Du hast deinen AdBlocker an?

Es wäre ein Traum, wenn du ihn für t3n.de deaktivierst. Wir zeigen dir gerne, wie das geht. Und natürlich erklären wir dir auch, warum uns das so wichtig ist. Digitales High-five, deine t3n-Redaktion

Kolumne

Kollateralschäden der DSGVO: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Datenschutzbeauftragten

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Datenschutzbeauftragten.

Die ersten Kollateralschäden der DSGVO werden sichtbar: Viele Blogger und Forenbetreiber schalten ihre Websites ab. Wer das macht und warum, darüber zeichnet eine Umfrage auf Twitter ein erstes Bild.

Als Folge der Datenschutzgrundverordnung war ein „Blogsterben“ vorhergesagt worden, weil Blogger und kleine Websitebetreiber mit den Regularien überfordert seien. Spoiler: Das Internet existiert noch. Aber als in meinem Umkreis tatsächlich einige ihre Blogs dicht machten, wollte ich wissen, ob mehr dahinter steckt oder es sich nur um einen Mythos handelt. Ich fragte also auf Twitter in die Runde und zählte innerhalb von 24 Stunden mehr als 300 geschlossene Blogs, Foren und Websites.

Natürlich ist diese Zahl in keiner Weise repräsentativ. Zugleich ist es wohl kaum übertrieben, von einer zehnmal höheren Dunkelziffer auszugehen. Interessant sind aber die Gründe, die die Blogger auf Twitter nannten. Alle gaben die DSGVO als Anlass für die Blogschließung an, aber nicht unbedingt als einzigen Grund. Viele bloggen sowieso nicht mehr. Deshalb war ihnen ihr Blog schlicht und ergreifend nicht wichtig genug, um sich um die Umsetzung der DSGVO zu kümmern. Ein Verlust ist das trotzdem. Denn auch wenn die Blogs sowieso nicht fortgeführt worden wären, sind ihre alten Inhalte verloren – ein Stück Netzkulturgeschichte des beginnenden 21. Jahrhunderts.

Nähblogs und freiwillige Feuerwehren

Andere hätten die DSGVO auch gerne umgesetzt, beklagten aber, dass die Blogplatformen wie Blogspot sie dabei im Stich ließen. Offenbar wurden auch viele Blogs aus dem Netz genommen, weil Gerüchte und Halbwahrheiten in bestimmten Communities stärker die Runde machten als in anderen. So schlossen auffällig viele Frauen ihre Blogs, die sich mit kreativen Handarbeiten wie Nähen beschäftigen. Aber auch kleine Vereine und ausgerechnet freiwillige Feuerwehren zeigten sich anfällig.

Das ist tragisch, weil das Web eigentlich dafür gedacht war, jederfrau und jedermann das Publizieren unabhängig von den Spielregeln großer Plattformen zu ermöglichen – gerade auch denjenigen, die sonst keine Medien- und Internetprofis sind. Publizieren ist weiterhin möglich, aber die Hürden sind jetzt ein gutes Stück höher. Aber auch Profis machten Websites dicht. Sie behalten häufig ihr Hauptblog, haben aber Websites gelöscht, die ältere Projekte dokumentieren. Ihnen ist der Aufwand zu hoch, mehrere Websites DSGVO-konform zu pflegen.

Angst vor Abmahnungen und Auskunftstrollen

Besonders häufig wurden zwei Ängste genannt: Abmahnungen und Auskunftsanfragen. Einige Blogger hatten in ihren Kommentaren Auseinandersetzungen mit Trollen bis hin zu Hatespeech. Sie sorgen sich, dass sie jetzt von genau diesen Trollen mit Auskunftsersuchen überzogen werden und löschen – wenn nicht das ganze Blog, so doch die Kommentare. Diese Sorge ist nicht ganz unberechtigt, weil die DSGVO keine Grenze beim Auskunftsrecht und der Häufigkeit der Auskünfte kennt. Das wird vermutlich irgendwann mal ein Gericht klären.

Was ebenfalls wohl erst vor Gericht entschieden werden wird, ist die Sorge vor Abmahnungen. Wie groß das Risiko ist, kann derzeit niemand abschätzen. Viele Datenschützer wiegeln ab: Man könne damit rechnen, dass die Aufsichtsbehörden „mit Augenmaß“ vorgehen würden. Allerdings erlaubt die DSGVO explizit auch die Klage vor Gericht durch Betroffene oder Verbraucherschutzvereine. Für windige Anwälte, die ein Abmahn-Business aufziehen wollen, dürfte es ein Leichtes sein, solche Vereine zu gründen. Auch wenn das Risiko vermutlich überschaubar ist, haben viele Menschen wohl alte Abmahn-Wellen in unguter Erinnerung und sind deshalb besonders vorsichtig. Immerhin gibt es erste Hinweise:

Nebenwirkung Geoblocking

Eine weitere Nebenwirkung der DSGVO: Durch die Hintertür verbreitet sich das Geoblocking noch weiter. So sperren beispielsweise Instapaper oder die Los Angeles Times europäische Nutzer künftig einfach von ihren Websites aus. Dahinter steckt wohl eine nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung. Deren Ergebnis ist für viele außereuropäische Anbieter, dass sich der Aufwand nicht lohnt. Es geht aber auch anders: USA Today hat eine werbefreie Version für Europäer, die allerdings inhaltlich und optisch stark eingeschränkt ist und eher an einen Newsticker erinnert. Die Washington Post wiederum zwingt die Leser aus der EU hinter eine Paywall, in die ein 50-prozentiger DSGVO-Aufschlag eingepreist ist.

All diese Kollateralschäden und bürokratischen Pflichten wären erträglich, wenn sich für Blogger und Leser ein Nutzen daraus ergeben würde. Es sind aber nun nicht unbedingt kleine Websitebetreiber, Gewerbetreibende oder Vereine, die bisher mit Datenmissbrauch aufgefallen wären. Und die in der Kritik stehenden Datensammler können ungebremst und wohl auch DSGVO-konform weitermachen. Und einige der Unternehmen, die ihre Website abgeschaltet haben, leiten mittlerweile auf ihre Facebook-Page um.

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Eine Reaktion
Michael Luster

Das größte Blogsterben, das ich beobachten konnte, kommt aus zwei Ecken: gewisse Berufe und Minderheiten. Da seit dem 25. das Fehlen eines Realnamens und ladungsfähiger Anschrift sanktionierbar ist, fürchten sich viele vor dem Überschwappen des Missbrauchs in die Realwelt.

Ich arbeite mit schwer kranken Menschen im psychischen Bereich. Viele sind sowohl hoch intelligent als auch zu schwerer Gewalt gegen Andere fähig. In diesem Monat habe ich nicht weniger als sechs Morddrohungen erlebt, inklusive "Du weißt doch was ich mit kleinen Kindern mache" eines Menschen mit einer solchen Vergangenheit, der meine Kinder bedrohte und nebenher ITler ist. Also in der Lage jetzt meinen Namen, der ihm zu wissen zusteht, mit meiner Adresse (die er mit Eingabe meines Namens googeln kann) zu korrelieren.

Die Kosten einer UHG für eine andere Adresse sind nicht proportional. Und ich habe es noch gut, andere werden jeden Tag online bedroht...

Antworten

Schreibe einen Kommentar zu Michael Luster Abbrechen

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.