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Kommentar

Quo vadis, Jamaika? Deutschland muss viel mehr tun, um Startups zu fördern

Deutschland steuert auf eine Jamaika-Koalition zu. Für Startups vermutlich eine gute Nachricht. (Foto: dpa)

Während sich deutsche Jungunternehmen in der Later-Stage nicht selten über Finanzspritzen von internationalen Investoren freuen, fehlt das entsprechende Kapital für Gründer in frühen Wachstumsphasen.

Die neue Bundesregierung, die sich in den kommenden Wochen bilden wird, muss daher dringend steuerliche und gesetzliche Regeln nachbessern. Kurz nach der Bundestagswahl 2017 fordert das jedenfalls Julian Riedlbauer, Partner und Leiter der deutschen Niederlassung des internationalen Technologie-Investment- und Beratungsunternehmens GP Bullhound. In seinem Meinungsbeitrag erklärt er, wo die Politik noch nachjustieren sollte, um den Einsatz von Wagniskapital zu verbessern.

Die deutsche Startup-Landschaft ist gut entwickelt, immer mehr junge Unternehmen erreichen die Wachstumsphase. Doch gerade dadurch wird ihre Situation kritisch, vor allem im Vergleich zu den USA. Denn während eine typische Wachstumsfinanzierung (Series A und B) im Silicon Valley zwischen zehn und 25 Millionen US-Dollar einbringt, gelten in Deutschland schon Finanzierungen mit einem Zehntel dieser Werte als groß. Die Bundesrepublik hinkt hier Ländern wie den USA, Frankreich, Großbritannien, Israel oder Schweden immer noch hinterher.

Das EY Startup-Barometer verzeichnet für die erste Hälfte dieses Jahres in Deutschland 264 Deals mit zusammengenommen 2,1 Milliarden Euro. Damit hat sich die Zahl gegenüber dem Vorjahreszeitraum zwar mehr als verdoppelt, doch der Abstand bleibt: In den USA wurden seit Anfang 2017 nach Angaben der National Venture Capital Association bereits 38 Milliarden US-Dollar in knapp 3.900 Startups investiert. In dem kleinen Land Israel waren es nach Zahlen des Israeli Venture Capital Research Center im selben Halbjahr 2,3 Milliarden Dollar, bei einer Durchschnittsgröße der Deals von acht Millionen Dollar und 21 Transaktionen von mehr als 20 Millionen Dollar.

Weniger hemmende Gesetze und überbordende Bürokratie

Die Gründe für diesen Abstand sind vielfältig und haben sicher auch mit der in Deutschland noch weit verbreiteten Risikoscheu von Investoren, Privatpersonen und Konzernen zu tun.

In den letzten Jahren wurde schon viel bewegt, zum Beispiel auf Bundesebene durch den HTGF, den Aufbau des neuen Investors Coparion mit Bundesmitteln und durch den INVEST-Zuschuss für Wagniskapital, von dem besonders Business Angels profitieren, sowie durch das German Accelerator Programm. Auch auf Landesebene wurde bereits viel verbessert. Aber das reicht noch nicht, um im internationalen Vergleich aufzuschließen.

Auch die politischen, steuerlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen stimmen noch nicht. So haben einzelne Politiker in den letzten Jahren wiederholt bei Kapitalgesellschaften das Ende der Steuerfreiheit von Veräußerungsgewinnen bei Streubesitz (unter zehn Prozent) ins Gespräch gebracht. Diese Forderung ist ein wenig populistisch, denn wer will nicht, dass sich Vermögende an der Staatsfinanzierung beteiligen? Doch sie zeugt von einem mangelnden Verständnis des Risikokapitalmarkts. Investoren müssen zur Risikostreuung verstärkt in möglichst viele Startups investieren. Gewinne aus Veräußerungen werden meist in neue Firmen reinvestiert. Eine Besteuerung der Veräußerungsgewinne würde also ein Sinken der neuen Investitionen bewirken.

Welche Maßnahmen sollten also stattdessen getroffen werden? In erster Linie muss der steuerliche Rahmen für Wagniskapital verbessert werden. Das lässt sich an zwei Beispielen verdeutlichen:

Das erste Beispiel betrifft die in Deutschland übliche Erhebung von 19 Prozent Umsatzsteuer auf die Managementgebühr eines Fonds an die Muttergesellschaft. Diese ist europaweit einmalig und wird dadurch zu einem Standortnachteil. Konsequenterweise haben deshalb nur wenige VC- und PE-Fonds ihren Firmensitz in Deutschland.

Ein weiteres Beispiel ist Frankreich mit seinen direkten Sonderabschreibungen für Anleger in Venture-Capital-Fonds. In Frankreich ist die VC-Szene viel größer und viel mehr Geld für frühe Phasen verfügbar. Diese Idee ist in Wahlprogrammen von der CDU, der FDP und der SPD enthalten. Werden diese Programme tatsächlich umgesetzt, dann ist Besserung in Sicht.

Die neue Bundesregierung sollte mit einer Stimme sprechen

Eine von Fachverbänden wie dem Bundesverband Deutsche Startups und dem Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften erhobene Forderung ist ebenfalls sinnvoll: Institutionelle Anleger sollen in Risikokapitalfonds investieren dürfen, maximal ein Prozent ihres Vermögens. Dies wird in den USA schon lange und seit einiger Zeit auch in der Schweiz und Dänemark erfolgreich praktiziert. Im risikoaversen Deutschland könnte die dänische Lösung interessant sein: Ein Dachfonds sammelt die Einlagen der Gesellschaften und reicht sie an Risikokapitalfonds weiter.

Ebenso wichtig ist die Förderung von Unternehmergeist und Gründermentalität. Es gibt in den technischen und wirtschaftlichen Studiengängen zu wenige Absolventen, die sich für Selbstständigkeit und Unternehmensgründung interessieren. Diese Themen gehören in jede schulische, akademische und berufliche Ausbildung. Sinnvolle Maßnahmen hierzu sind beispielsweise die Aufwertung der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) in den Schulen, etwa durch die Einführung eines Pflichtfachs Informatik, und die Förderung von MINT-Studiengängen. Wer frühzeitig über die Möglichkeiten informiert wird, entscheidet sich später leichter für eine Unternehmensgründung. Insgesamt sollte die Bevölkerung stärker über Gründertum und Wagniskapital informiert werden.

Zudem sollte die Technologiekompetenz in Deutschland gestärkt werden. Doch auch die Politik selbst benötigt eine höhere Technologiekompetenz. Deshalb sollte sie verstärkt den Dialog mit der Startup-Szene suchen.

Deutschland macht im internationalen Vergleich schon vieles richtig, wie an Tech-Größen wie Zalando, Trivago, Rocket Internet, Auto1 oder Delivery Hero deutlich wird. Damit optimale Bedingungen für Startup-Gründungen und -Investitionen in Deutschland vorherrschen, sollte die neue Bundesregierung attraktivere steuerliche und rechtliche Rahmenbedingungen schaffen sowie die Einführung neuer Hemmnisse vermeiden. Ziel sollte sein, wettbewerbsfähige EU-weite Regularien und Steuergesetze für Venture-Capital-Investitionen und Startups herzustellen.

Quo vadis, Jamaika?

Mit Blick auf die neue Bundesregierung wird eine Jamaika-Koalition bestehend aus CDU/CSU, FDP und den Grünen immer wahrscheinlicher. Schaut man sich die jeweiligen Wahlprogramme im Einzelnen an, setzen die vier Parteien durchaus auf unterschiedliche Akzente in ihren politischen Zielen für Startups und Gründer. So plant die CDU beispielsweise den Zugang für Startups zu Wagniskapital über steuerliche Förderungen zu erleichtern, während bei den Grünen vor allem die Unterstützung von Gründerinnen über entsprechende Förderprogramme im Vordergrund steht. Die Liberalen messen den Themen Digitalisierung und Gründerkultur in ihrem Wahlprogramm insgesamt eine hohe Bedeutung bei. Sie streben nicht nur ein sogenanntes Venture-Capital-Gesetz an, um die steuerlichen Rahmenbedingungen für Wagniskapital zu verbessern, sondern wollen auch breitere Investitionsmöglichkeiten und eine technologie-offene steuerliche Forschungsförderung schaffen.

Doch trotz unterschiedlicher Fokusthemen: Gerade bei der Erleichterung des Zugangs zu Wagniskapital gibt es bei den möglichen Koalitionspartnern durchaus vielversprechende Schnittmengen. Sollte es am Ende wirklich zum Bündnis der vier Parteien kommen, bleibt aber natürlich abzuwarten, welche Versprechungen es aus dem Wahlkampf wirklich in das neue Regierungsprogramm schaffen. Es bleibt spannend.

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