Analyse

Ist KI das Ende des klassischen Software-Developments? Der Mensch bleibt der kreative Kopf

(Foto: Shutterstock)

Software wird sich dank künstlicher Intelligenz (KI) künftig selber schreiben. So zumindest sieht Google-CEO Sundar Pichai die Zukunft der Software-Entwicklung. Und er hat recht! Software-Entwickler werden deshalb aber keineswegs überflüssig – im Gegenteil.

Verfechter der klassischen Software-Entwicklung mögen zurecht feststellen, dass hinter einer guten Software mehr steckt als Code: eine anwenderfreundliche Struktur etwa, valide Testdaten und eine praxisnahe Testumgebung sowie Schnittstellen zu anderen Anwendungen. Nun könnte man sagen, dies muss doch alles ein denkender Mensch zusammenstellen, logisch und mit viel Erfahrung betrachten, um schließlich das Programm zu coden. Soll heißen: Auch eine noch so clevere künstliche Intelligenz braucht die Vorgaben eines Menschen. Wirklich?

Vorboten der KI kommen längst zum Einsatz

Nein, ganz so einfach ist es nicht. Denn die Grenzen zwischen der sogenannten klassischen If-Then-Else-Programmierung und algorithmus-basierenden Methoden verschwimmen längst. Frameworks als Development-Gerüste oder Bibliotheken mit Definitionen vereinfachen schon heute ganz selbstverständlich die Arbeit der Software-Entwickler. Entwicklungen wie die Containerisierung oder das Serverless-Konzept gehen ebenfalls in diese Richtung: Die Entwickler kümmern sich um das Herzstück der Anwendung, während die Laufzeitumgebung von anderen zur Verfügung gestellt wird. Mehr oder weniger lästige Randaufgaben, wie eben die Implementierung und Konfiguration der Hardware, das Management des Traffics und Ähnliches, entfallen.

Nun sind Frameworks auch bei Weitem nicht mehr nur statisch. Sie optimieren den Code, schlagen Vervollständigungen à la Google-Suche vor und wandeln grafisch erstellte Vorlagen in Quellcode um. So ist die Idee, jemand müsse in Zukunft gar kein Entwickler mehr sein, um einer KI zu sagen, wie eine Anwendung auszusehen hat, möglicherweise gar nicht so weit hergeholt. Ein Beispiel: Ein kreativer Web-Designer könnte künftig sein Mockup an die KI übergeben, die dann den HTML-Code daraus erstellt. Alle Regeln und alles Wissen, was die KI dafür benötigt, wären ihr recht unkompliziert beizubringen.

Eine KI holt aus Daten das Optimum

Und mehr noch: Aus Nutzerdaten etwa oder anderen zur Verfügung stehenden Daten könnte die KI nicht nur den Programm-Code, sondern auch das Programm selbst – in unserem Beispiel die Website – optimieren. Wo ist beispielsweise der optimale Platz für ein Bild auf der Website? Wie viele Online-Nutzer haben keine Lust zum Scrollen oder sehen Web-Inhalte ausschließlich mobil? Finden die Surfer dezente Farben angenehmer oder erreicht man mit grellen Designs die Zielgruppe besser? Mit diesen oder ähnlichen Daten kann eine KI lernen, was dem anvisierten Nutzer am besten gefällt und die Website darauf optimieren.

Die besondere Stärke derartiger Systeme: Sie können schnell rechnen, Muster erkennen und sind in der Lage, das Gesamtkonzept anzupassen, wenn die Bedingungen sich ändern. An welchem Punkt nun echte Intelligenz beginnt, ist eine eher philosophische Frage. Also zurück zum Anfang: Ist eine KI nur so gut, wie die Vorgaben eines Menschen und die Daten, die er dem System zur Verfügung stellt?

Konsequenzen für Developer

Stand heute ist es wohl so. Fakt scheint aber auch, dass sich die Arbeit der Software-Entwickler grundlegend verändern wird. Neuronale Netze oder künstliche Intelligenzen werden helfen, die digitale Arbeit zu verbessern, aber sie werden Entwickler auf absehbare Zeit kaum ersetzen. Schon heute nutzen wir lernende Systeme im Kleinen – von der bereits erwähnten Autovervollständigung bei der Google-Suche bis hin zu Playlists des Musik-Streaming-Dienstleisters, die nach individuellem Geschmack, momentaner Stimmung und Tageszeiten optimiert, immer die richtige Musik bieten. Der Bedarf an Anwendungsentwicklern ist dabei deutlich gestiegen. Die Digitalisierung findet statt, in allen Lebens- und Arbeitsbereichen – irgendwer muss die KI doch entwickeln, sie steuern, die Rahmenbedingungen und Daten vorgeben.

So werden Entwickler wahrscheinlich immer weniger Code schreiben und noch weniger diesen prüfen oder optimieren. Künftig arbeiten sie vielmehr in den Bereichen Data-Science oder Digital Innovation konzeptionell. Developer werden auch dafür sorgen müssen, dass KI nicht sich selbst überlassen werden und sie nach menschlichen Bedingungen prüfen. Das kann auch bedeuten, eine Website eben nicht nach einem berechneten Optimum zu designen, sondern bewusst auszubrechen – kurz gesagt, kreativ zu arbeiten.

Dabei kann eine KI ein hervorragender Partner sein. Viele Unternehmen nutzen beispielsweise die Techniken des Pair-Programming, bei dem Experten aus unterschiedlichen Bereichen gemeinsam Software entwickeln. Dabei bringt jeder verschiedene Erfahrungen und Ansätze ein. Das Ergebnis: deutlich stärker nutzenorientierte Anwendungen. Wenn wir von Software 2.0 reden, kommt die lernende Maschine als hochwertiger Partner hinzu, der aufgrund von Gelerntem Empfehlungen abgeben und mit zahlreichen Daten Testläufe automatisieren kann. In welche Richtung sich das Gesamtkonstrukt bewegt, bestimmt aber der kreative Mensch, denn nicht jede optimierende Empfehlung führt zum eigentlichen Ziel – intuitiver Software.

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2 Kommentare
Thomas D.

Was haben z.B. Container, serverless oder Frameworks mit KI zu tun?? Praktische Tools, aber wohl kaum intelligent.

Antworten
Jürgen Hoffmann
Jürgen Hoffmann

Es geht darum, dass Entwickler produktiver werden. Container, oder Functions bieten eine notwendige Abstraktionsebene, um Infrastruktur einfach zu konsumieren, ebenso wie KI eine Abstraktionsebene auf Datenanalysen und andere Themenbereiche bietet, wie im Artikel beschrieben.

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