Analyse

Digitalisierung: Kann das „Android der Industrie 4.0“ aus Deutschland kommen?

Seite 3 / 3

BP nutzt das System unter anderem, um die Sicherheit von Öl- und Gasförderstätten zu verbessern – derzeit noch im Rahmen eines Piloten ausschließlich im Golf von Mexiko. „Kommendes Jahr wird das auf alle Produktionsstätten von BP ausgeweitet.“ Das werde der bisher größte Einsatz der Predix-Technik.

Im Zentrum von Predix steht dabei immer, was GE den „Digital Twin“ nennt. Dieser digitale Zwilling ist eine virtuelle Entsprechung der zahlreichen Maschinen und ihrer Bauteile in der echten Welt. „Fabriken können nicht in einzelnen Silos automatisiert werden – sie brauchen eine gemeinsame Plattform, um die einzelnen Wirtschaftsgüter zu managen – bevor sie in der Fabrik ankommen, in der Fabrik selbst und danach.“

Auch Partnern, die Predix selbst nutzten oder eigene Dienste auf Basis von Predix anbieten, kann GE viele nennen. Dazu gehörten Unternehmen wie T-Systems, SAP, Bosch, Microsoft, Intel, Dell, Hewlett Packard Enterprise, Orange, Pricewaterhouse-Coopers, Accenture, Ernst & Young, TCS, Altran, Capgemini, Vodafone und Bearing-Point. Das französische Unternehmen Altran hat beispielsweise smarte mit Sensoren ausgestattete Arbeitskleidung auf Basis von Predix entwickelt, die mit den Maschinen der Fabrik kommuniziert. „Damit werden Maschinen automatisch abgestellt, sobald einem Arbeiter ein Stromschlag droht.“

Die Investitionen in Software machen sich auch beim Umsatz bemerkbar. Vergangenes Jahr sei der Umsatz mit Software bei GE um 25 Prozent auf 7 Milliarden Dollar gewachsen. „Damit ist GE das am schnellste wachsende digitale Industrieunternehmen der Welt.“ Bis 2020 will GE 15 Milliarden Dollar mit Software umsetzen.

Gartner sieht Vorsprung von GE vor Siemens bei IoT-Plattform

Auch der Branchenanalyst Gartner sieht einen Vorsprung von Predix. „Predix wird häufiger in meinen Gesprächen mit industriellen Kunden genannt“, sagt Alfonso Velosa, Vice President der Research-Abteilung von Gartner. „Über Mindsphere reden Kunden erst seit kurzem.“ Sehe man sich beide Softwareplattformen aber genauer an, hätten beide ähnliche Stärken und jeweils ihre eigenen Schwächen. Noch habe sich kein Unternehmen als dominanter Player in irgendeinem der industriellen Märkte etabliert. Signifikante Umsätze machen beide Unternehmen mit ihren Lösungen noch nicht, so eine Gartner-Schätzung. Siemens und andere europäische Unternehmen könnten also noch aufholen.

„General Electric hat einen gewissen Vorsprung vor Siemens, weil es traditionell mehr Erfahrung darin hat, die eigenen Produkte bei Kunden zu bewerben und sie weiterzubilden“, sagt Gartner-Experte Velosa. Im Zuge des industriellen Internets sei das von Vorteil, da die eigentliche Aufgabe der Unternehmen nun sei, den Kunden beizubringen, zu was das Internet der Dinge eigentlich gut ist. Dabei gehe es nicht nur darum, bestehende Prozesse effizienter zu machen, sondern auch ganz neue Geschäftsmöglichkeiten auszuloten. Allerdings traut er hier Siemens auch noch einen Wandel zu – zumal vor beiden Unternemen noch ein langer Weg liege.

Zur Konkurrenz von GE will sich Siemens nicht direkt äußern. „Als einziges Unternehmen bietet Siemens das komplette Betriebssystem an: von der Konnektivität, der Plattform als Dienstleistung – der PaaS –, bis hin zu Apps und digitalen Services“, heißt es dann aber doch. Damit könnten „Kunden die enormen Datenmengen ihrer Anlagen schnell und effizient auswerten und Schwachstellen aufdecken – und Leistung und Verfügbarkeit ihrer Produktion nochmals deutlich steigern.“ Wie viel Geld Siemens in Mindsphere investiert hat, will das Unternehmen nicht verraten. GE gibt an, dass es seit 2011 eine Milliarde US-Dollar in das eigene Software-Geschäft investiert habe.

Mindsphere können Kunden beim deutschen Software-Anbieter SAP hosten, im Laufe des Jahres 2017 soll auch Microsofts Cloud-Dienst Azure dazukommen, sagt der Siemens-Sprecher. Kunden sollen auswählen können, in welchem Land die Daten gespeichert sind.

Auch GE und Microsoft haben eine Partnerschaft für Azure verkündet. „Wir werden Entwicklern eine Preview auf der Veranstaltung GE Minds + Machines im November geben und Predix auf Azure im Laufe des Jahres anbieten“, sagt ein GE-Sprecher. Aktuell kann Predix auf den Servern von Amazons Cloud-Dienst AWS gehostet werden. „Die Mehrheit unserer Kunden nutzt unser Cloud-Angebot“, sagt der Sprecher.

Das Rennen der Industrie-4.0-Plattform ist noch offen

Beim Plattform-Rennen in der Industrie 4.0 scheinen damit die Amerikaner derzeit wieder einmal die die Nase leicht vorne zu haben – auch wenn das Rennen noch lange nicht entschieden ist. Vieles spricht auch dafür, dass es so etwas wie ein „Android der Industrie“ – also eine einheitliche dominante Software-Plattform, die für alle die Standards setzt – gar nicht geben wird. „Das industrielle Internet ist kein einheitlicher Markt“, sagt Gartner-Experte Velosa. „Es handelt sich um eine komplexe Mischung verschiedener Märkte, eine Vielzahl verschiedener Geschäftspraktiken und Standards sowie einer großen Bandbreite an Unternehmen rund um die Welt.“

Alle Unternehmen hätten nun einen jahrelangen Prozess in Richtung eines digitalen Geschäftsmodels, glaubt der Experte, „die eine Reihe von Änderungen für die existierenden Geschäftspraktiken und Infrastruktur benötigen, deren Aufrüstung nicht Jahre, sondern Jahrzehnte benötigt.“ Die eigentliche Herausforderung werde es sein, die Kultur zu verändern und damit die Regeln und Abläufe, die Mitarbeiter in diesen Branchen folgen. „Das mit einer ‚Android-artigen’ Lösung abzudecken, wird sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Es dauert noch mindestens fünf Jahre bis wir so etwas eine Ökosystem-Dominanz erreichen.“ Für Europa bliebe jetzt also noch Zeit, erstmals in der IT-Industrie Standards zu setzen.

Mehr zum Thema Industrie 4.0 und digitale Transformation:

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

2 Kommentare
speedr4cr
speedr4cr

Bei Android und iOS hat sich das „Software is eating the world“ Mantra ja in Perfektion erfüllt. Falls das auch bei der industriellen Vernetzung gewinnt, sehe ich GE deutlich vorne, denn dort hat man anscheinend schon den nötigen Kulturwandel geschafft. Anders Siemens: Wer 2017 eine Entwicklerplattform herausbringt, die weder unter http://www.mindsphere.com noch bei https://github.com/mindsphere zu finden ist, sollte sich fragen, ob er die Sache ernst genug nimmt. (Immerhin mindsphere.io hat man mit einer Weiterleitung versehen…)
GEs https://www.predix.com/ bzw https://www.predix.io und https://github.com/predix sehen da schon ganz anders aus.

Antworten
Hans-Georg Torkel

Wenn wir führend werden wollen ist ein modulares Paket (Software, Hardware, soziale Innovationen) Industrie 4.0 notwendig. Wenn Deutschland sich auch gleich um neue Arbeitsmärkte für die durch Industrie 4.0 freiwerdenden Arbeitskräfte kümmert. Letzteres könnten besondere Alleinstellungsmerkmale für Deutschland werden.

Alles ist in Deutschland, sogar aus einer Hand vorhanden. Deutschland will wieder das Land der Dichter, Denker und Erfinder werden.
Eine Story, die sich lohnt.
http://www.innovationshaus.eu

Antworten

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus!

Hey du! Schön, dass du hier bist. 😊

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team bestehend aus 65 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Danke für deine Unterstützung.

Digitales High Five,
Stephan Dörner (Chefredakteur t3n.de) & das gesamte t3n-Team

Anleitung zur Deaktivierung