Interview

„Jobaussichten in der Gamesbranche waren nie besser“

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (Mitte l, CSU) und Dorothee Bär (CSU), Staatsministerin für Digitalisierung, zwischen Cosplayern beim Deutschen Computerspielpreis 2019 in Berlin. (Bild: Gerald Matzka/dpa-Zentralbild/dpa)

In diesem Jahr öffnet die Bundesregierung erstmalig Fördertöpfe für Games aus Deutschland. Bernd Beyreuther, Juror beim Deutschen Computerspielpreis 2019, spricht mit uns über erfolgreiche Startups und verrät, wo Goldgräberstimmung herrscht.

Games sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das war die Botschaft des Deutschen Computerspielpreises, der am 9. April 2019 bei einer Gala in Berlin verliehen worden ist. Der mit insgesamt 590.000 Euro dotierte Preis wird gemeinsam vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur und dem Branchenverband Game ausgelobt.

Einer der diesjährigen Juroren ist Bernd Beyreuther, Head of Studio bei Softgames und mit über 30 Berufsjahren als Spieleentwickler und Spieleproduzent ein echtes Urgestein der Branche. Bei Radonlabs und später Bigpoint entwickelte er Rollenspiele und führte die Drakensang-Reihe zum Erfolg. Später zeichnete er für Mobile Games und Messenger-Games verantwortlich.

t3n: Am Dienstag wurde in Berlin der Deutsche Computerspielpreis verliehen und ordentlich gefeiert. Wie ist die Stimmung in der Branche?

Bernd Beyreuther: Die Branche in Deutschland ist ja inzwischen unglaublich divers aufgestellt. Von großen Firmen mit vielen Hundert Mann bis hin zu künstlerischen Indies gibt es alles. Insgesamt ist die Stimmung aber gut. Es entstehen viele neue Studios, ausländische Studios eröffnen Niederlassungen bei uns, es entwickelt sich gerade sehr viel.

t3n: Einer der Siegertitel beim Deutschen Computerspielpreis ist „Trüberbrook. Bei den Mobile Games gewann „See/Saw“. Was sind deine persönlichen deutschen Games-Highlights aus dem letzten Jahr?

Ich habe mich sehr gefreut, dass mit „See/Saw“ ein Titel von Kamibox gewonnen hat. Philipp Stollenmeyer, der Kamibox macht, war ja vier Mal nominiert. Mein Herz schlägt sehr für die Mobile Games, die spiele ich ja seit vielen Jahren und mache sie selbst. Die Titel von Kamibox sind mindblowing, auch meine Kinder spielen die gerne. Es sind nicht die typischen Hyper-Casual-Games, man kann sie mit nichts vergleichen. Ich hätte mir gewünscht, dass auch „Supertype“ einen Preis gewinnt. Die Spiele sind so klein und brillant und bringen so viel handwerkliche Kunst mit – grandios. Der Philipp entwickelt die alleine, ohne großes Team, kann davon leben. Einfach hinreißend in allen Aspekten.

t3n: Welche Signalwirkung hat der Deutsche Computerspielpreis? Und wie beeinflusst er die künftige Entwicklung von Spielen?

Zum einen steigert er die gesellschaftliche Anerkennung für Spiele. Etwas, worauf viele von uns lange hingearbeitet haben. Der Preis wird ja von der Bundesregierung getragen und macht deutlich, dass sie die Spielebranche unterstützen will. Ich habe in den letzten Tagen dahingehend erfreuliche Statements aus der Politik gehört. Zum anderen geht von der Auswahl der Gewinner eine Ermutigung zur Vielfalt bei der Spielentwicklung aus. Es werden sehr stark Nachwuchs und Prototypen gefördert. Junge Menschen werden ermutigt, Firmen zu gründen und ihre Spiele zu entwickeln.

Bernd Beyreuther

Bernd Beyreuther, Head of Studio bei Softgames. (Bild: privat)

t3n: Die Bundesregierung fördert in diesem Jahr die Games-Branche erstmalig mit 50 Millionen Euro. Wo sollte das Geld am besten landen?

Die Förderung geht ziemlich in die Breite. Da soll sowohl das große AAA-Studio als auch der Einzelkämpfer-Indie-Entwickler etwas bekommen. Wichtig finde ich, dass auf Ergebnisse hingefördert wird und am Ende wirklich Spiele herauskommen, die man sich gerne anschaut. Die Förderung versucht auch, den deutschen Markt besser zu stellen, da ja europäische Nachbarländer wie etwa Frankreich die Spieleindustrie bereits intensiv fördern. Die deutsche Politik weiß, dass sie da etwas tun muss, wenn wir eine vergleichbare Vielfalt bei uns haben wollen. Es wird ein, zwei Jahre dauern, bis die Ergebnisse sichtbar werden, aber das wird einiges ändern.

t3n: Was müssen deutsche Startups und Entwickler mitbringen, die neue Spiele auf den Markt bringen wollen?

Da sind für den Mobile-Games-Entwickler ganz andere Sachen bedeutend als für den, der etwas für VR macht. Ganz wichtig ist aber, dass man die Leidenschaft mitbringt. Man muss lieben, was man macht, und damit vertraut sein. Wer keine Mobile-Spiele spielt, kann keine Mobile-Spiele entwickeln. Wichtig ist, dass man sich nicht gleich übernimmt mit dem Scope und der Featurevielfalt und einen auf Hollywood machen will. Man muss Nischen identifizieren und kleine präzise Sachen machen, einfach und lean arbeiten. Und das machen zum Beispiel Kamibox und Kolibri Games in Perfektion. Kolibri Games, das früher Fluffy Fairy Games hieß, hat aus dem Karlsruher WG-Schlafzimmer heraus mit drei Leuten angefangen. Die haben das kleinste Spiel gebaut, das sie sich vorstellen konnten. „Idle Miner Tycoon“ wurde millionenfach heruntergeladen, endlich mal wieder ein Hit aus Deutschland. Die sind jetzt einer der größten Spieleentwickler in Deutschland und waren vor gut zwei Jahren noch eine WG.

t3n: In welchem Bereich können deutsche Spieleentwickler international punkten?

Die Standorte, besonders Berlin, haben den Vorteil, dass sie in Europa stark vernetzt sind. Wer heute in der Branche hier ist, kann auch morgen in Stockholm, Helsinki oder Barcelona sein und auf die gleichen Leute treffen. Wir sind glücklicherweise ein Land, in das die Leute gerne kommen. Die deutsche Spiele-Branche wäre nicht denkbar ohne Menschen aus der ganzen Welt, die gerne hier arbeiten. Ein wichtiger Standortfaktor.

t3n: Wie schätzt du den Jobmarkt heute in der Games-Branche ein?

Ich glaube, die Aussichten waren noch nie besser als heute. Alle Firmen stellen ein, suchen Leute. Wir bei Softgames schnappen uns zum Beispiel Leute aus allen Ecken der Welt, weil wir sie sonst nicht bekommen. Neue Leute sind gerade der Flaschenhals bei uns und vielen anderen. Programmierer werden händeringend gesucht. Für einzelne Bereiche ist es schwierig, den Berufseinstieg zu bekommen – Game-Designer, Balancer braucht man vor allem als Seniors, da es hier um die Kernbereiche eines Spiels geht. Generell bleibt es ein Markt, der sich immer schnell verändert. Man sollte nicht glauben, dass man zehn Jahre bei einer Firma bleibt, dafür ist alles viel zu beweglich.

t3n: Du arbeitest als Leiter der Entwicklung bei Softgames. Was ist euer Ding?

Softgames war Launchpartner für Facebook-Messenger-Games. Wir entwickeln heute vor allem HTML5-Spiele, die in verschiedenen Messengern laufen, auf dem Desktop und mobil. Damit sind wir auch international erfolgreich, zum Beispiel in den USA, Japan, Indien und Russland.

t3n: Messenger-Games sind auf Wachstumskurs. Was sind die Herausforderungen für Entwickler?

Messenger-Games sind noch stärker casual als Mobile Games. Oft wird ein Spielzug zwischen zwei Nachrichten ausgeführt, die jemand im Messenger tippt. Eine sehr flüchtige und schnelle Plattform, und es ist auch für viele Entwickler, die aus dem Bereich Mobile Games kommen, alles ziemlich neu und erfrischend. Manchmal auch ein bisschen gruselig, da funktionieren dann bestimmte Sachen einfach nicht oder werden erst noch gebaut. Es entwickelt sich gerade rasant. Die Games müssen aufgrund technischer Limitierungen besonders lean und optimiert laufen. Aber das hilft, eine besondere Klarheit herzustellen, man kann Schwächen nicht einfach mit Production-Values wie toller Grafik überdecken. Die Mechaniken müssen stimmen, alles sauber funktionieren.

t3n: Und wo liegen die großen Chancen bei Messenger-Games?

Im Gegenzug bekommt man die ganze virale Infrastruktur des sozialen Netzwerks kostenfrei mit. Ursprünglich kommen die Games im Messenger von Wechat in China, wo alles in der App stattfindet. Andere Messenger haben das übernommen. Snapchat bewegt sich auch gerade in den Markt und bietet sich als Gaming-Plattform an. Toll ist, dass wir nicht an die zubetonierten App-Stores gebunden sind, wo viele Entwickler klagten, dass es so teuer ist und man nur schwer reinkommt. Wir können bei den Messengern in alle offenen Kanäle rein, wo es kaum Beschränkungen gibt und noch wenig Konkurrenz herrscht. Gut, beim Facebook Messenger ist das schon nicht mehr so, da strömen wöchentlich Hunderte Entwickler rein. Aber als globales Phänomen betrachtet liegen in den Messengern noch unglaublich viele Möglichkeiten, wie man Spiele platzieren kann. Es ist wirklich gerade Goldrausch-Stimmung in dem Bereich.

t3n: Am Abend vor der Preisverleihung des Deutschen Computerspielpreises warst du zum Empfang im Kanzleramt. Welche Games zockt Angela Merkel denn gerne?

Ich glaube, da gibt es keine. Sie hatte an dem Abend sehr grundlegende Fragen zum Verständnis gestellt und ich glaube nicht, dass sie spielt.

t3n: Vielen Dank für das Gespräch, Bernd.

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