Kolumne

Die Krise des digitalen Kapitalismus ist tief, aber nicht unlösbar

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Keine hoffnungslose Situation

Es gibt allerdings auch eine gute Nachricht: Denn das Fehlen eines wirksamen Rahmenwerks für einen das Allgemeininteresse nicht komplett außer Acht lassenden digitalen Kapitalismus bietet auch denjenigen neuen Spielraum, die der problematischen Entwicklung etwas entgegensetzen wollen. Die Freiheit der digitalen Welt steht allen Menschen gleichermaßen zur Verfügung – einen nicht zensierten Internetzugang vorausgesetzt. Und sie ist, wie bereits erwähnt, deutlich umfangreicher als die Freiheit, die der Kapitalismus der analogen Ära bot. Damals begrenzten strukturelle, technologische und geographische Einschränkungen Out-of-the-Box-Denken sowie die Schaffung grenzenüberschreitender Netzwerke rund um neue Ideen, Konzepte und Initiativen. Das ist nun ganz anders. Als Resultat sehen wir zahlreiche rasant an Unterstützung gewinnende Denkansätze und Versuche der Schaffung neuer Paradigmen, wie etwa das bedingungslose Grundeinkommen, die Loslösung der Frau von den strukturellen Ketten der Vergangenheit, oder die Philosophie der Dezentralisierung, aus der etwa die Blockchain-Technologie entstand.

Sofern meine Zustandsanalyse korrekt ist, werden die bereits regelmäßigen Angriffe auf politische Systeme, Institutionen und die Demokratie in Frequenz und Stärken zunehmen. Sie müssen als eine systemische Abwehrreaktion gegen das Auseinanderdriften der Interessen des digitalen Kapitalismus und des Allgemeinwohls verstanden werden. Die Anti-Tech-Stimmung, die 2017 erstmals signifikante Ausmaße annahm, dürfte sich ebenfalls noch verstärken. Andererseits besteht dank der aufkommenden „nativen” Bewegungen, der technischen Innovationen und des Aufbrechens lange unangetasteter Strukturen die Chance für ein organisches, evolutionäres Upgrade des Kapitalismus. Dabei würden im Wettbewerb zwischen den etablierten und den gerade entstehenden, im letzten Abschnitt erwähnten Ideen die neuen Ansätze unter Zuhilfenahme möglichst weniger, dafür aber effektiver, international abgestimmter regulatorischer Markteingriffe die Oberhand gewinnen. Eigeninteressen und gesellschaftliche Ideale würden wieder besser miteinander in Einklang gebracht, während die Konzentration von Macht, Kapital und Know-how (gerade im zukunftsweisenden Bereich der künstlichen Intelligenz) in den Händen einiger weniger gestoppt würde.

Sollte das eintreten, hätte sich der Kapitalismus aus seiner derzeitigen Krise befreit.

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2 Kommentare
jaschmidtuss
jaschmidtuss

Erst mal finde ich es sehr gut, dass solche Themen hier auch erscheinen und politisch sowie philosophisch betrachtet werden. Es ist unheimlich wichtig sich darüber zu unterhalten. Jedoch halte ich es für eine falsche Aussage, dass das Kapitalismus-Konzept zufriedenstellende Ergebnisse hervorgebracht hat. Hunderte Millionen Menschen erlebten signifikante Wohlstandszuwächse und Verbesserungen der Lebensqualität? Im Gegenteil, für Millionen von Menschen geht die Arm-Reich-Schere immer weiter auf. Reiche werden immer reicher und die Macht konzentriert sich immer mehr. Sowie verschlechtert sich die Lebensqualität rasant nach unten, siehe steigende Anzahl an Burnout und Depressionsfällen. Depression ist schon als Volkskrankheit anerkannt in Deutschland. Und zu den Wohlstandszuwächsen: für den Wohlstand den wir hier in Deutschland haben, müssen andere (Indien, Afrika, China, etc) bezahlen. Und schon lange ist bekannt, dass materieller Wohlstand keineswegs glücklich macht.

Richtig ist, dass vielleicht der technische Fortschritt einen Boost erhalten hat, aber auch nur, weil dieser monetarisiert werden kann. Bestes Beispiel: Antibiotika. Heute wird fast nicht mehr an neuen Antibiotika geforscht, weil damit kein Geld mehr gemacht werden kann. Und so ist es durchgehend und das hat nichts mit erneuerbaren Energien an sich zu tun, sondern nur, weil diese derzeit (oder anscheinend in Zukunft) gutes Geld bringen. Ein anders Thema ist eh noch mal, ob die erneuerbaren Energien überhaupt so erneuerbar sind wie sie scheinen. Es gibt kritische Stimmen, die meinen, dass es gar nicht möglich ist so viel Energie zu produzieren, so dass jeder ein Elektroauto hat.

Auch stimme ich nicht zu, dass der digitale Kapitalismus das „bedingungslose Grundeinkommen, die Loslösung der Frau von den strukturellen Ketten der Vergangenheit, oder die Philosophie der Dezentralisierung“ erschaffen hätte („die Schaffung neuer Paradigmen“). Alle drei Dinge gab es schon davor, ja sogar schon vor hunderten von Jahren. Die Idee des Grundeinkommen gibt es schon seit Jahrhunderten (siehe Wiki). die Emanzipierung der Frau auch seit Jahrhunderten. Und die Dezentralisierung ist auch schon eine Idee die seit Ewigen vorhanden ist. Ich sage sogar, dass die Demokratie eine Dezentralisierung ist, weil die Macht nicht in einer einzelnen Hand liegt. Ich finde es demnach sogar herabwürdigend gegenüber allen Vordenkern, dass der digitale Kapitalismus diese Dinge (mit) erfunden haben soll.

Und dem Fazit kann ich keinesfalls zustimmen. Eine Kombination zwischen Kapitalismus und Demokratie ist immer nur ein schlechter Kompromiss und eine widersprüchliche Vereinbarung. Ein paar regulatorische Markteingriffe regeln das auch nicht. Eine lebendige Demokratie ist auf das Wohle des Volkes und Menschen ausgerichtet, was wenig mit materiellen Gütern zu tun hat, sondern mit eine glücklichen und zufriedenen Menschheit. Der Kapitalismus ist einzig und allein auf das Kapital ausgerichtet. Es steht nicht der Mensch an erster Stelle, sondern die einzelne Anhäufung von Macht, Kapital und Know-how.

Mein Fazit ist: der Kapitalismus ist nicht mit einer Demokratie vereinbar. Ja er schadet sogar der Demokratie und baut diese rasant ab, unterhöhlt diese immer mehr (z.B. Lobbyarbeit im Bundestag). Beide Dinge sind im Widerspruch. Wir müssen den Kapitalismus gänzlich abschaffen und die Wirtschaft muss dem Menschen dienen und der Mensch nicht der Wirtschaft. Alles was das Wohl des Menschen mindert, muss auf härteste verurteilt werden. Dazu zählen Ausbeutung im eigenen Lande (viel zu geringe Löhne) und im Ausland (unwürdige Produktionsmethoden), unwürdige Verhältnisse wie bei Hartz4 und in der Pflege. Die Liste ist lang und würde den Rahmen hier sprengen.

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Martin Weigert
Martin Weigert

Danke für deinen Kommentar und die Überlegungen. Dass man ein und das selbe Phänomen von sehr unterschiedlichen Standpunkten aus betrachten kann – und dass dies ganz besonders bei diesem Thema der Fall ist – überrascht sicher keinen von uns.

Drei Anmerkungen:
Zu deinem ersten Absatz: Ich sehe keinen Widerspruch darin, die positiven Aspekte des Kapitalismus anzuerkennen, während man gleichzeitig die Schwächen benennet. Du führst die Schere zwischen Arm und Reich an und bezeichnest dies als „Gegenteil“ meiner Aussage, dass Hunderte Millionen Menschen signifikante Wohlstandszuwächse und Verbesserungen der Lebensqualität erlebt haben. Aber ist das wirklich ein „Gegenteil“? Meines Erachtens nach ist beides korrekt. Das schließt sich nicht aus. Zumal die extreme Ungleichheit, wenn ich das richtig beurteile, eher ein Phänomen des Spätkapitalismus (vielleicht seit den 80ern) ist und damit gewisserweise ein Teil der Kritik, die ich (zusammen mit der von dir erwähnten Machtkonzentration) in meinem Text hervorbringe.

Zum Thema BGE, Dezentralisierung, Frauen etc: Vielleicht habe ich das falsch formuliert. Die Ideen existieren natürlich schon viel länger. Mein Argument ist, dass die Technologien der Digitalisierung und Vernetzung als Katalysator dienen und diese und andere Konzepte und Paradigmen auf die ganz große Bühne bringen.

Die Aussage „Der Kapitalismus ist nicht mit einer Demokratie vereinbar. “ halte ich in dieser Absolutheit deshalb für falsch, weil erwiesenermaßen im kapitalistischen Zeitalter mehr halbwegs funktionierende Demokratien entstanden sind als jemals zuvor. Allerdings ist Kapitalismus kein Garant für Demokratie. Eine unkontrollierte Mutation (wie wir sie gerade überlegen) kann zu einer Bedrohung für die Demokratie werden. Zumindest da bin ich bei dir.

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