Kommentar

Wer nicht investiert, verliert – eine Polemik

Nur wer investiert, kann auch wachsen. (Foto: Shutterstock)

Wer nichts am Status quo ändern will, findet dafür immer eine Ausrede. Heinz-Paul Bonn reicht es langsam; Zeit für klare Worte.

Etwa vor einem Jahr warnten die ersten Wirtschaftsauguren davor, dass die nimmermüde Konjunktur doch allmählich abflauen könne. Das Wort Rezession machte noch nicht die Runde, aber auch damals schon standen die Schuldigen bereits fest: Es waren die Streithähne Donald Trump und Xi Jinping, die die Welt in einen unnötigen Handelskrieg trieben. Heute haben wir bereits die Anfänge eines Währungskriegs, in dem die eine Abwertung die andere nach sich zieht, um Produkte des eigenen Landes im Ausland so günstig wie möglich zu machen. Und wer seine Hände nicht in den Schoß legt, deutet mit dem Finger auf die Bösewichte.

Es ist aber auch erst ein Jahr her, dass mittelständische Unternehmen in Deutschland darüber klagten, dass sie angesichts übervoller Auftragsbücher keine Zeit für die Umsetzung einer durchgängigen Digitalstrategie hätten und die Besinnung auf eine durchgängige digitale Transformation auf Zeiten ruhigerer Konjunktur verschieben müssten. Das „Business as usual“ war so erfolgreich, dass keine Zeit für das Ungewisse, das Innovative, das Disruptive blieb. Jetzt, wo das Wachstum nachlässt, heißt es jedoch: kein Geld für das Ungewisse, das Innovative, das Disruptive.

Vor einem Jahr diskutierten wir über marode Autobahnbrücken, ausgefallene Züge, schlechte Internetversorgung auf dem Land, einen massiven Mangel an Pflegekräften, zu wenig Venture-Capital für Startups, fehlende Stromtrassen, versiffte Schultoiletten, verödende Fußgängerzonen, verrottende Bundeswehrausrüstungen … Heute fasst die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock das alles gegenüber der Welt in dem Satz zusammen: „Unser Land fährt im Augenblick massiv auf Verschleiß.“ Geändert hat sich nichts.

Debatten statt Taten

Stattdessen verlegen wir uns bei praktisch allen Zukunftsthemen aufs Debattieren statt aufs Machen; entwerfen neue Konzepte, statt die alten umzusetzen; suchen ethische Leitplanken für die künstliche Intelligenz, statt KI dort einzusetzen, wo sie unkritisch ist; ernennen immer neue Digitalbeauftragte, statt die schon Benannten an ihre Aufgaben zu erinnern; arbeiten die Diesel-Affäre auf, statt die Elektromobilität anzukurbeln; streiten über 94- oder 100-prozentige Befreiung vom Soli, statt eine Initiative „Aufbau West“ zu starten. Wir kämpfen um eine schwarze oder rote Null, statt die notwendigen Investitionen anzukurbeln. In Deutschland fehlt es nicht an Ideen, sondern an Umsetzern. Es fehlt nicht an Arbeit, sondern an Initiative. Es fehlt nicht an Arbeitsplätzen, sondern an denen, die sie besetzen können.

Sind wir eigentlich noch ganz bei Trost? Wir befinden uns in einer Ära, in der in praktisch allen Lebensbereichen ein softwaregetriebenes Wirtschaftswunder ansteht – und wir beschäftigen uns mit rückwärtsgewandten Gegenwartsthemen wie Pkw-Maut, Gorch Fock, Diesel-Skandal, Personaldebatten und Parteien-Sklerose. Aus Angst vor den Abgehängten hängen die Entscheider in den Seilen ab und verzagen im Angesicht von Landtagswahlen, in denen voraussichtlich die Neinsager und Leistungsverweigerer siegen werden.

Vorbild Digitalkonzerne

Was an unserem Weltbild schief hängt, offenbart ein Blick auf die USA und China – jenen Kontrahenten, die wir jetzt so bereitwillig für unsere eigene Lethargie verantwortlich machen wollen. Unabhängig von der erratischen Politik des US-Präsidenten stürmen die Digitalkonzerne wie Amazon, Apple, Microsoft oder Google weiter voran. Amazon – um nur ein Beispiel zu nennen – investiert in diesen unsicheren Zeiten 24,4 Milliarden US-Dollar in Forschung und Entwicklung. Das ist mehr als – nach einer groben Schätzung – alle Dax-Unternehmen zusammen aufzubringen bereit sind. Und chinesische Autobauer verkaufen mehr Elektroautos als alle deutschen Hersteller zusammen.

Wir sind ein superreiches, aber antriebsarmes Land geworden, weil aus unserem verzagten Arsch kein fröhlicher Furz mehr kommt, um den vor rund 500 Jahren getätigten Ausspruch Martin Luthers zu zitieren. Wir dürfen dieses Land weder schwarzen, noch roten Nullen, weder den Abgehängten, noch den Abhängenden überlassen.

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2 Kommentare
Vinz
Vinz

Ein sehr treffender Kommentar.
Nirgends lässt man Geld fließen. Höchstens um bereits begangene Fehler auszubügeln. Statt auf die Zukunft zu setzen, schleifen wir unsere Vergangenheit hinter uns her.
Zeigt sich ja z.B. auch bei den versprochenen, aber nicht geleisteten Gelder für die deutsche Videospiel-Branche.

Antworten
Torsten der Zauberer
Torsten der Zauberer

„… dass sie angesichts übervoller Auftragsbücher keine Zeit für die Umsetzung einer durchgängigen Digitalstrategie hätten…“

Logisch, denn: Es läuft ja. Bis es, hoppla, auf einmal nicht mehr läuft. Und dann hat man zwar Zeit dank halbvoller Auftragsbücher, aber keine Geld mehr für Investments. Dann bereits sechsstellige Investments auch bei K(M)Us, denn Investitionsstau steigt nicht linear, sondern exponentiell an.

Obwohl das mit der Zeit: Nein, eigentlich hat man die auch dann nicht, weil dann der Druck auf C-Level und Vertrieb lastet die Auftragsbücher zu füllen, nur gelingt dies dann nicht mehr während gleichzeitig sozialverträglich Personal abgebaut werden muss…

P. S. liebe Geschäftsführer: ‚Nem Mitarbeiter ’n Smartphone in die Hand drücken und (nichts DSGVO-konform) WhatsApp benutzen lassen ist noch keine Digitalisierung. Nur so…

„Unser Land fährt im Augenblick massiv auf Verschleiß.“

Nur findet das jeder toll. Schwarze Null und so. Wenn Investitionsstau Staatsräson ist…

Die Wurzel des Problems, ganz polemisch, liegt übrigens weder im Westen noch im Osten – sondern bald in ihren Gräbern. Siehe die Erkenntnis die auch unsere Jugend dank eines blaubelockten Barden ereilt hat: Wenn die über 60 das 1.5fache Stimmengewicht derer darunter haben und alles jenseits ihrer Vorstellungskraft (angesiedelt zwischen 1960 und 80) blockieren…

Naja, ich arbeite gern in China.^^

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