Du hast deinen AdBlocker an?

Es wäre ein Traum, wenn du ihn für t3n.de deaktivierst. Wir zeigen dir gerne, wie das geht. Und natürlich erklären wir dir auch, warum uns das so wichtig ist. Digitales High-five, deine t3n-Redaktion

Software & Infrastruktur

Internet-Infrastruktur: So sieht es wirklich aus mit unserem Netz [Analyse]

Die tatsächliche Internet-Bandbreite hängt von vielen Faktoren ab, wir erklären sie und wieso Deutschland beim Thema Internet-Infrastruktur weit hinter anderen Ländern herhinkt.

Deutschland hat keine gute Internet-Infrastruktur. Eine blödsinnige Behauptung, angesichts von Bandbreiten mit mehr als 100 Mbit/s, könnten einzelne Internetnutzer jetzt entgegnen – Nutzer in ländlichen Gebieten würden dagegen laut und vernehmlich zustimmen. Und schon würde eine emotionale Diskussion entstehen. Nicht verwunderlich, die Internetnutzung ist ein wichtiger Lebensbestandteil vieler Menschen geworden, manchmal wird selbst der Wohnort oder zumindest der Standort einer Wohnung nach der möglichen Breitbandanbindung ausgesucht. Auch ich habe bereits Wohnorte oder Wohnungen aufgrund miserabler Internetanbindung aussortiert. Die schnelle und unbegrenzte Internetverbindung gehört mittlerweile nicht nur zur Lebensqualität, sondern stellt eigentlich schon einen Teil der öffentlichen Infrastruktur dar, vergleichbar mit einer Straße oder einer Brücke. Und diese Straßen und Brücken werden zukünftig immer stärker belastet.

infrastruktur internet
Outdoor-DSLAM – Einer der Schaltkästen am Straßenrand, die eine Breitbandverbindung zum Endkunden bringen. (Bild: © embeki - Fotolia.com)

4 Breitbandfakten, die auf eine kommende Überlastung hindeuten

Der Breitband-Internetverbindung steht in Deutschland eine größere Belastung vor, der die bestehenden Anschlüsse nicht gewachsen sind. Ein ausführlicher Artikel bei den Kollegen von Spiegel Online erläutert das sehr treffend, die wichtigsten Fakten daraus:

  • Im Jahr 2007 betrug die durchschnittliche Übertragsungsmenge pro Anschluß und Monat laut dem Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM) 6,9 Gigabyte, bis zum Jahr 2012 hat sich diese Summe nahezu verdoppelt auf 12,5 Gigabyte
  • 68,7 Prozent der Internetanschlüsse in Deutschland sind laut VATM mit unter 6 Mbit/s angebunden
  • Die Internet-Provider, allen voran die Deutsche Telekom, investieren laut der Bundesnetzagentur seit vier Jahren weniger in den Netzausbau, als noch in den Jahren 2007, 2008
  • Deutschland belegt laut einer Studie von Akamai in der Geschwindigkeits-Rangliste Platz Nummer 19

Wieso „nie“ wirklich 16 Mbit/s zu Hause ankommen

Ein Standard-ADSL-Anschluss kann beispielsweise theoretisch bis zu 16 Mbit/s bieten, eine Geschwindigkeit, die meist nicht beim Nutzer ankommt. Warum eigentlich?

Wovon hängt die Geschwindigkeit ab, die ich zu Hause nutze?

Vereinfacht ausgedrückt von den Faktoren „zentrale Infrastruktur“, „örtliche Infrastruktur“ und „Nutzungszeitpunkt“. Die örtliche Infrastruktur besteht aus der „Teilnehmeranschlussleitung“ kurz „TAL“, die sich von der heimischen Steckdose je nach Technologie über mehrere Zwischenstationen bis hin zum Hauptverteiler bewegt. Die Länge dieser Strecke sowie die physikalischen Eigenschaften des verwendeten Leiters (Kupferkabel, Glasfaser) beeinflussen die mögliche Geschwindigkeit des DSL-Anschlusses beim Endnutzer. Je länger die Strecke, desto geringer die erhaltene Geschwindigkeit. Im Falle des hier beispielhaft verwendeten ADSL-Anschlusses folgen als weitere Faktoren der Adernquerschnitt (also der Durchmesser des Kupferkabels), Kupferqualität (Reinheit, Leitungsfähigkeit) möglichen Reflexionen und dem daraus resultierenden sogenannten Signal-Rausch-Abstand  oder einfacher: der Signalqualität. Die zentrale Infrastruktur ist zum einen das Backbone des Internetproviders, zum anderen sind es die Netzsegmente, die zwischen dem Backbone und dem Hauptverteiler liegen. Hier können unter Umständen weitere Kapazitätsengpässe entstehen. Der letzte Punkt ist der sogenannten „Peak-Load“, ein Spitzenwert in der Netzauslastung, der entsteht, wenn viele Nutzer gleichzeitig Datenverkehr erzeugen. Man könnte hier beispielhaft das Wochenende als Hochphase anführen.

Zusammengefasst ergibt sich so die Erkenntnis, das die Geschwindigkeit von 16 Mbit/s, die zum Marketing eines Internettarifs verwendet wird, eine theoretische Geschwindigkeit ist, die nur dann erreicht wird, wenn alle oben genannten Faktoren einen Optimalwert liefern. Die „echte“ Geschwindigkeit ist nicht zwingend identisch mit den beworbenen Maximalwerten.

Zwischenfrage: Wieso verkauft mein Internet-Provider nicht einfach die „echte“ Geschwindigkeit?

Aus offensichtlichen Gründen könnte man sagen – aber bleiben wir bei den technischen Gründen: Um korrektere Schätzungen der eventuell möglichen Geschwindigkeit zu liefern, müssten dem Provider mehr Daten vorliegen. Da die teilweise jahrzehntealten Leitungen bei der Installation nicht mit allen technischen Daten erfasst wurden – wir erinnern uns an Adernquerschnitt und Kupferqualität – nutzen die meisten Anbieter nur die Entfernung zum Hauptverteiler um eine Schätzung zur möglichen Geschwindigkeit an den Kunden weiterzugeben. Erst wenn die Leitung steht, können tatsächlich alle nötigen Faktoren gemessen werden – und die „echte“ Geschwindigkeit gemessen werden.

Der Flaschenhals des Internets

Engpässe können an vielen Stellen entstehen, das Internet ist dezentral, quasi jedes kapazitätsgebundene Netzwerksegment stellt einen potentiellen Engpass dar. Die kleineren Elemente im großen Spiel sind dabei eher die Wackelkandidaten, als die großen Backbones, wobei auch diese von Lastspitzen nicht verschont bleiben. Man kann die Teilnehmeranschlussleitung, die letzte Meile, also durchaus als den „Flaschenhals des Internets“ betrachten. Die Lastspitzen entstehen oft durch parallele Nutzungsgewohnheiten der Mehrzahl der Internetnutzer.
Im Festnetz sind insbesondere parallele Nutzungsgewohnheiten der Mehrheit der Nutzer Ursachen für Engpässe zu bestimmten Zeiten. Diese treten – in Abhängigkeit von der genutzten Anschlusstechnologie – meistens im Aggregationsnetz auf. Auf Nachfrageseite bieten die heute üblichen Flatrate-Abrechnungsmodelle keine Anreize zu einer effizienten Nachfragesteuerung, die etwa zeitunkritische Nutzungen auf nachfrageschwächere Zeiten ausweichen ließe.
Insofern kann zurzeit nur auf Angebotsseite durch technische Aufrüstung Abhilfe erreicht werden. Durch Schaffung neuer Übergabepunkte kann der wachsenden Zahl konkurrierender Nutzer auf einer Infrastruktur entgegengewirkt werden.
Enquete-Kommision des Bundestags „Internet und digitale Gesellschaft“, Drucksache 17/8536, Seite 9.

Wie sieht die Abhilfe aus?

Einfach gesagt: Es muss in die Infrastruktur investiert werden. Kurzfristig müssen die Internet-Provider neue Übergabepunkte möglichst nahe beim Kunden errichten, um lokal entstehenden Engpässen entgegenzuwirken und die Breitbandanbindung zu verbessern. Die Ct beschreibt in einem Artikel von 2010 sehr schön, welche Widrigkeiten und Kosten dabei entstehen können, eine kleine Ortschaft anzubinden. Die geplanten Kosten von rund 1,1 Millionen Euro hat die betroffene Gemeinde durch Eigenregie auf knapp 450.000 Euro senken können. (Wenn man davon ausgeht, dass wie im Artikel angedeutet letztlich der ganze Ort versorgt wurde.) Die Kosten für benötigte Netzwerkkomponenten sinken, die Gesetze der Marktwirtschaft sorgen hier schon durch die steigende Nachfrage für eine Regulierung. Trotzdem ist eine gewisse Größenordnung erkennbar. Eine Größenordnung, die unwillkürlich die Frage aufwirft: Wer soll das bezahlen? Die erste Antwort, die dem Nutzer hier in Sinn kommen dürfte: Der Internet Provider. Der bekommt ja schließlich das Geld für den Anschluss.

Was ein Internet-Provider verdienen könnte

Gleich vorweg: bis ins letzte Detail eine Rechnung zu erstellen, was ein Internet-Provider verdient, ist mir leider nicht möglich. Zum einen, weil nicht alle Bestandteile der Rechnung öffentlich verfügbar sind, zum anderen, weil die Bestandteile variieren. Und keiner der Internet-Provider möchte wahrscheinlich seine eigenen Kalkulationsgrundlagen völlig offenlegen. Die Kollegen von Teltarif haben sich die Mühe gemacht eine Beispielrechnung durchzuführen, die ich hier zitieren möchte:

Rechnet man nur die Kosten für Bestellung, Abbestellung und monatliche Miete der der TAL zusammen, so kommen im schlechtesten Fall für den Anbieter über zwei Jahre 316,39 Euro netto zusammen, das sind 376,50  Euro mit Mehrwertsteuer. Pro Monat muss er somit 15,69 Euro (brutto) an die Telekom zahlen.

So viel zahlen Vodafone & Co. für eine Telekom-Kupferleitung, teltarif.de 10.01.2013

Und das sind nur die Kosten für die TAL, es folgen ja noch die Kosten des Anbieters für Technik, Vertrieb und Marketing. Dafür bleibt bei einem Standard-Tarif von durchschnittlich 20 Euro noch ein Betrag von 4,31 Euro übrig. Nehmen wir mal die Provision eines Händlers für einen DSL-Auftrag: rund 80 Euro, umgelegt auf 24 Monate sind das 3,33 Euro. Bleiben noch 98 Cent übrig, ich beende die Rechnung an dieser Stelle und breite den gnädigen Mantel des Schweigens über den Rest aus.

#FLICKR#
(Foto: 401K / flickr.com, Lizenz: CC-BY-SA)

Wer packt jetzt den Netzausbau an?

Die Internet-Provider tun sich schwer beim Netzausbau. Die Kollegen vom Spiegel jonglieren mit erwarteten Kosten von 70 - 80 Milliarden Euro für den gesamten bundesdeutschen Infrastrukturausbau. Auch weisen die Kollegen darauf hin, dass die Deutsche Telekom laut der Bundesnetzagentur bei den Investitionen in den Netzausbau zuletzt grundsätzlich hinter den Wettbewerbern lag. Man kann also gut mit dem Finger auf die Internet Provider zeigen, man könnte auch besonders auf die Deutsche Telekom verweisen, die als Inhaberin der letzten Meile mehr Mittel aus dem „monatlichen Obulus des Nutzers“ erhält als die Wettbewerber – und trotzdem weniger zu investieren scheint. Ob die Provider angesichts der oben angeführten Beispielkalkulation zum einen die Mittel und zum anderen die Motivation aufbringen werden, kann aber als fraglich betrachtet werden. Vielleicht muss die Internet-Infrastruktur zukünftig durch die öffentliche Hand finanziert werden – äquivalent zur „normalen“ Infrastruktur.

 

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Schreib den ersten Kommentar!

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.