Interview

Managementforscher: „Für gute Entscheidungen braucht es kein Talent“

Seite 2 / 2

Eine weitere Methode für bessere Entscheidungen ist beispielsweise der „Red Team Blue Team“-Ansatz, bei dem zwei Teams mit ganz unterschiedlichen Perspektiven auf eine Entscheidung blicken und dann gemeinsam diskutieren, um möglichst diverse Sichtweisen in den Entscheidungsprozess einzubringen. So kann man selbst gut lernen und andere Argumente in die eigene Bewertung aufnehmen.

Kennen Sie ein populäres Beispiel für eine schlechte Entscheidung, von der Sie sagen, hier kam mit ziemlicher Sicherheit keine dieser Methoden zum Einsatz?

Ja, die Videothekenkette Blockbuster ist dahingehend ganz interessant. Sie hat sich dagegen entschieden, ein Abo-Modell einzuführen, weil sie circa 15 Prozent des Gewinns durch die Gebühren von zu spät abgegeben Filmen gemacht haben. Hier gab es wahrscheinlich keine offene Diskussion mit möglichen Kritikern der Idee, sondern eher einen komplett nach innen gekehrten Entscheidungsprozess.

Das Unternehmen kam Anfang der 2000er ins Straucheln. Es ging mehrmals insolvent und wechselte den Eigentümer. Ein typisches Beispiel von „Digitalisierung verpasst“. Hätte der CEO damals wissen können, dass lokale Videotheken keine Zukunft haben?

Im Grunde gibt es drei Mechanismen für schlechte Entscheidungen: In der Regel treffen wir sie überhastet. Dann denken wir nicht ausreichend über mögliche Optionen und Konsequenzen nach. Außerdem spielen Emotionen eine wichtige Rolle. Wenn wir unter großem Stress stehen, Angst haben oder euphorisch sind, betrachten wir die Entscheidung nicht objektiv. Zu guter Letzt kann es auch eine Fehlentscheidung sein, gar keine Entscheidung zu treffen. Viele Menschen schieben wichtige Beschlüsse ewig auf, weil sie Angst haben, eine schlechte Wahl zu treffen. Die Entscheidung am Status quo festzuhalten, selbst wenn er noch ganz passable Ergebnisse bringt, muss nicht zwangsläufig richtig sein. Diesen Fakt hätte man damals zumindest in Betracht ziehen müssen.

Sie haben sich in ihrer Karriere selbst einmal neu erfunden. Trotz eines guten Jobs im Bankenwesen haben Sie sich dazu entschieden, noch mal zu studieren. Wie leicht fiel die Entscheidung damals?

Diese Entscheidung habe ich mir gut überlegt und mit verschiedenen Ratgebern besprochen. Es fällt einem sicher nie leicht, einen Job und vor allem das Team zu verlassen, mit dem man gerne zusammengearbeitet hat. Trotzdem war ich damals davon überzeugt, dass dies die richtige Entscheidung war und das denke ich auch heute noch.

Was für Ratgeber waren das? Ich könnte mir vorstellen, dass ein „Folge deinem Herzen“-Spruch schneller von einem Arbeitskollegen kommt als beispielsweise von dem Partner, der die Familie versorgt wissen möchte.

Ich habe die Entscheidung vor allem mit Freunden und meiner Familie besprochen, was nicht immer gut sein muss. Denn auch hier kann es eigene Interessen geben, die den Rat beeinflussen. Ein guter Freund könnte zum Beispiel eher gegen einen neuen Job in einer neuen Stadt argumentieren, damit er auch weiterhin viel Zeit mit einem verbringen kann. Darüber hinaus habe ich aber auch mit anderen Studenten der Universität gesprochen, wo ich meinen MBA gerne machen wollte. Hier habe ich sehr gute Tipps bekommen von Menschen, die vor der gleichen Entscheidung wie ich standen.

Ist das ein Ratschlag, den sie uneingeschränkt weitergeben würden: Menschen in ähnlichen Situationen und Umfeldern hinzuziehen?

Wichtig ist, dass man sich Ratschläge von Menschen einholt, die selbst schon einmal vor dem gleichen Problem standen und es im besten Fall sogar gelöst haben. Es macht keinen Sinn, jemanden zu fragen, ob man ein Unternehmen gründen sollte, der selbst kein Unternehmer ist. Sein Erfahrungsschatz ist gleich null.

„Emotionen spielen bei schlechten Entscheidungen eine wichtige Rolle.“

Kommen wir auf ihr Buch zu sprechen, das kürzlich erschien. Sie haben entlang ihrer Forschung einen siebenstufigen Prozess ausformuliert, der zu besseren Entscheidungen führt. Wie sieht der aus?

Das Buch habe ich geschrieben, als ich festgestellt habe, dass es vielen Menschen schwerfällt, Entscheidungen zu treffen – egal ob im privaten oder beruflichen Umfeld. Gleichzeitig gibt es zu dem Thema aber etliche Forschungsergebnisse, die kaum bekannt sind. In meinem Buch habe ich die Ergebnisse dieser Forschung zu einem Prozess verdichtet, der den Lesern dabei helfen soll zu lernen, gut zu entscheiden. Die Schritte und Methoden in dem Prozess helfen dabei, das richtige Problem zu identifizieren, die richtigen Ratgeber auszuwählen, seine Idee auf die Probe zu stellen und am Ende auch tatsächlich eine Entscheidung zu treffen, ohne diese unnötig ewig aufzuschieben.

Woher weiß ein Entscheider, ob er das richtige Problem erkannt hat? In ihrem Prozess kommt dieser Schritt noch vor dem Einholen von Ratschlägen durch einen Experten und einen Kritiker.

Hierfür kann die Person eine einfache Methode anwenden, die auch Jeff Bezos nutzt. Wir sollten dreimal nach dem „Warum?“ fragen. So können wir sicherstellen, dass wir das eigentliche Problem anpacken und uns nicht mit einer zunächst offensichtlich erscheinenden Herausforderung beschäftigen. Nur wenn wir mit unserer Entscheidung unser tatsächliches Problem lösen, kann sie auch gut sein. Viel zu oft übersehen wir das eigentliche Problem. Der Harvard-Professor Max Bazerman spricht von „unbewusster Unaufmerksamkeit“. Wir fokussieren uns nur auf Symptome. Auch Emotionen spielen eine wichtige Rolle. Verschiedene Experimente haben gezeigt, dass Stress oder Angst unsere Aufmerksamkeit fokussieren. Das hat Vorteile, kann jedoch auch dazu führen, dass wir übersehen, um was es wirklich geht.

Angenommen, eine Person ist am letzten Schritt angekommen. Sie setzt sich eine Deadline und will die Entscheidung fällen, ist sich jedoch nicht zu Hundert Prozent sicher bezüglich der Folgen. Auch nach eingängiger Abwägung weiß sie nicht, wohin sich das Ergebnis entwickeln wird. Soll sie auf die Chancen oder die Risiken setzen?

Es kann niemand in die Zukunft schauen. Studien zeigen, dass selbst Volkswirte oder Top-Führungskräfte von Unternehmen, deren Spezialgebiet es ist, die wirtschaftliche Entwicklung vorherzusagen, oft daneben liegen. Wenn man auf den perfekten Moment wartet, wird man daher nie entscheiden können, da sich diese Unsicherheit nie ganz auflösen lässt. Daher würde ich persönlich einfach die Entscheidung treffen, sobald ich die vorherigen Schritte durchlaufen und die Entscheidung durchdacht habe. Am Ende sind die meisten Entscheidungen ja auch nicht endgültig, sondern man kann sie über die Zeit anpassen oder weiterentwickeln, sobald sich die Umweltbedingungen ändern.

Danke für das Gespräch.

Gerne.

Erfolgreicher im Job: 15 Apps, die im Berufs- und Privatleben helfen
Jobsuche: Die kostenlose Truffls-App für iOS und Android ist ein Tinder für Bewerber. Wer auf der Suche nach einem interessanten Job ist und fündig wird, swipt einfach nach rechts und schickt einen Lebenslauf ab. Antwortet das Unternehmen, kommt es zum Match. (Grafik: t3n / dunnnk)

1 von 15

Übrigens, auch dieser Beitrag könnte dich interessieren: Menschen entscheiden für sich oft anders als für andere in gleichen Situationen. Daraus lässt sich eine Methode ableiten. Lies auch: Diese Methode hilft dir, schnelle und klügere Entscheidungen zu treffen

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

3 Kommentare
Tanja
Tanja

Darf ich zu dem Thema auch eines meiner Lieblingsbücher empfehlen?
„Die Stunde der Dilettanten“ von Thomas Rietzschel, ISBN: 3552055541

Antworten
kk_koenig

Checklisten sind also eine Methode. Welche gibt es noch?

Danach fehlt zumindest bei mir mobil der Rest de Artikels

Antworten
Kobold
Kobold

Wer braucht so ein Interview? Kein Invest, echte Zeitverschwendung.

Antworten

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus!

Hey du! Schön, dass du hier bist. 😊

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team bestehend aus 65 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Danke für deine Unterstützung.

Digitales High Five,
Stephan Dörner (Chefredakteur t3n.de) & das gesamte t3n-Team

Anleitung zur Deaktivierung