Analyse

Was uns Jony Ive und seine Zeit bei Apple über kreative Innovation lehren

Jony Ive war jahrelang der Chefdesigner bei Apple. (Foto: dpa)

Jony Ive war jahrelang der Chefdesigner von Apple – das hat er vor allem auch der Weitsicht von Steve Jobs zu verdanken. Der Brite brachte etwas mit, das kreative Innovation voraussetzt.

Jony Ive verlässt Apple – das war eine der großen Nachrichten der Tech-Branche der vergangenen Woche. Der legendäre Chefdesigner hat gekündigt, um seine eigene Firma namens Lovefrom zu gründen. Und auch wenn Apple einer seiner Kunden bleibt, so kann der Weggang ohne Zweifel als das Ende einer Ära betitelt werden. Der britische Designer war nämlich maßgeblich an der Entwicklung von Produkten wie dem iMac, dem iPod und dem iPhone beteiligt. Geräte, die das Leben von vielen Menschen nachhaltig beeinflusst haben. Ives Abschied – und die Herausforderung von Apple-CEO Tim Cook, ihn als impulsgebenden Chefdesigner für die nächste Ära zu ersetzen – bietet Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie Führungskräfte die richtigen kreativen Talente für die eigene Organisation auswählen sollten – und wie sie es vielleicht sogar tun müssen.

Computer: Büromaschine oder Statussymbol?

Am Beispiel des Jony Ive lässt sich Bemerkenswertes abschauen. Obwohl der Designer bereits seit 1992 für Apple tätig war, kam er eigentlich erst 1997 mit der Rückkehr von Steve Jobs so richtig zum Zug. Vorher erfüllte er die meiste Zeit über beratende Tätigkeiten. Als Jobs jedoch zu Apple zurückkehrte, stand der einstige Gründer vor der Herausforderung, die innovative Seele des Unternehmens neu zu beleben. Anders als viele seiner Mitstreiter wollte er immer, dass das Design im Mittelpunkt der technischen Neuerung steht. Da Apple zu dieser Zeit ein reines Computerunternehmen war, haben die meisten Beobachter damit gerechnet, dass Jobs nach einem erfahrenen Computerdesigner suchen würde – jemanden, der in der Branche einen guten Ruf genoss. Der iBoss setzte jedoch auf den jungen Ive, der innovativere Ideen für den iMac in petto hatte.

„Der Computer sollte aus seinem Dasein als Office-Gadget heraustreten.“

Jobs kümmerte es nie besonders, was andere Menschen erwarteten. Wie jeder weiß, hatte er immer seine eigene Vision und tat fast alles, um die Zukunft nach seinen Idealen zu gestalten. Für ihn war zum Beispiel immer klar, dass der Computer kein reines Industrieprodukt ist. Darin unterschied sich Apple anfangs von Firmen wie IBM, die keinen Sinn darin sahen, einen Personal Computer zu entwickeln. Später hieß es, der Personal Computer sei eine reine Büromaschine. Entsprechend sahen die meisten Geräte der Mitbewerber auch aus. Steve Jobs sah darin jedoch viel mehr als alle anderen Menschen um ihn herum, er wollte, dass sich Anwender mit dem Gerät nicht nur in den heimischen vier Wänden beschäftigen, sondern auch mit ihren Computern identifizieren können. Er wollte Maschinen, die sie sich gerne ins Haus holen und mit denen sie gerne arbeiten, die sie gerne zeigen.

Jobs hatte außerdem eine große Vorliebe für Produkte von Dieter Rams, damals Chefdesigner bei Braun. Der scherte sich nicht viel um Industriestandards und designte Haushaltswaren nicht mehr allein nur rein funktional, sondern mit hohem visuellem Anspruch. Das gefiel dem Apple-Chef schlussendlich auch an Jony Ive. Der junge Kreative war schon früh an der Gestaltung von Haushaltsprodukten beteiligt gewesen. So hatte er beispielsweise auch Ideal Standard beraten, damals ein wichtiger Akteur in der Bad- und Sanitärbranche. Ive wusste, was anspruchsvolle Heimanwender von Produkten, die sie in ihr Haus holen, erwarten. Im Nachhinein war es also auch eine brillante Entscheidung, ihm mehr Verantwortung zu geben. Jobs wusste, wenn er einen Innovator auswählt, muss der in die Zukunft der IT, nicht in die Gegenwart schauen. Der Computer sollte aus seinem Dasein als Office-Gadget heraustreten.

Jony Ive machte Schluss mit kantigen PC-Kästen

Der Erfolg gab den beiden Visionären schlussendlich Recht. Das erste Produkt, das unter der Leitung von Ive entwickelt wurde, war der 1998 eingeführte iMac G3. Dieser gilt noch heute als einer der revolutionärsten PCs aller Zeiten, der mit einer für die Branche völlig neuen Designsprache ausgezeichnet war: eine freundliche Hülle aus durchscheinendem, farbigem Kunststoff und eine eiförmige Form, die das vorherrschende Paradigma unsympathischer, beiger Kästen herausforderte. Der gleiche durchscheinende Kunststoff und die gleichen Farben waren übrigens bereits in den frühen 1990ern in Haushaltsprodukten verarbeitet worden. Unvergessen ist Alessis buntes Plastikgeschirr, das damals als äußerst innovativ in der Designszene galt. Den iMac G3 kauften sich sogar Menschen, die bislang kein Interesse an Technik-Schnick-Schnack gehabt hatten. Plötzlich waren Computer ein Statussymbol.

Von diesem Geist zehrt Apple bis heute. Apple-Kritiker regen sich regelmäßig über technisch kaum innovative Produkte auf. Bezüglich des Designs ist das Unternehmen für viele Kunden jedoch noch immer die erste Wahl. Sie greifen zu und nehmen horrende Preise in Kauf, weil sie die schick gestalteten Geräte schätzen – mehr als manch ein anderes IT-Produkt, das äußerlich aussieht, als wäre es für Kunden von vor fünf Jahren konzipiert worden. Die Lehre daraus: Wer nach Innovation und kreativen Talenten sucht, sollte sich vorstellen, was auf das Unternehmen zukommen wird und wie die Zukunft aussehen soll – erst dann lässt sich verstehen, welche Fähigkeiten ein Kreativer mitbringen muss, um Produkte zum Erfolg zu bringen. Wer diese Gedanken nicht voranstellt, sondern nach Menschen im Status Quo sucht, kann nicht hoffen, die Zukunft an vorderster Front mitzugestalten.

Diejenigen laufen allenfalls hinterher!

Spannend in dem Zusammenhang ist natürlich auch: Sollte Tim Cook die Lektion von Steve Jobs aufgegriffen haben, wird seine Wahl des Nachfolgers die Vision der aufstrebenden Welt offenbaren, in der Apple in den kommenden Jahren konkurrieren wird. Wie neue Produkte aussehen werden, wird viel darüber verraten, welchen Ansatz der Apple-CEO verfolgt – ob er Wert auf kreative Innovation legt oder nicht.

Wenn du diese Technologien noch kennst, bist du offiziell alt
Der erste Macintosh von Apple erschien im Jahr 1984 und war der Nachfolger des technisch ähnlichen, aber wirtschaftlich erfolglosen Apple Lisa. (Bild: Wikipedia)

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