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Scout24-Gründer: „Digitalisierung bietet große Chancen für Menschen mit Behinderungen“

(Screenshot: Youtube)

Mit dem neuen Video-Format Changerider wollen Philipp Depiereux und t3n den Menschen die Angst vor der Digitalisierung nehmen. Der aktuelle Interviewgast: Joachim Schoss.

In der neuen Folge des Video- und Podcastformats von Etventure-Gründer Philipp Depiereux sitzt diesmal der Investor und Scout24-Gründer Joachim Schoss auf dem Beifahrersitz des Tesla. Auf seiner Fahrt erzählt er, wie ihn sein Motorradunfall, bei dem er einen Arm und ein Bein verlor, geprägt hat, wie Digitalisierung das Leben mit Behinderung erleichtert und warum wir mehr Revoluzzer brauchen.

„Punkt eins: der Glaube, dass du der Herr deines Schicksals bist“, so die Antwort von Joachim Schoss auf die Frage, was aus seiner Sicht einen erfolgreichen Unternehmer ausmacht. Der Scout24-Gründer weiß sehr genau, wie fragil das Leben ist. Im Jahr 2002 erwischte ihn ein betrunkener Autofahrer auf seinem Motorrad. Die folgende Nahtoderfahrung ist der Wendepunkt seines Lebens. Der 55-Jährige verlor damals Arm und Bein, musste seinen Job aufgeben und auch seine damalige Ehe konnte diesen Schicksalsschlag nicht verkraften. Heute ist er erfolgreicher Business-Angel und investiert in Branchen von Proptech bis Mental Health.

„Wir haben 12 Kilometer über dem Atlantik auf 20 Blatt Papier Scout24 kreiert“

Der Investor begann seine Karriere als Unternehmensberater, bevor er später eine eigene Beratung gründete. Ein Kaufinteressent lud ihn im Jahr 1997 nach Amerika ein. Schoss entdeckte das Konzept von Online-Marktplätzen – damit war der Grundstein gelegt. „Das fanden wir superspannend. Auf dem Rückflug von Chicago nach Frankfurt haben wir irgendwo zwölf Kilometer über dem Atlantik auf 20 Blatt Papier Scout24 kreiert.“ Immobilienscout24 war das erste Portal zur digitalen Wohnungs- und Häusersuche und veränderte den Immobilienmarkt nachhaltig. Später kam unter anderem Autoscout24 und Friendscout24 dazu und die Scout24-Gruppe wurde eines der größten Portfolios der deutschen Internetbranche. Der Start von Scout24 sei allerdings harte Aufbauarbeit gewesen: „Ende der 90er Jahre sind über 100 Online-Marktplätze in Deutschland venture-finanziert worden. Es war schon allen klar, dass das ein spannendes Themas werden würde und es war überhaupt nicht klar, wer sich durchsetzt. Was uns unterschieden hat, wir hatten von Anfang an ein Callcenter. Von den ersten 1.000 Anfragen bei Immobilienscout sind wahrscheinlich 999 über das Callcenter gekommen und wir haben dann Immobilien-Exposés per Post verschickt. Das war schon ein echter Wettbewerbsvorteil gegenüber denen, die rein auf digital gesetzt haben.“

„Von 1.000 Ideen sind wahrscheinlich 10 disruptiv“

Joachim Schoss arbeitet als Business-Angel und kennt die Gründerszene. Er unterrichtet Entrepreneurship an der Universität St. Gallen. Unternehmergeist allerdings, so sagt er, lasse sich nur schwer beibringen. Dennoch gebe es Faktoren, die Menschen zu erfolgreichen Gründern machen. Neben der Fähigkeit, Eigenverantwortung zu übernehmen und ein ordentliches Selbstbewusstsein zu pflegen, sei vor allem der innere Antrieb entscheidend: „Das sogenannte Need For Achievement! Das ist irgendeine Triebfeder in dir, nach dem Motto: Ich will irgendjemandem irgendetwas beweisen. Und das bringt einen dazu, um 23 Uhr doch noch ein Angebot zu schreiben, das nur eine einprozentige Abschlusswahrscheinlichkeit hat. Irgendwas in dir sagt: Ich will beweisen, dass ich es kann.“

Wie man langfristig ein erfolgreicher Unternehmer bleibt, steht aber oft auf einem anderen Blatt Papier. Der Investor weiß, dass Disruption für jedes Startup wie Unternehmen unumgänglich ist, um bei der exponentiellen Geschwindigkeit der Marktveränderung stand zu halten. Einfach ist das aber nicht: „Disruptiv ist nicht so wahnsinnig viel. Von 1.000 Ideen sind wahrscheinlich zehn disruptiv. Und die anderen 990 sind wahrscheinlich am besten in einem Unternehmen aufgehoben und werden da weiterentwickelt.“ Um Geschäftsideen mit Disruptionspotenzial zu entwickeln, müsse man eigentlich ein Revoluzzer sein – Altes hinterfragen, kritisieren, anzweifeln. Eine Einstellung, die aus Sicht des Investors in Europa zu wenig Raum findet: „Ich erlebe, dass wir in Mitteleuropa immer saturierter sind und selbst die jungen Leute immer mehr nach Work-Life-Balance fragen als danach, wie sie die Welt verändern können. Wenn ich das im Vergleich mit asiatischen Nationen sehe: Da ist der Hunger größer, weil auch die Verbesserungspotenziale viel klarer sind.“

„Ich denke, die Brexit- und Trump-Wahl spiegeln das Bedürfnis der Bürger nach Disruption wider“

Politik müsse sich der Veränderungsgeschwindigkeit anpassen und sich trauen, auch mal revolutionär zu denken. „Man könnte ja auch mal politische Hackathons machen, bewusst 1.000 Parteien gründen lassen. Mit dem Greenfield-Approach sollte man sich fragen, wie müsste denn ein perfektes Land aussehen? Was macht denn die basisdemokratische Schweiz gut? Was macht denn ein eher meritokratischer, diktatorischer Staat wie Singapur gut? Man sollte sich die Dinge mal anschauen, daraus Schlüsse ziehen und einfach mal ausprobieren! Ich denke, die Brexit-Wahl oder Trump-Wahl spiegeln das Bedürfnis der Bürger nach Disruption wider“, so Schoss. Er würde sich für die Politik mehr revolutionäres Denken wünschen, das Startups und Wirtschaft heute ausmacht. Denn wir befinden uns in einem Paradigmenwechsel – alleine die künstliche Intelligenz wird zu einer massiven Veränderung unserer Gesellschaft und Kultur führen. „Vor dem Hintergrund, dass aktuell China, USA und auch Russland um die Vormachtstellung beim Thema KI kämpfen, müssen wir uns darauf einstellen, dass die Welt der Zukunft von anderen Kontinenten beherrscht wird als Europa. Wir leben derzeit im Zenit der Menschheit. Aber als Vater von bald sechs Kindern mache ich mir schon Gedanken. Die Frage, was macht KI mit den Menschen, ist absolut berechtigt. Ich möchte zum Beispiel nicht, dass meine Kinder in einer total Technik dominierten Welt zu mir sagen: ‚Du hast diese Dinge mitgemacht. Wann hast du eigentlich gesehen, was da auf uns zukommt?‘“

„Die Frage am Ende des Lebens ist: Habe ich genug geliebt?“

Nach seinem Unfall erfuhr Joachim Schoss ein Nahtoderlebnis, das alles veränderte. „Am Ende des Lebens ist keiner dabei, der nach dem Kontostand fragt oder einem nochmal auf die Schulter klopft, was für tolle Unternehmenswerte man produziert hat. Sondern die Frage am Ende des Lebens ist: Habe ich genug geliebt?“

Der Unternehmer machte aus einer Not eine Tugend, gründete die gemeinnützige Organisation Myhandicap für Menschen mit Behinderungen. Digitalisierung bietet auch da große Chancen. Er selbst fährt einen Tesla, kann durch teilautonomes Fahren auch mal seine Hand kurz vom Lenkrad nehmen. „Es gibt viele andere Beispiele für tolle Produkte aus der digitalisierten Welt. Beispielsweise die Brille Orcam, die Blinde sehend macht, indem sie vorliest, was da steht oder auch Gesichter erkennen kann.“ Digitalisierung wird stetig zu einem festen Bestandteil unserer Gesellschaft. Auf einem Vortrag wurde Schoss mal gefragt, ob er lieber auf seine Beinprothese oder sein Smartphone verzichten würde: „Ich musste intensiv drüber nachdenken, aber ich glaube in der heutigen Welt kannst du besser mit einem Bein und Smartphone als mit zwei Beinen und ohne Smartphone leben.“

Vor seinem Unfall war das Scheitern für Joachim Schoss nie eine Option, heute sieht das anders aus: „Ich fahre mehr den Venture-Capital-Ansatz. Es kommt darauf an, dass es in Summe gut funktioniert. Wenn ich sehe, dass an einer Stelle etwas schief geht, muss ich nicht mehr unbedingt all meine Kraft und Energie darein stecken. Ich kann auch mal etwas gehen lassen, auch wenn es weh tut.“ Was Joachim Schoss sympathisch macht, neben der Kunst, das Beste aus dem Leben rauszuholen: Er sieht sich nicht als Opfer. Er sieht sich als Gestalter seines Schicksals und vielleicht ist es dann doch diese Einstellung, die den feinen Unterschied zum Erfolg ausmacht.

Für eine weitere Fahrt im Changerider nominiert Joachim Schoss den 18-jährigen Gründer eines Edtech-Startups, Alexander Degenhardt. Und den Gründer Christoph Bornschein mit seiner Agentur Torben, Lucie und die Gelbe Gefahr, kurz TLGG.

Ihr kennt ebenfalls Querdenker, Gamechanger und unermüdliche Optimisten, die für den digitalen Wandel einstehen? Nominiert sie als Changerider-Mitfahrer! Diese und alle weiteren Folgen, sind als Video oder ausführliche Gespräche im Podcast bei iTunes, Soundcloud und Spotify verfügbar.

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