Analyse

Hooked: Mit Chat-Geschichten und Cliffhanger-Ads zum App-Store-König

(Foto: t3n)

Jugend liest nicht mehr? Dass die App Hooked nach den USA nun auch in Deutschland Platz eins des App-Stores belegt, spricht dagegen. Dort können Jugendliche Geschichten im Stil von Whatsapp-Chats lesen.

Mehr als 14 Millionen Mal ist Hooked weltweit bereits installiert worden; Schätzungen zufolge hat die App bereits mehr als vier Millionen US-Dollar umgesetzt. OMR erklärt den Erfolg und die Marketing-Strategie dahinter.

Tiffany: „Hörst du das?“ – Mom: „Was soll ich hören?“ – Tiffany: „Da schreit ein Baby.“ – Mom: „Ich bin nicht zu Hause. Warte, bis ich wiederkomme.“ – Tiffany: „Es kommt aus dem Keller.“ – Mom: „Geh da nicht runter, Tiff.“ – Tiffany: „Was, wieso nicht?“ – Mom: „Es gibt da etwas über deinen Vater, das ich dir nicht erzählt habe.“

„Literatur für die Snapchat-Generation“

Das ist der Anfang einer für die App Hooked typischen Geschichte. Die Geschichte beginnt, ohne dass die Leser Informationen über die Protagonisten erhalten. Als Voyeure können die Leser einen SMS- oder Chat-Verlauf mitlesen. Mit jedem Antippen des Bildschirms erscheint eine neue Sprechblase. Am Ende erfolgt meist eine mehr oder minder überraschende Wendung.


„Unser Ziel war es, Literatur für die Snapchat-Generation neu zu erfinden“, schreibt Prerna Gupta, Mitgründerin und CEO von Telepathic, dem Unternehmen hinter Hooked, in einem Artikel auf Medium über die Entstehung der App. Gupta ist schon lange in der App-Economy unterwegs. Mit ihrem vorherigen Unternehmen Khush hatte sie erfolgreiche Musik-Spaß-Apps wie Autorap und Songify entwickelt. Im Jahr 2011 verkauften sie und ihr Ehemann und Mitgründer Parag Chordia nicht nur ihr Unternehmen, sondern auch einen Großteil ihrer Besitztümer und reisten um die Welt.

Ernüchternder A/B-Test für Hooked

„Fast jeder Teenager, der unsere Chat-Geschichte angefangen hatte, las sie in einem Rutsch zu Ende.“


Eigentlich will sie in dieser Zeit einen Roman schreiben, ist sich aber nicht sicher, ob es für Romane mit einer dunkelhäutigen weiblichen Hauptfigur einen Markt gibt. Also entwickelt sie ein System, mit dem sie mit Ideen für Geschichten A/B-Tests durchführen kann: Welche Variante einer Geschichte kommt bei Lesern besser an?

„Wir sahen damals erstmals großes Geschäftspotenzial im Storytelling“, so Gupta. „Wir fragten uns: Wie bekommen wir den Großteil der Teenager dazu, uns ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken, auf ihren Handys, um Literatur zu lesen?“ Sie führt deswegen einen Test mit den Anfängen von 50 Romanen für junge Erwachsene durch. Über Facebook-Anzeigen generiert sie 15.000 Leser für die Fünf-Minuten-Lektüren: Das ernüchternde Ergebnis: Die erfolgreichsten Stories werden von einem Drittel der Leser zu Ende gelesen, viele davon von weniger. „Dann hatten wir die verrückte Idee einer Geschichte im Format einer SMS-Konversation.“ Die „Completion Rate“ sei in die Höhe geschossen: „Fast jeder Teenager, der unsere Chat-Geschichte angefangen hatte, las sie in einem Rutsch zu Ende.“

Chats sorgen schon seit Langem für Reichweite

Die Macher von Hooked sind nicht die ersten, die die Erfahrung machen, dass Chat-Konversationen in der digitalen Sphäre für große Reichweiten sorgen können: In Deutschland ist beispielsweise die über Facebook groß gewordene Website „Chat von gestern Nacht“ (im Jahr 2009 als „SMS von gestern Nacht“ gestartet) seit vielen Jahren sehr bekannt und verzeichnet immer noch 1,7 Millionen Fans. Sechs Bücher haben die beiden Betreiber mit den von ihren Fans eingeschickten, angeblich realen Konversationen bereits gefüllt.

Auf Instagram sind für Viral-Accounts wie „Megachats“ mehr oder minder lustige oder kuriose Whatsapp-Konversationen ein beliebtes Content-Format. Und auch Spam-Viral-Seiten auf Facebook setzen das Mittel ein, um Reichweite zu generieren.

Teenie-Grusel-Stories als „Billion-Dollar-Business“

Die Website Storiesforyourscreen hat im Jahr 2014 mit der sehr an Hooked erinnernden Geschichte „annie96 is typing“ einen Viral-Erfolg gelandet. Über Tumblr, Reddit und Twitter bekam die Chat-Story enorm viel Traffic. Seit Anfang diesen Jahres ist sie immer wieder Thema von Youtube-Videos, manche von ihnen mit mehreren Millionen Aufrufen.
Gupta und ihr Ehemann wollen nun mit Hooked aus diesem Phänomen offensichtlich ein Geschäft entwickeln. Mehr als 200 junge, unbekannte Autoren (die häufig gerade Schreibprogramme an US-Unis durchlaufen haben) liefern die Geschichten für die App. Die sind weit entfernt von hoher Literatur, sondern meist Schauergeschichten ohne wirkliche Tiefe.

Cliffhanger sollen Abos generieren

Seit einiger Zeit kann auch jeder Nutzer selbst Geschichten für Hooked schreiben, alleine oder sogar gemeinsam mit Freunden. Die Entwickler haben dafür einen relativ simplen Baukasten innerhalb der App zur Verfügung gestellt – eine Vergütung erhalten die Autoren offenbar aber nicht.

Die Hooked-Macher wollen indes mit einem Abo-Modell Geld verdienen. Neuen Nutzern wird nach der Installation beim erstmaligen Öffnen der App ohne weitere Erklärung gleich die erste Geschichte ausgespielt (hier der gesamte Onboarding-Prozess mit Screenshots). Doch irgendwann können sie nicht mehr weiterlesen – in der Regel bei einem „Cliffhanger“, also einer besonders spannenden Stelle.

Abos sind leicht abzuschließen und kompliziert zu kündigen

Entweder warten die Nutzer dann etwas mehr als eine halbe Stunde, bis sie neue „Hoots“ (so der Name der Hooked-internen Währung, in der deutschsprachigen Version der App ist dies amüsanterweise mit„Gröler“ übersetzt) erhalten und damit einen weiteren Teil der Geschichte freischalten können. Oder sie schließen ein Abo ab. Die Preise dafür rangieren zwischen 2,99 Euro für eine Woche und knapp 40 Euro für ein ganzes Jahr. Ein Test für sieben Tage ist kostenlos – wird danach aber ohne weitere Vorwarnung in ein kostenpflichtiges Abo umgewandelt.

„Viele Kids werden in dieses Abo laufen“, glaubt Mobile-Marketing-Experte Stefan Bielau vom Beratungsunternehmen Dynamo Partners. Ein Abonnement sei vergleichsweise schnell abgeschlossen. „Wenn man es aber kündigen will, sind das fünf bis sechs Klicks.“ In der US-Verlagsbranche hat Hookeds Geschäftsmodell sowie die über App verfügbaren Inhalte dementsprechend bereits für ätzende Kritik gesorgt.

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Ein Kommentar
peter
peter

Groschenromane als app – welch eine innovation.

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