Reportage

Der 5G-Hau-den-Lukas: So schwer ist es für die Hannover Messe, das neue Netz zu zeigen

Endlich da: Auf der Hannover Messe wird ein 5G abgeladen. (Foto: dpa)

5G ist eines der wichtigsten Themen der Hannover Messe und der Industrie. Nur – wie sollen Aussteller etwas zeigen, was man weder sehen noch hören kann?

Irgendwer bei Siemens hat sich also den 5G-Hau-den-Lukas ausgedacht. Er steht in Halle 16, zwischen den 5G-Chips von Qualcomm und dem 5G-Industrieroboter von Bosch. Links steht eine Säule mit Leuchtdioden, wie bei einem Hau-den-Lukas auf der Kirmes. Auf einem Tisch rechts daneben liegt ein Kissen mit Lederbezug (der Druckmesser) vor einem Drucker, einer Kamera, zwei Bildschirmen und einem Qualcomm-5G-Modem, das aussieht wie ein Handy von 2018.

Ich schlage mit beiden Händen auf das Kissen, links klingeln sich die Leuchtdioden bis zur Spitze der Säule hoch, ein Bildschirm zeigt Zahlen an. Dann, so erklärt mir eine Frau an dem Stand, werden die Daten über das Qualcomm-Gerät per 5G zu dem anderen Bildschirm rübergefunkt. Aus dem Drucker kommt ein Bild meiner zusammengebissenen Zähne beim Hau-den-Lukas-Hauen. Das ist also dieses 5G.

4 Gründe, warum 5G so schwer zu zeigen ist

Außer, dass ich mit 1.408 Newton auf ein Kissen hauen kann, lerne ich vor allem eins: Es ist sehr schwer, 5G sinnvoll darzustellen. Es gibt ein paar Gründe dafür:

  1. Man kann dieses 5G nicht sehen, nicht hören und nicht anfassen. Auch bei der Hannover Messe dürfte einiges an Gehirnschmalz in den Versuch investiert worden sein, irgendwas zu zeigen, was nicht auch mit 4G möglich gewesen wäre. (Der 5G-Hau-den-Lukas gehört nicht dazu, auch wenn ich ihn mag.)
  2. 5G ist die berühmte Konvergenz, das Zusammenfließen von Disziplinen: 5G sind die Sachen, die man bei Mobilfunk (Frequenzen und so) schon nicht verstanden hat, und die Sachen, die man bei IT nicht versteht, in zwei Zeichen.
  3. Es gibt nicht ein 5G. Auf der Hannover Messe ist das sowas wie ein Running Gag: „Könn’se mir mal ’n 5G hier hinstellen?“, lachen die Leute von den technischen Hochschulen an ihren Ständen. Was sie damit sagen wollen: Es wird nicht wie bei 4G einen Standard geben, der im Idealfall überall gleich ist. Für die verschiedene Fälle braucht man verschiedene 5G-Netze mit verschiedenen Fähigkeiten: In Fabriken sollte das 5G-Netz darauf spezialisiert sein, die Maschinen zu verbinden. Dafür sollte es vor allem schnell reagieren – unter zwei Millisekunden. Bei einem Feuchtigkeitsmesser auf einem Feld in Brandenburg wiederum ist es nicht ausschlaggebend, dass der Bauer innerhalb von zwei Millisekunden erfährt, dass es regnet.
  4. Die Frequenzversteigerungen sind noch nicht vorbei. Die Telekommunikationsanbieter haben noch nicht bei Ericsson oder Nokia oder Huawei bestellt. Bis jetzt ist 5G nur ein großer Plan, wie die totale Vernetzung irgendwann werden könnte. Und wie das so ist bei Plänen, wie es werden könnte – jede und jeder kann einen Hut in den Ring werfen.

Eine Meinung – pro Experte

Ich recherchiere seit ein paar Wochen zu 5G, und ich höre allein zu der Huawei-Sicherheitsdebatte von jedem ausgewiesenen Experten eine andere Meinung: Die Amerikaner sagen, China könnte alles ausspionieren, wenn Huawei-Technik in den 5G-Netzen verbaut wird. Der BND rät auch davon ab. Die Bundesregierung sagt (Stand: 5. April 2019) man könne die Geräte testen und zertifizieren. Sicherheitsforscher sagen, es grenze an technische Unmöglichkeit, auf den unzähligen, riesigen Motherboards einen einzigen Chip zu finden, der nicht genau das macht, was er soll. Andere sagen: Ist eh alles Software, und die muss ständig aktualisiert werden, vom Hersteller. Wieder andere sagen, da können ruhig Wanzen drauf sein, wir sollten eh nur ein Drittel aus China einkaufen. Ein anderes beliebtes Argument ist: Egal, wir verschlüsseln alles Ende-zu-Ende.

Und wie gesagt, Sicherheit ist nur ein Aspekt der 5G-Debatte. Erst dann kommen die berüchtigten Milchkannen-Diskussionen.

„Wann bauen Sie bei uns dieses 5G?“

Dass 5G so schwierig ist, sorgt natürlich für Missverständnisse. Ein Manager einer der drei großen Telekos in Deutschland sagte mir, dass jetzt schon Bürgermeister von kleinen Gemeinden bei ihm anrufen und fragen: Wann bauen sie dieses 5G bei uns?

Verständlicherweise ist man geneigt, sich 5G vorzustellen wie 4G, nur eben schneller. Man hat’s, oder man hat’s nicht. Man kann an der Bushaltestelle in der Pampa Netflix streamen oder eben nicht. Aber man braucht für Netflix keine Reaktionszeit (die berüchtigte Latenz) von Millisekunden. Netflix wird auch mit 5G nicht besser. Zumindest erstmal nicht. Solange man nicht mit einem Virtual-Reality-Headset von der Bushaltestelle aus Drohnen steuert, reicht auch erstmal 4G. Und höchstwahrscheinlich wird auch auf absehbare Zeit niemand bei seinem privaten Handyvertrag draufzahlen, um an der Bushaltestelle Latenzen im Millisekundenbereich zu genießen. Kurz: Die 4G-nur-schneller-Erklärung ist irreführend, denn 5G ist erstmal ein Industriestandard.

Das alles ist der Fluch der 5G-Arena der Hannover Messe: Man hat sich wirklich Mühe gegeben, aber es schockt nicht. Das Hannoveraner Automatisierungsunternehmen Götting hat einen Bildschirm am Stand. Man kann dort ein Videostream sehen, von einem kleinen Roboter, der vor Halle 26 langsam im Kreis fährt. Zugegeben, hochaufgelöst, ohne Ruckeln. Aber auch ein hochaufgelöstes, flüssiges Bild von Asphalt und Messegebäuden bleibt ein Bild von Asphalt und Messegebäuden.

Bosch hat einen Roboterarm aufgebaut, mit einem Laser-Projektor vorne dran, der kleine Bildchen vor sich hin projiziert. Für Leute bei Bosch ist es ein Riesending, wenn sie die Roboter in der Fabrik per 5G steuern können. Kabel brechen, Kabel sorgen für Fehler, die man suchen muss, Kabel ärgern die Brandschutz-Leute im Werk. Der Bosch-Ingenieur drückt neben dem Roboter-Arm auf einem Tablet auf einen gelben Knopf. Der Roboter hält an. Zugegebenermaßen sehr schnell. Der Ingenieur schaut mich großen Augen an. „Das alles ohne Kabel!“, sagt er. Ich gebe mein Bestes, begeistert zu wirken. Ich finde den Versuch, 5G zu zeigen, ehrenwert.

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