Interview

Kommunikationsexperte Thomas Knüwer: „Die CDU ist eine Analogpartei“

Thomas Knüwer von der Kommunikationagentur kpunktnull. (Foto: Thomas Knüwer)

Youtuber Rezo hat die CDU mit einem Video kurz vor der Europawahl heftig in Bedrängnis gebracht. Kommunikations-Experte Thomas Knüwer erklärt, was für die CDU noch zu retten gewesen wäre.

Am Samstag hat Youtuber Rezo mit etwas über zwei Millionen Abonnenten auf zwei Kanälen ein Video mit dem Titel „Die Zerstörung der CDU“ hochgeladen. Das Video ist 55 Minuten lang und greift die Politik der CDU auf breiter Linie an: Es geht um Klimaschutz, Bildung, die soziale Schere und auch Krieg. Innerhalb einer halben Woche hat sich das Video – aktuell mit 5,2 Millionen Views – zu einer veritablen Kommunikationskrise für die Partei ausgewachsen.

Erstmal passierte am Wochenende der Veröffentlichung: nicht viel. Erster Vertreter der klassischen Presse, die auf das Video reagiert haben, war scheinbar die FAZ am Montag: Im Feuilleton sah man das Rezo-Video als Anfang eines möglichen Dialoges mit dieser jungen Generation sein.

Je mehr Bekanntheitsgrad das Video aber im Lauf der Woche erlangte und je mehr darüber berichtet wurde, desto mehr sah die CDU sich genötigt, auch selbst darauf zu reagieren. Gegenüber der Hauptstadtpresse ließ die CDU dann durchsickern, es würde ein Antwortvideo geben. Mit dem jungen CDU-Politiker Philipp Amthor. Das Video wurde scheinbar gedreht und dann doch nicht veröffentlicht. Und das, nachdem Twitter schon mit Amthor-Witzen heißgelaufen war und #Amthor teils die Twitter-Trends anführte. Schlussendlich schrieb die CDU nur einen (elfseitigen) Brief an den Youtuber.

Wir haben mit dem Kommunikationsexperten Thomas Knüwer darüber gesprochen, wie aus dem Problem eine Krise wurde.

t3n: Das Video von Rezo hat mittlerweile über fünf Millionen Aufrufe. Ist das ein Problem oder eine Katastrophe für die CDU?

Thomas Knüwer: Es ist eine Kommunikationskrise, weil es erstmal moderner Journalismus ist, der die Partei sehr direkt angreift. Die muss sich überlegen, wie sie darauf reagiert.

t3n: Fünf Millionen Aufrufe sind also nichts mehr, wo man sagen kann: Okay, das sind ein paar Kids?

Ich glaube, dass das Thema jetzt die junge Zielgruppe verlassen hat – spätestens seit Spiegel Online am Dienstag aufgesprungen ist. Seitdem sehen es auch ältere Menschen. Aber ich glaube, dass es auch einen Punkt gibt, der der gefährlichste ist. Das ist der Aufruf von Rezo: „Sprecht mit euren Eltern und Großeltern.“

t3n: Wieso?

Bei Obamas Wahlkampf hatte die Komikerin Sarah Silverman einen ähnlichen Aufruf in einem Video, das hieß „The Great Schlep“. Damals rief sie ihre jungen Zuschauer auf, nach Florida zu fliegen und ihre Großeltern und Eltern dort zu überzeugen, Obama zu wählen. Für Obama war Florida ein ungeheuer wichtiger Staat bei der Wahl und er hat dort gewonnen.

t3n: Kann man sagen, wie gefährlich so ein Video für die CDU ist?

Genau nicht, aber sagen wir es mal so: Die CDU macht sich die Mühe, sich mit Wahlkämpfern in die Fußgängerzonen zu stellen – und da geht es um wesentlich weniger Menschen. Oder anders ausgedrückt: Fünf Millionen Zuschauer, das ist sieben Mal die Spiegel-Auflage. Und jetzt stell dir mal vor, der Spiegel würde in sieben aufeinander folgenden Titel-Stories die CDU in die Pfanne hauen. Da wäre aber was los.

t3n: Hätte die CDU das denn noch irgendwie retten können?

Nein. Das war nicht mehr rettbar. Die Kritik war so vielfältig und fundiert, dass die Partei keine Chance hatte, irgendwas zu sagen, was die Wahrnehmung gedreht hätte. Das war einer der seltenen Momente, in denen ich raten würde: Klappe halten, bis das vorüber geht.

t3n: Hätte man Rezo nicht zu einem Gespräch einladen können?

Vielleicht. Aber am Sonntag ist Wahl, das wäre alles sehr knapp geworden. Oder sagen wir es so: Mit den richtigen Leuten hätte man so ein Gespräch aufsetzen können. Aber die CDU ist eine Analogpartei. Und den Wechsel hätte man schon vor Jahren anfangen müssen. Aber mit der Ankündigung einer Antwort von Philipp Amthor haben sie sich keinen Gefallen getan. Damit haben sie das Thema nur am Leben gehalten. Hätten sie statt einer Antwort so etwas gesagt wie: Wir teilen deine Meinung nicht, aber in einer Demokratie muss es möglich sein, verschiedener Ansicht zu sein – dann wäre es am nächsten Tag vorbei gewesen.

t3n: Von der unvorteilhaften Reaktion der CDU mal abgesehen – kann man sowas denn überhaupt nicht auffangen?

Die meisten Krisen haben einen Auslöser, da kann man versuchen, die Kommunikationshoheit zu gewinnen. Aber auf sechs oder sieben Themengebieten, die mit 225 Quellen unterlegt sind, ist es schwer, die Kommunikationshoheit zu gewinnen.

t3n: Als letzte Reaktion hat die CDU ein elfseitiges Papier veröffentlicht.

Ehrlich gesagt, ich hatte noch nicht die Zeit, es mir durchzulesen. Aber genau das ist ja das Problem: Wer liest sowas? Wissenschaftler lesen solche Papiere. Aber auch abgesehen von der Form: Der Youtuber hat ja wochenlang recherchiert, Quellen herangeholt, das Video gescriptet – das ist ein ausführlich erarbeitetes Stück Inhalt. Das kann man nicht mit einem Text beantworten, den man in ein paar Tagen herunter schreibt.

t3n: Wie könnte eine längerfristige Antwort aussehen?

Tja. Ich glaube das Video sollte allen Parteien zu denken geben, und nicht nur der CDU: Warum etablieren die nicht selbst solche Youtube-Kanäle, auf denen sie den Menschen ihre Themen richtig erklären? Stattdessen konzentriert sich deren Kommunikation immer nur auf die Hauptstadtpresse.

t3n: Vielen Dank für das Gespräch.

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Bärliner
Bärliner

Freitag, 24.05.2019, 13 Uhr:

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