Kommentar

Gender Pay Gap: Die „Boychelei“ mit dem Gehalt

Die Faktenlage ist glasklar: Frauen sind schlechter bezahlt als Männer. (Foto: Shutterstock)

Die Faktenlage ist glasklar: Frauen werden schlechter bezahlt als männliche Kollegen. Punkt. Trotzdem weigern sich noch immer einige Männer, das anzuerkennen. Sind sie ignorant, oder ist ihnen Gleichberechtigung scheißegal? Ein Kommentar.

Frauen verdienen in Deutschland weniger als Männer. Dieser Fakt ist längst mit einer Zahl versehen: 21 Prozent. Dieser Wert zählt unter den Industriestaaten sogar zu den vergleichsweise höchsten. Deutlich positivere Beurteilungen – etwa von der OECD – erhalten vor allem Schweden und Norwegen, aber auch Italien, Spanien oder Frankreich. Selbst in Staaten wie der Türkei oder Slowenien gibt es geringere Lohnunterschiede als in der Bundesrepublik. Dass ein großer Teil der Lohnlücke jedoch auch durch Umstände zu erklären ist, die zumindest auf den ersten Blick nichts mit dem Geschlecht zu tun haben, zeigen Studien des Statistischen Bundesamtes: Das sind vor allem Unterschiede in der Branche, der Berufserfahrung, der beruflichen Ausbildung, der Position im Unternehmen sowie in der Frage, ob Teilzeit oder Vollzeit gearbeitet wird. Wer all das herausrechnet, kommt schlussendlich auf sechs Prozent. Das klingt zwar wenig, ist aber trotzdem kein Grund zu feiern – wie dieses Rechenbeispiel zeigt:

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Bei einem Bruttomonatslohn von 3.500 Euro beträgt die Lohnlücke der Frauen demnach 210 Euro. Bei einem Jahresgehalt sind das schon 2.520 Euro. Für einen Zeitraum von zehn Jahren sind es 25.200 Euro, und bei einem Zeitraum von 30 Jahren immerhin 75.600 Euro. Über ein gesamtes Arbeitsleben mit 45 Rentenbeitragsjahren verliert eine Frau in diesem Rechenbeispiel satte 113.400 Euro allein durch etwaige Benachteiligungen – was nicht zuletzt auch enorme Auswirkungen auf ihre Rente und somit ihre Absicherung im Alter hat. Das ist allerhand. Und das ist unfair, denn halten wir fest: Die Rechnung gilt für eine Frau, die in der gleichen Branche, mit gleicher Berufserfahrung, gleicher Ausbildung und gleicher Position sowie im gleichen Arbeitszeitverhältnis wie ein Mann eingestellt ist. Es kommt nicht von ungefähr, dass hierzulande vor allem Frauen von Altersarmut betroffen sind. Im Schnitt fällt deren Rente über 65 heute um 46 Prozent niedriger aus als bei Männern. Dieser Wert wird sich in Zukunft zwar verringern, von gleichauf, sind wir aber noch weit entfernt.

Das Argument des vergleichsweise geringen Gehaltsverlustes kann eine Beispielrechnung faktisch leicht entkräften. Anstrengender wird es jedoch, wenn jemand behauptet, die Lücke sei auf freie Entscheidungen der jeweiligen Frau zurückzuführen. Sie habe sich ja aus eigenen Stücken die Karriereleiter nicht weiter nach oben gekämpft, sie habe sich ja bewusst für eine Teilzeit- anstatt Vollzeitstelle entschieden. „Was wollen die eigentlich?“, kommentieren meist Männer herablassend. Für manche Frauen mag das sicherlich zutreffen, nicht jede sieht ihr Glück im Chefinnensessel eines Unternehmens. Es ist auch nichts verwerflich daran, wenn sie Zeit, Kraft und Engagement nicht nur in die Karriere, sondern auch in eine Familie, in Freundschaften oder in sich selbst stecken möchte und dafür Abstriche im Beruf macht. Alles gut. Und trotzdem blenden die Kritiker aus, dass eben auch viele Frauen, die gerne in dem besagten Sessel sitzen möchten, es durch konventionelle Ansichten, finanzielle Zwänge und gesellschaftliche Strukturen eben nicht so leicht können.

Noch immer ist beispielsweise der Anteil an Frauen in Vorständen hierzulande blamierend gering. Dass eine Frau ein Unternehmen schlechter als ein Mann führen würde und deshalb nicht nach oben kommt, ist reiner Blödsinn. Es gibt weltweit herausragende Frauen an der Spitze von Unternehmen, die tagtäglich das Gegenteil beweisen. Grund ist eine gläserne Decke, die sie nicht durchdringen, weil viele Männer lieber unter Männern bleiben und sie ihre Macht nicht mit dem anderen Geschlecht teilen wollen (konventionelle Ansichten). Frauen gehen auch wesentlich öfter und länger in Elternzeit, weil das Gehalt des Mannes wie oben beschrieben meist höher ist und das Elterngeld dadurch eben auch höher ausfällt (finanzielle Zwänge). Und die anschließende Teilzeit aufgrund von fehlenden Kindertagesstätten zieht ebenfalls häufig eine berufliche Stagnation nach sich. Die Betreuungsquote liegt in Deutschland gerade einmal bei knapp über 30 Prozent (gesellschaftliche Strukturen). Das sind alltägliche Widerstände, die Frauen gehaltstechnisch ausbremsen.

Für faire Bedingungen beim Einkommen zu sorgen, ist das eine: Der Staat kann seinen Teil durch strukturelle Verbesserungen beitragen, damit Frauen beispielsweise trotz einer Familie weiter wie gewohnt arbeiten können, und auch die Unternehmen können die Situation verbessern, indem sie die Diversität fördern und sich so auch das Gehaltsgefüge weiter angleicht. Die andere Seite ist aber auch, dass vor allem der Teil der Männer, der sich (noch) ignorant verhält, endlich akzeptiert, dass weniger Gehalt unter Frauen nicht allein mit einer freien Entscheidung zusammenhängt. Und dass weniger Gehalt, auch wenn es nur sechs Prozent sind, keine Lappalie ist. Ein Wertewandel lässt sich von Staat und Wirtschaft nicht vorschreiben, er muss in den Köpfen der Bürger und Bürgerinnen passieren. Dazu gehört aber auch das Anerkennen der Fakten und Lösungsansätze nicht zu relativieren. Wer das in 2020 immer noch nicht verseht, ist entweder zu ignorant, um die Debatte zu führen. Oder schlimmer: Überhaupt nicht interessiert an Gleichberechtigung.

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11 Kommentare
Ribert Lirert
Ribert Lirert

Ah, wieder die üblichen Argumente, aber das lässt sich mit nur einem Gegenargument entkräften:
Wenn Frauen wirklich 6% weniger Gehalt bekommen, obwohl sie die gleiche Leistung bringen, warum stellen Unternehmen dann nicht bevorzugt Frauen ein?
Der Markt müsste das langfristig von selbst geregelt bekommen, denn wo ein Vorteil zu erwirtschaften ist, werden sich auch die Preise anpassen.

Darauf bekommt man, wie immer, keine Antwort.

Wozu die Lücke zu seinem eigenen Vorteil nutzen, wenn man stattdessen in die Opferrolle schlüfen kann? „Alle anderen sind schuld, ich muss mich nicht ändern.“
Was für ein großartiges Weltbild.

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Titus von Unhold
Titus von Unhold

Warum nicht immer Discounternudeln und Discounterfleisch kaufen? Genau, weil das Zeug einfach minderwertiger scheiße ist. Oder vornhem ausgedrückt: Weil zunächst einmal die Anforderungen erfüllt sein müssen.

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Christian Kranert
Christian Kranert

Na bei so viel suggerierter Unanfechtbarkeit, würde man aber etwas mehr Substanz in den Argumenten erwarten. Den Markt interessieren nicht nur die Kosten für Arbeitskräfte, sondern auch die Verlässlichkeit in Hinblick auf Ihre Verfügbarkeit. Hier werden Frauen in gebärfähigem Alter benachteiligt, was der Artikel auch ganz gut rüber bringt.

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Maike Draxl
Maike Draxl

Ich bin selber in der Situation Leute einzustellen und meine Erfahrung ist, das Frauen sich einfach zu günstig verkaufen. Wenn man nach dem Gehaltswunsch fragt geben diese teilweise nur die Hälfte an was Männer fordern.

Unsere Firma bietet diesen dann, gottseidank, aber das gleiche Gehalt der männlichen Kollegen.
Es ist aber aber anderen Firmen dann nicht zu verdenken zuzugreifen, gleiche Arbeit zu halbem Gehalt.

Frauen müsste hier bereits in der Ausbildung schon mehr Selbstbewusstsein und Selbstwert gelehrt werden, wie es bei Männern selbstverständlich scheint.

Rumjammern hilft nicht, Initiative ergreifen!

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N. Höpfner
N. Höpfner

Hier wird mal wieder, wie üblich, unterkomplex auf ein Thema eingegangen. Wie auch einer meiner Vorredner andeutete: Frauen unterscheiden sich im Verhalten mitunter signifikant von Männern! Dies lässt sich auch an Statistiken der Big Five erkennen (Dimension „Verträglichkeit“). Man sollte also statt in Geschlechtskategorien vllt. die Mediatoren berücksichtigen.
Aber da wäre das „Feindbild“ ja zu diffus, schließlich müssten dann zurückhaltend agierende Männer auch einbezogen werden. Dann wird’s auch irgendwann schwierig den White Knight zu spielen – und das wollen sich viele Männer, eingeschlossen des Autors, wohl nicht entgehen lassen.

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dennis
dennis

Dein Kommentar zeigt einfach nur, dass Du nichts verstanden hast. Es geht doch nicht um eine Heldenrolle, die man spielen möchte, sondern darum um Gleichberechtigung. Wie der Unterschied zustande kommt ist dabei entscheidend und den muss man benennen, damit sich das ändert.

Du hast lediglich Polemik am Start und bist der Meinung, dass man dann einfach diese Sache totschweigen soll? Echt jetzt?

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N. Höpfner
N. Höpfner

Lediglich Polemik? Hast du meinen Kommentar überhaupt gelesen? Die psychologische Forschung ist ganz klar weit ab von Polemik, polemisch ist die einseitige Darstellung der Frauen als geknechtete, die Ausblendung der historischen Dimension und die Vereinfachung von Jahrtausenden an menschlicher Entwicklung.
Heutzutage wird ja nunmal fast alles neu verhandelt, konservative Werte werden grundsätzlich in Frage gestellt. Was ich persönlich, wenn man denn das Geschlecht unbedingt als Prädiktorvariable für Benachteiligung nehmen will: Wer entschädigt die über Jahrtausende in Kriegen zu Millionen abgeschlachteten Männer? Die GRUNDSÄTZLICHE kulturübergreifende Rücksicht auf die Bevölkerungsgruppe „Frauen und Kinder“, die auch in unseren Medien immer noch eine gesonderte Stellung einnehmen und regelmäßig gemeinsam genannt werden. Denn wenn „Frauen und Kinder“ sterben ist es besonders schlimm! Diese ganze Diskussion wird fast ausschließlich polemisch geführt, da bin ich sicherlich nicht unschuldig. Aber der Blick in den eigenen Spiegel stünde vielen „Gender Equality“-Verfechtern auch nicht schlecht. Meine persönliche Meinung (!) zu diesem Thema ist: Die Frauen und Männer, die in dieser Debatte am Lautesten schreien wollen keine echte Gleichberechtigung, sondern eine größere Privilegierung. Denn für echte Gleichberechtigung müsste sich das ganze Geschlechterspiel grundlegend ändern. Merkwürdigerweise, und das ist auch statistisch unterstützt, sind besser verdienende Frauen in ihrer Partnerschaft mit geringer verdienendem Partner signifikant unglücklicher als anders herum. Vllt, aber nur vllt, spielt die Biologie ja doch eine Rolle und alte, „überholte“ Geschlechterrollen waren doch gar nicht so falsch?

Du schreibst selbst „wie der Unterschied zustande kommt“ – dafür habe ich in meinen Ausführungen zumindest einen Anhaltspunkt geliefert – du hingegen hast nicht ein sachliches Argument.

Lübke
Lübke

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Mfg Lübke

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Lübke
Lübke

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Andreas Weck

Hallo lieber Leser, du meinst vermutlich die Browser-Benachrichtigung, oder? Die musst du in den Einstellungen deines Browsers selber abstellen. Darauf haben wir von t3n keinen Zugriff.

Gruß
Andreas

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tam
tam

Die oberflächliche Analyse führt zu einer latenten Vorwurfshaltung einhergehend mit der Annahme einer Opferrolle und sonst zu nichts. Eine „gläserne Decke“?? Das wurde schon schlauer diskutiert.

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