser Session, wie man ununterbrochen mit seinen Kunden interagiert und wie Firmen kontinuierliche Innovation meistern können.

9:30-10:30 Uhr: Drowning in Data, Starving for Insights. Daten sind überall und sie werden immer mehr. Der Trick ist aber, aus diesen Daten sinnvolle Einsichten zu bekommen. In diesem Panel soll es darum gehen, wie das geht und welche Daten für Marken wirklich wichtig sind.

11:00-12:00 Uhr: The Media’s New Game: Revenue Roulette. Viele Medienhäuser setzen verstärkt auf Abomodelle und weniger auf Werbeeinnahmen, um sich zu finanzieren. Es scheint allerdings, dass es nie wieder das EINE Modell geben wird, das Journalismus finanziert. Wie Medienorganisationen damit umgehen können besprechen vier Journalisten hier, unter anderem von Reuters, der Washington Post und dem Blockchain-Startup Civil.

12:30-13:30 Uhr: Corporations are Failing to Innovate, or Are They? Aus Fehlern zu lernen ist eine wichtige Voraussetzung für jede Innovation. Auf diesem Panel stehen deshalb sowohl Firmen, die mit Startup-Partnerschaften Erfolg hatten, als auch solche, bei denen es nicht geklappt hat. Die Speaker wollen beide Seiten beleuchten, und dann zeigen, welche Möglichkeiten die Zusammenarbeit trotzdem bietet.

12:30-13:30 Uhr: AI-Powered Media Manipulation and Its Consequences. Gleich vier Wissenschaftler stellen in dieser Session Fallbeispiele vor, in denen AI-Systeme Medieninhalte manipulieren und analysieren später die Auswirkungen, die diese Systeme auf die Gesellschaft haben könnten. Für alle Journalisten spannend, die sich wissenschaftlich über die drohenden neuen Fake-News-Wellen informieren wollen.

15:30-16:30 Uhr: Recode Media with Peter Kafka Podcast. Recode kennt ihr eh alle, oder? Der Host des hervorragenden Recode Media Podcasts nimmt die aktuelle Folge live auf der SXSW 2019 auf und spricht mit seinen Gästen über Podcasts. Über was auch sonst?

17:00-18:00 Uhr: How to Build a Standout Brand in a Crowded World. Schnellere und einfachere Vernetzung und Kommunikation bedeutet auch: Es ist immer schwerer, mit eigenen Botschaften Gehör zu finden. Wie das trotzdem noch funktionieren kann, erzählt der Marketingstratege Nick Westergaard. Und weil Botschaften auch Journalismus sein können, ist das sicher auch für (journalistische) Medienunternehmen spannend.

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