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Startups

Investoren wie im Rausch: Slack ist überbewertet – und doch die Hysterie wert

Slack-Headquarter in San Francisco. (Foto: t3n)

Innerhalb von nicht mal einem halben Jahr ist die Bewertung des Team-Kommunikations-Dienstes Slack von einer Milliarde auf fast drei Milliarden US-Dollar gestiegen – bei nur 750.000 täglich aktiven Nutzern. Überbewertet? Ja, wenn man es genau nimmt, schon. Wie die meisten hochkarätigen, nur wenige Jahre alten Tech-Firmen dieser Tage. In seiner Kolumne „Weigerts World“ erläutert Martin Weigert, wieso die Euphorie rund um Slack dennoch berechtigt ist.

Wichtigstes Tool bei Slack: Na klar, Slack. Man versteht sich selbst als bester Kunde. (Foto: t3n)
Im Slack-HQ in San Francisco. (Foto: t3n)

Für mich zählt der Team-Kommunikations-Dienst Slack zu den zwei prägenden Namen des Internet-Jahres 2014. 2015 scheint sich die Erfolgssträhne des Startups von Gründer und CEO Stewart Butterfield fortzusetzen. Mit deutlich höherem Tempo. Das zumindest glauben die Investoren.

In der vergangenen  Wochen hat Slack eine Finanzierungsrunde in Höhe von 160 Millionen US-Dollar bekannt gegeben. Damit wird das Unternehmen jetzt mit 2,8 Milliarden US-Dollar bewertet. Auch in Zeiten, in denen Tech-Firmen der US-Westküste regelrecht mit Investorengeldern überschüttet werden, macht Slack in Sachen angenommener Wertsteigerung eine besonders rasante Entwicklung durch. Erwähnenswert ist dabei zudem, dass die jüngste Kapitalspritze eigentlich gar nicht notwendig ist, wie Slack-CEO Butterfield in einem Interview mit dem Bits-Blog der New York Times freimütig erklärt hat. Wen wundert’s: Weniger als ein halbes Jahr ist es her, dass Geldgeber 120 Millionen US-Dollar in das Unternehmen gepumpt haben. Schon damals war die Rede vom „am schnellsten wachsenden SaaS-Startup aller Zeiten“. Dieses Superlativ muss man zwar nicht weiter steigern, es bleibt aber angesichts einer Verdreifachung der Bewertung innerhalb weniger Monate mehr als aktuell.

Jetzt fragen sich viele Beobachter, ob es sich bei der Slack-Hysterie lediglich um ein weiteres Indiz für eine ungesunde Überhitzung der Technologie-Sektors handelt, oder ob tatsächliche Substanz und eine rationelle Einschätzung des Potentials die Entwicklung rechtfertigen.

Grundsätzlich gilt es zu konstatieren, dass die in den Verhandlungen zwischen hoch gehandelten amerikanischen Startups und Wagniskapitalgebern zustande kommenden Bewertungen keinerlei objektive Aussagekraft über den tatsächlichen Wert der Firmen haben. Der ist ohnehin schwer zu messen. Schon den Customer-Lifetime-Value kann niemand verlässlich einschätzen. Die teils abstrus klingenden Summen, die man so hört, spiegeln nichts anderes wider als den Grad der Zuversicht der VCs, mit dem Investitionsobjekt irgendwann einen phänomenalen Verkauf oder Börsengang hinlegen zu können.

Fear of Missing Out bei Investoren

„Bedenkt man, dass Slack einen einmaligen Aufstieg hingelegt hat, wäre es schon seltsam, wenn die Strippenzieher ausgerechnet dieses Mal Maß halten würden.“

Zusätzlich beeinflussen eine Reihe emotionaler Faktoren auf Seiten der Investoren die Bewertungen. „Fear of Missing Out“, der Konkurrenzkampf großer Egos um die beste Beute, Prestige-Denken sowie Herdentrieb (gut ein Dutzend VCs partizipieren an der jüngsten Slack-Runde) erhöhen die Bereitschaft zu waghalsigen Investments. In Sachen Slack muss man davon ausgehen, dass einige Geldgeber sprichwörtlich um jeden Preis dabei sein wollten und entsprechend großzügige Angebote gemacht haben. Dazu passt Butterfields Äußerung im NYT-Interview, dass es regelrecht unklug gewesen wäre, das Geld zu den gebotenen Konditionen nicht anzunehmen.

Insofern bleibt das Fazit, dass Diskussionen über den aktuellen Wert von Slack vollkommen ins Nichts führen. Dass das Unternehmen gemessen an heutigen Erfolgskennzahlen nicht die Summe wert ist, die jetzt im Raum steht, liegt auf der Hand. Doch das gilt für die meisten der sogennanten „Unicorns“ (Branchenlingo für Ausnahme-Startups mit hohen Exit-Erwartungen). Bedenkt man, dass Slack einen für sein Segment einmaligen Aufstieg hingelegt hat, wäre es schon seltsam, wenn die Strippenzieher und Wegbereiter der US-Technologiewelt ausgerechnet dieses Mal Maß halten würden.

Slack hat das Zeug, Enterprise-Software zu revolutionieren

Wasser, Milch oder ein Eistee – was darf's sein? (Foto: t3n)
Bei Slack selbst sieht es schon gut aus – doch werden auch KMU zeitnah auf das Tool umsteigen? (Foto: t3n)

Langfristig sehe ich in Slack zweifellos ein Unternehmen, das Milliardenumsätze und ordentliche Gewinne erwirtschaften kann. Die Firma unterscheidet sich auch deutlich von den ein Hyperwachstum erlebenden Tech-Startups, die üblicherweise die Aufmerksamkeit der Webszene und Geldgeber auf sich ziehen. Zum einen ist Slack primär im Enterprise-Sektor beheimatet. Ihn kennzeichnen traditionell unpraktische Services, hässliche Benutzeroberflächen und eine komplette Vernachlässigung der Nutzerbelange. Slack räumt mit all diesen Klischees auf. Wohl erstmals in der Geschichte von Enterprise-Software trifft man auf User, die Begeisterung zeigen. Der Markt, der erobert werden kann, ist gigantisch und multimilliarden Dollar schwer.

Zum anderen fließt schon viel Geld in die Kassen von Slack. Das Freemium-Geschäftsmodell ist so ausgelegt, dass für den ernsthaften Einsatz des Dienstes in Firmen und Organisationen auf eines der kostenpflichtigen Pakete gewechselt werden muss. Von den laut Firmenangaben 750.000 täglich aktiven Anwendern gehören 200.000 zu Teams, deren Admins für ein kostenpflichtiges Paket auf Pro-User-Basis zahlen. Das günstigste Paket kostet pro Nutzer und Monat knapp sieben Dollar. Angenommen, die Zahl der aktiven Pro-Nutzer würde ab sofort nicht mehr steigen, ständen unter dem Strich fast 17 Millionen Dollar Umsatz auf Zwölf-Monats-Basis. Für ein nicht mal zwei Jahre altes Startup bemerkenswert. In Wirklichkeit steigert Slack die Zahl aktiver Pro-Konten kontinuierlich. Zudem wird nicht bei allen 200.000 Pro-Nutzern das günstigste Paket zum Einsatz kommen. Der tatsächliche Zwölf-Monats-Umsatz liegt also noch deutlich über den 17 Millionen Dollar. Parallel kann Slack angesichts von nur rund 100 Angestellten die Burn-Rate niedrig halten.

Zahlreiche Konkurrenten wie HipChat, ChatGrape oder Stackfield konnten Slack nicht an seinem kometenhaften Aufstieg hindern (was nicht heißt dass sie selbst nicht erfolgreich sind). Auch in Anbetracht dessen handelt es sich fraglos um eine herausragende Leistung. Kein Wunder, dass sich Investoren auf das Unternehmen stürzen.

Werden auch KMU irgendwann Slack nutzen?

Entscheidend für die weitere Entwicklung von Slack wird sein, ob das Unternehmen auch im großen Stil Kunden in weniger experimentierfreudigen und trendbewussten Wirtschaftszweigen gewinnen kann. Mit dem erklärten Ziel, die E-Mail zu ersetzen, haben die Kalifornier zumindest ein pointiertes Produktversprechen, zu dem vom amerikanischen Großkonzern bis zur KMU in einer beliebigen deutschen Kleinstadt alle ein paar spontane Gedanken haben werden. Keine schlechte Ausgangslage für Vertriebsinitiativen. Auch wenn die ein oder andere harte Nuss zu knacken wäre.

Ich bin äußerst optimistisch, was die Zukunft von Slack angeht. Deshalb kann ich die VCs verstehen, die für Mini-Anteile an Slack große Summen hinblättern. Selbst wenn sich dieses gegenseitige Aufschaukeln bei Startup-Bewertungen früher oder später rächen wird.

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3 Reaktionen
Herr Pörner

Bei dem vielen Geld sollte Mr. Butterfield seinen Angestellten mal ordentliche Arbeitsplätze mit genügend Platz, Tageslicht und Privatsphäre spendieren.

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Startup-Berichterstattung

Der Kenner des neuen Marktes und der 2000er rot-grünen Regierung weiss wer am Ende den Preis bezahlt: Der Kleinaktionär. Welche Branche müssen wir in der Rezession nächstes Mal durchfüttern ? Wieder mal die Auto-Firmen mit Abwrack-Prämie weil die nicht für schlechte Zeiten gespart haben ?

Man sieht mal wieder das man mit 100 Leuten oder weniger großartig sein kann: Warren Buffet, Craigslist, WhatsApp, Dwolla(?) und jetzt auch Slack.

"Ersatz der Email" wird oft falsch verstanden. Das wollte auch schon Google Wave. Das Problem ist nicht die Email sondern das man Dinge Organisieren muss/will: Hochzeitslisten, Wunschlisten, Todo-Listen, Geburtstags-Feiren, Investoren-Pitches, wer macht was für den Grill-Abend, wer fährt wie zum Rock-am-Ring (oder wie das jetzt heisst) oder zum Fußball-Spiel und nicht wen mit,...
Das beste Business-(B2C und B2B)Beispiel sind aber Ausschreibungen wo gefühlt tausende Emails mit kleinsten Änderungen zwischen zig Beteiligten hin und her gehen und es wie der Flughafen nicht fertig wird.
Dafür wird immer Email genutzt. Aber nur weil es nichts anderes gibt! Danke Facebook. Als ob niemand Hochzeiten organisieren muss oder man das auf einer Serviette macht. Das ist ein Zilliarden-Markt den Facebook ignoriert.

Das man dafür bessere Lösungen will als alle Email-Adressen aller Beteiligten als Klartest im CC:-Feld sollte klar sein.
Wenn ich im Supermarkt Filial-Leiter sehe die herumlaufen und Arbeitspläne organisieren denke ich mir immer das ich das mitbezahlen muss und die Mitarbeiter das am Tablett viel bequemer und zufriedener selber organisieren könnten wann wer arbeiten will oder wieviel man wovon bestellt. Filialleiter-freie Filialen dank schlauer Selbstorganisation. Besser für die Mitarbeiter und billiger für die Kunden. Siehe den Zalando-Artikel diese Woche hier.

Die Finanz-Bewertungen interessieren den kleinen Kunden nicht. Blöd ist halt wenn es von Google oder Yahoo gekauft und eingestellt oder stagniert wird wie viele Projekte (DMOZ, Wave, Dodgeball, Base, Orkut, Glass, Skype, Paypal, Summly, ICQ...) die nach dem Aufkauf kaum noch Innovationen bekamen oder beendet wurden.
Auch blöd ist es wenn die Kunden-Preise nach dem Aufkauf durch die bekannten Namen ("Heuschrecken") deutlich erhöht werden oder die Free-Kunden mit Werbung genervt werden. Jeder der bestimmte Job-Portale kennt weiss was ich meine wie sich nach der Übernahme die Kunden-Kommunikation veränderte. Das Samwer-Zalando musste vielleicht wenig Cash burnen und viele fröhliche Kunden finden. Das freie Zalando muss Geld verdienen um den Kaufpreis zurückzuzahlen. Sowas sieht man dauernd. Leider nicht so oft in der Startup-Bericht-Erstattung.

Ich glaube ein Jahr nach der Zinserhöhung kommt die Rezession. Das wäre 2016 oder 2017. Bis dahin hat man die Firma hochpreisig verkauft oder an die Börse gebracht weil die Aktienkurse weiter wachsen und (wie wir vom neuen Markt noch sehr gut wissen) Firmen gerne lieber andere Firmen teuer kaufen als das freie Geld an den Kleinaktionär auszuzahlen: AOL-TimeWarner. Ebay-Paypal. Ebay-Skype. ...

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Der Name

*hatschi* Entschuldigung, ich bin allergisch ...

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