Reportage

Schulbank für Manager: Ist Digitalisierung lernbar?

Seite 4 / 5

Aber die Frage nach der Zielgruppe wirft auch die Frage nach der Ethik auf. Das Influencer-Marketing sei längst gekippt, sagt Simon. Schon längst gehe es nicht mehr um Authentizität, sondern um perfekt inszenierte Bilder – und um Geld. Er verweist auf die immer wieder auftauchende Schleichwerbung, auf nicht gekennzeichnete Posts, in denen Social-Media-Stars irgendwelche Produkte anpreisen und dafür im Hintergrund enorme Summen kassieren.

„Ist Ehrlichkeit dann überhaupt nocht wichtig?“, fragt Jens. „Wir Unternehmen wollen ja verkaufen.“

Simon schüttelt vehement den Kopf. „Nutzt die fehlende Medienkompetenz eurer Zielgruppe nicht aus“, warnt er. Ein Unternehmen solle sauber arbeiten und seine Produkte kennzeichnen. Auch wenn es nicht unbedingt auf die Marke zurückfalle, wenn es das nicht tue.

Digitalisierung-Simon-Bolts-3-180222-620x349.jpg" alt="" width="620" height="349" /> Simon Bölts. (Foto: Good School)

Das mit der Medienkompetenz ist übrigens nicht nur in jungen Zielgruppen ein Problem. Auch in den Unternehmen selbst fehlt es oft an digitalem Basiswissen. „Bei uns wissen die Mitarbeiter nicht einmal, wie sie Facebook öffnen können“, sagt Marie, sie kümmert sich Marketing bei einem großen Lebensmittelkonzern. „Man könnte die hier gar nicht hinsetzen – viel zu viele Fachbegriffe.“ Auch wenn die heiße Diskussion also den Eindruck erwecken mag, dass alle Unternehmen soziale Medien verstanden haben: Das „Update Digital“ besuchen nur deren digitale Experten, nicht die digitalen Analphabeten.

Doch auch Experten kann man noch überraschen. Und zwar herrlich einfach: mit Affiliate-Links. „Making Money“ ist der Vortrag von Harald überschrieben, und das trifft den Kern ziemlich genau. Ohne Powerpointpräsentation, nur mit der Live-Eingabe von Adressen in den Browser erklärt er, wie er vom normalen Angestellten zum Umsatzmillionär geworden ist. Dafür hat er zunächst nichts anderes gemacht als Affiliate-Websites aufzubauen, also Seiten, auf denen Produkte gelistet sind, die beim Anklicken wiederum auf die Seite des tatsächlichen Herstellers führen. Kauft der Kunde dank dieses Affiliate-Links ein, bekommt der Affiliate-Seitenbetreiber einen bestimmten Prozentsatz des Kaufpreises. Ein schlichtes, aber effektives Modell.

Harald versuchte es zunächst mit der Birkin Bag. Die Handtasche kostet pro Stück schon mal 1.400 Euro. Der Unternehmer baute eine ganze Seite nur mit Bildern dieser Handtaschen auf, sie verwiesen auf andere Shops. Doch obwohl er die Kunden auf die Shoppingseiten weiterleiteten, bestanden sie darauf, dass er nicht der letzte Klick gewesen sei. Klar: Wenn der Kunde die Affiliate-Seite einfach verließ und den Originalhersteller suchte, verdiente Harald nichts daran. Er beschloss, sein eigenes Produkt herzustellen, und stieß auf ein Mittel namens Arginin. Das Nahrungsergänzungsmittel stammt aus einer Alge, die im Marketingsprech als „Superfood“ bezeichnet wird. Gemeinsam mit seinem Bruder investierte Harald 20.000 Euro in die Herstellung von Arginin-Kapseln.

Im ersten Schritt hätten sie Produktrecherche betrieben, so Harald. Sie wollten das Produkt mit dem höchsten Anteil an Chlorophyll bieten, damit die Kunden wieder kaufen. Statt einen eigenen Shop aufzusetzen, verkauften sie nur über Amazon. Dort optimierten sie das Listing, bis sie ganz oben zu finden waren, schalteten Werbung – „das machen immer noch wenige“ –, bauten wiederum Affiliate-Seiten auf, die zu ihrem Produkt führten, schrieben Partnerseiten an, ob sie das Produkt nicht bewerben wollten, investierten Geld in Anzeigen bei Focus Online. „Amazon eignet sich hervorragend für die Markenbildung“, sagt Harald und grinst verschmitzt. Im Bootshaus grinsen alle zurück, immer wieder sind ungläubige Lacher zu hören, aber die meisten sitzen einfach völlig gebannt auf ihren Stühlen.

Nicht innovativ, aber clever

Was hat Haralds Erfolg mit der Digitalisierung in Unternehmen zu tun? Diese Frage beantwortet der Unternehmer schließlich selbst. Er googelt den Namen einer Sparkasse, für die eine Teilnehmerin arbeitet. „Guck mal, da könntet ihr viel weiter vorne stehen, wenn ihr ein bisschen Content-Marketing betreibt und das Schlagwort in die Überschrift mit reinnehmt“, sagt er. Auch den Energiebetreiber nimmt er sich vor – der erscheint in der Google-Suche auf der ersten Seite ganz unten. „Da müsst ihr mal Werbung schalten, damit die Leute euch finden“, sagt er.

„Mein Montag wird ein bisschen anders aussehen.“ 

Natürlich ist Haralds Geschichte nicht unbedingt der innovativste Weg, um Geld im Internet zu verdienen. Ein Mix aus Suchmaschinenoptimierung, Amazon-Marketing-Services, cleverer Produktplatzierung. Trotzdem ist es einer der klügsten Wege: minimaler Aufwand, maximaler Ertrag. Als Harald fertig ist, gibt es tosenden Applaus. Simone, die Leiterin der Good School, hat am Anfang des Kurses 50 Euro gewettet, dass nach der „Learning Experience“ der Montag darauf für jeden etwas anders aussehen werde. Marten und Oliver sagen nach dem Vortrag fast zeitgleich: „Mein Montag wird ein bisschen anders aussehen.“ Alle lachen.

Aber ein bisschen Marketing, ein bisschen Datenverarbeitung, ein bisschen Social Media, das reicht nicht aus. Wer mit den Teilnehmern in Hamburg spricht, der hört immer wieder ein zentrales Thema, das die Digitalisierung in ihrem Unternehmen erschwert: das Mindset der Mitarbeiter. „Im Moment ist die Frage, die wir am häufigsten hören: Wie nehme ich die Leute im Unternehmen mit?“, sagt Simone Ashoff.

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

Schreib den ersten Kommentar!

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.