Kolumne

Hört auf zu jammern: Ein Plädoyer für Mut und Haltung in der Führung

(Foto: Shutterstock)

Eine Jammerkultur hat sich etabliert. Warum es wichtig ist, dagegen anzusteuern, erklärt Christiane Brandes-Visbeck in ihrer Kolumne „Transform or die“.

Auf dem Hamburger Rathausplatz demonstrieren Anfang März bei schönstem Sonnenwetter rund 4.000 Schülerinnen und Schüler für den Klimawandel. Unter ihnen ein kleines Teenagermädchen mit langen Zöpfen und einer weißen Wollmütze. Ihr Name ist Greta Thunberg. Die schwedische Schülerin hat mit ihren #FridaysforFuture-Protestaktionen eine globale Welle ausgelöst. Im Welt-Interview forderte die junge Umweltaktivistin von Jugendlichen in aller Welt, Mut und Haltung zu zeigen:

„(Es ist) einfach fantastisch (…). Dass wir zusammen für unsere Zukunft kämpfen. Wenn genug Kinder und Jugendliche lange genug protestieren, können wir echte Veränderungen erreichen. Deshalb sage ich allen jungen Menschen: Macht mit. Sagt es euren Freunden und, bitte, gebt nicht auf, nie und nochmals nie. Es ist nie zu spät, alles zu tun, was in unserer Macht steht.“

Heute steht #FridayforFuture für die bisher größten Schüler*innenproteste unserer Geschichte.

Ausgelöst von einem 16-jährigen Mädchen. Kein Wunder, dass Greta Thunberg für den Friedensnobelpreis nominiert wurde. Sie hat es mehr als verdient!

Angst abgehängt zu werden

Szenenwechsel. Bei Hamburger Schietwetter strömen vornehmlich ältere Menschen in Windjacken und unter Schirmen zu Hapag Lloyd am Hamburger Ballindamm. Gebückt hasten sie die breiten Treppen hoch zum Haupteingang des im Stil eines italienischen Renaissance-Palastes erbauten Konzern-Zentrale. Es sind Zeit-Abonnent*innen, die sich an einem „Unter-Freunden-Abend“ zum Thema „Wie arbeiten wir morgen?“ informieren wollen. Auf dem Podium diskutieren Uwe Jean Heuser, Moderator und Chef des Wirtschaftsressort von Die Zeit, mit dem Agenturinhaber Lasse Rheingans, der seine Mitarbeiter*innen bei vollem Gehalt nur fünf Stunden arbeiten lässt, und mir, Fachbuchautorin über Digital Leadership und New Work sowie Expertin für Neues Arbeiten. Auch die Zukunft der Arbeit scheint ein Thema zu sein, das Menschen in Deutschland landauf und landab beschäftigt. Die perfekt organisierte Abendveranstaltung der „Freunde der Zeit“ war ausverkauft. Zeit-Leser*innen verfolgten mit großem Ernst und reger Anteilnahme unser Gespräch. Die anschließende Diskussion war intelligent, lebendig, durchaus kritisch, und von einer unfassbaren Ratlosigkeit geprägt. Eines wurde deutlich: Ein Großteil der sozial-liberalen, bürgerlichen Elite hat Angst davor, von der zunehmenden Digitalisierung abgehängt zu werden. Unsere Aufforderung, anstatt aufzugeben, die Zukunft zu gestalten, verhallt. Und nun?

Hört! Auf! Zu! Jammern!

Ich gebe zu, dass auch ich mich in den Wochen davor recht mutlos fühlte. Ich noch nicht einmal Lust, über meine Lieblingsthemen Digital Leadership und Neue Arbeit zu twittern. Die Lehmschicht der Veränderungsunwilligen schien so zäh. Die Angst vor dem Verlust von Status, Einfluss und Macht größer denn je. Und während wir im Inneren verzagen, geht es draußen im rasanten Tempo weiter. Die zunehmenden Veränderungsdynamiken, die die Digitalisierung mit sich bringt. Und die Furcht vor den Mächtigen, die allerorten unsere Umwelt zerstören. Dieser verzagte Fatalismus, dieses unaufhörliche Jammern – ist das ein typisch deutsches Phänomen? Zu schnacken, aber nichts zu machen? Immer einen anderen zu suchen, der Schuld ist und deshalb als erstes handeln soll? Als unsere Staatsministerin im Bundeskanzleramt Dorothee Bär von der SXSW Digitalkonferenz in Austin, Texas nach Deutschland zurückkehrte, twitterte sie verzweifelt.

Jammern ist der Kleister unserer Kultur. Wenn man morgens im Office gemeinsam über das Wetter gejammert hat, kann der Büroalltag beginnen. Doch ist das beliebte Jammer-Ritual besonders im Land der Dichter und Denker fatal: Wie der US-amerikanische Psychologe Jeffery Lohr betont, führt Dauerjammern zu einer negativen Grundeinstellung. Jammern stresst den Menschen so sehr, dass es, wie eine Studie der Stanford Universität nahelegt, den Teil des Gehirns dauerhaft schrumpfen kann, der für das Gedächtnis zuständig ist und auch als erstes von der Alzheimer-Krankheit angegriffen wird. Spätestens jetzt sollten wir – schon aus gesundheitlichen Gründen – positiver denken.

Vor allem Dankbarkeit führt zu dramatischen und bleibenden Effekten in dem Leben eines Menschen, lehrt der Psychologe Robert A. Emmons an der Universität of California in Davis. Allein durch Dankbarkeit sinkt der Cortisolpegel nachgewiesenermaßen um 23 Prozent. Bessere Laune, weniger und mehr Energie – das sind die Voraussetzungen, die sich vor allem Menschen in Führung aneignen sollten. Anstatt 1.000 Gründe vorzutragen, warum die Welt verloren ist, ist es gesünder – und auch für die Karriere zuträglicher –, etwas zu tun, was uns Hoffnung gibt. Greta Thunberg formuliert dies in ihrem (sehenswerten) Ted-Talk so: „Once we start to act, hope is everywhere“, auf deutsch: „Sobald wir handeln, ist überall Hoffnung.“

Sobald wir handeln, ist überall Hoffnung

Seit vielen Jahren initiiere und begleite ich Veränderungen an der Schnittstelle von Digitalisierung, Kommunikation und Leadership. Gerade in diesem Dreieck können Sinn (Purpose) und Werte nachhaltig entwickelt und in die Organisation sowie von dort aus in die Welt getragen werden. Es liegt an den Führungskräften, Freiräume zur Persönlichkeitsentwicklung und für das Erlernen und Ausprobieren von zukunftsweisenden Fähigkeiten einzurichten. Für People-Labs sozusagen, wo Menschen gemeinsam üben können, wie das mit der eigenen Transformation zum Wohle der Organisation am besten funktioniert. Menschen definieren die Kultur und Haltung von Organisationen. Diese wiederum definieren ihre Sicht auf die Welt, ihre Narrative und, wie die Produkte und Dienstleistungen von morgen aussehen können. Denn unser Denken bestimmt die Kultur, unsere Handlungen den wirtschaftlichen Erfolg. Unsere Limitierungen, unsere mangelnde Bereitschaft, Veränderungen zu leben und zu gestalten, lassen Unternehmen über kurz oder lang sterben.

Am Ende des Tages geht es darum, wie aus der Sicht von heutigen Führungskräften neue Geschäftsmodelle entwickelt, Kunden- und Mitarbeiterorientierung gelebt, Digitalisierung und Hypervernetzung zum Wohle von arbeitenden Menschen und einen nachhaltigen Ertrag eingesetzt werden können. Denn solange wirtschaftlicher Erfolg und Nachhaltigkeit sowie Menschenorientierung als Widerspruch angesehen werden, solange Entscheider*innen glauben, dass Klimaschutz und Neues Arbeiten nicht profitabel sind, solange wird sich in unserer kapitalistisch organisierten Welt nicht viel verändern.

Mit Mut und Haltung in die Zukunft führen

Die Ratlosigkeit vieler Entscheider*innen angesichts dieser großen Herausforderungen, wie ich sie bei den „Freunden der Zeit“ erlebt habe, hat mich aufgerüttelt. Seitdem frage ich mich, warum sind die einflussreichen Menschen, die liberal und sozial eingestellt sind, die noch am ehesten mit Vielfalt umgehen können und verstehen, dass wir in Zukunft gerade diese Mehrstimmigkeit brauchen, um für wirtschaftliche und politische Herausforderungen gemeinsam vernünftige Lösungen zu finden, warum sind gerade diese demokratisch agierenden Menschen so still und verzagt? Meine These ist: Wir benötigen weniger Druck, mehr Zeit zum Nachdenken, mehr Achtsamkeit und Vertrauen, damit wir die Erfolgsgeschichten – auch Narrative – aus den eigenen Reihen entwickeln und erzählen können. Und so paradox es sich anhört, dieselbe Situation, die mich vorerst gelähmt hat, treibt mich nun an. Es ist wichtig, diese Ratlosigkeit zu spüren, den Panikmacher*innen zuzuhören und die Verängstigten ernst zu nehmen. Weil wir es nicht aushalten, dass nichts passiert, fangen wir an zu handeln. Weil Stillstand keine Option für echte Leader ist, wollen wir die Veränderungen mit Mut und Haltung vorantreiben.

Jetzt ist es an uns, uns zu bewegen. Auch wenn es unbequem ist. Was ist schon Bequemlichkeit, wenn es um unsere Zukunft geht und die Zukunft unserer Kinder und Kindes-Kinder?

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