Kommentar

Warum es nicht genug ist, wenn in Dax-Vorständen mehr Frauen sind als Michaels

Der SAP-Vorstand. (Foto: dpa)

Eine Twitter-Userin will schon den Champagner köpfen, dabei ist es noch ein weiter Weg: Die erste weibliche CEO an der Spitze eines Dax30-Konzerns kann nur ein guter Anfang sein. Ein Kommentar. 

Bill McDermott ist als SAP-Chef zurückgetreten, nun folgt eine Doppelspitze: Jennifer Morgan und Christian Klein teilen sich ab sofort den Führungsposten. Damit ist das erste Mal eine Frau die CEO eines Dax-Unternehmens. Und das Gejubel ist groß. Sind die Zeiten männlicher Dax-Vorstände nun vorbei? 

Zu dem Eindruck könnte man kommen, denn tatsächlich scheint das Buzzword „Diversity“ in Wirtschaftskreisen gerade in aller Munde – vor allem, wenn man tiefer in die Forderungen nach New Work und mehr Agilität eintaucht. Immer häufiger wird der Wunsch nach Frauen in der Führung laut, immer stärker wird über die Vereinbarkeit von Kind und Karriere nachgedacht. Und nun haben wir mit Jennifer Morgan auch noch ein starkes weibliches Vorbild, endlich eine Frau in den Reihen der Vorstandsvorsitzenden. Das ist doch toll, oder nicht?

Das entscheidende Aber

Grundsätzlich schon, wäre da nicht ein entscheidendes Aber. Denn schaut man sich mal die Fotos der anderen Dax-Chefs bei Google an, klickt man sich durch eine doch sehr homogene Bildergalerie: weiß, männlich, überwiegend älterer Jahrgang. Mal ganz ehrlich: Ist das nicht immer noch eine ziemlich traurige Quote – 1 zu 30? Sollten wir nicht mittlerweile schon viel weiter sein? Wir gehen in die richtige Richtung, aber wir bewegen uns viel zu langsam.

Auch wenn wir den Blick erweitern, machen die Zahlen nur mäßig Hoffnung: In den Reihen aller Vorstandsmitglieder der 160 deutschen Unternehmen, die an der Börse notiert sind, lag der Frauenanteil am 1. September 2019 bei schlappen 9,3 Prozent. Zwar haben wir damit laut jüngstem Allbright Report erstmals mehr Frauen in den deutschen Vorständen als Thomasse und Michaels, die Zahl ist aber immer noch ein schlechter Scherz. Und auch wenn man sich auf die positive Entwicklung im Vergleich zum Vorjahr beruft (da waren es nur acht Prozent), ist das für die topqualifizierten Frauen wohl kaum ein Trost. Bewegen wir uns nämlich in diesem Tempo weiter, haben wir einen 40-prozentigen Frauenanteil in den Vorständen erst in 22 Jahren erreicht.

Und nun? Dass wir mit Jennifer Morgan die erste Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns haben, ist definitiv ein Gläschen Champagner wert und feiern sollten wir diesen Erfolg auch. Ausruhen dürfen wir uns darauf allerdings nicht und sollten dringend mal einen Zahn zulegen. Das Argument, es gäbe nicht genug qualifizierte Frauen, zieht nicht. Faktisch haben in Deutschland heute mehr junge Frauen als Männer die Fachhochschul- und Hochschulreife und im Durchschnitt die besseren Abiturnoten. Im Studium (sogar in den Naturwissenschaften!) setzt sich der Trend fort. Und nein, keine Sorge, das ist dann auch nicht nur im Sinne der Frauen, das ist auch im Sinne der Unternehmen. Schließlich gibt es mittlerweile genug Studien, die belegen, dass mehr Frauen in Spitzenposten mit gesteigertem ökonomischem Erfolg einhergehen. Wenn das endlich wirklich allen klar wird, besteht Hoffnung: In jedem Jahr werden rund 100 Vorstandsposten in den 160 Börsenunternehmen neu besetzt. Im vergangenen Jahr hat jeder fünfte Mann sein Vorstandsmandat abgegeben, aber nur jede 14. Frau ihres. Das birgt unheimlich viel Potenzial, die frei werdenden Posten mit weiblichem Nachwuchs zu besetzen. Schluss mit dem Platz am Katzentisch für Frauen, SAP macht es ganz wunderbar vor.

Das könnte dich auch interessieren:

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

Ein Kommentar
Kasia Mol-Wolf

Danke für diesen wichtigen Kommentar! Genauso sehe ich es auch. Wir sollten alle Jennifer Morgan feiern . Und ich mag ihren Führungsstil und ihre Aussage im Spiegel-Interview, dass wir zum Thema Frauenförderung mit den Männern am Tisch sitzen möchten. Denn die meisten Entscheider sind in diesem Land nun mal immer noch Männer. Ich finde es nur schade, dass sie eher gegen die Frauenquote ist. Denn ohne werden wir es nicht schnell nach vorn schaffen, da bin ich auch ganz der Meinung der Autorin.

Antworten

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus!

Hey du! Schön, dass du hier bist. 😊

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team bestehend aus 65 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Danke für deine Unterstützung.

Digitales High Five,
Stephan Dörner (Chefredakteur t3n.de) & das gesamte t3n-Team

Anleitung zur Deaktivierung