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Künstliche Intelligenz: „Wie kann Europa neue Champions hervorbringen?“

Auch dieses Mal steigen wieder spannende Gäste in den Tesla.(Screenshot: t3n)

Philipp Depiereux hat den Changerider drei Tage vor dem Hotel Adlon in Berlin geparkt, um sich mit Gästen des SZ-Wirtschaftsgipfels über die Digitalszene und die deutsche Wirtschaft auszutauschen. Das kam dabei heraus.

„Vertrauen schaffen“ war das Motto des letzten SZ-Wirtschaftsgipfel in Berlin – ein Event, auf dem alljährlich die Gestalter aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zusammenkommen. Diese Gelegenheit hat Etventure-Gründer Philipp Depiereux genutzt und den Changerider vor dem Hotel Adlon geparkt. An drei Tagen haben 23 Experten der Digitalszene und deutschen Wirtschaft im Changerider von ihren Visionen, Erfolgen und Scheitergeschichten berichtet. In der dritten und letzten Folge dieser Reihe waren neun Gäste mit an Bord, darunter auch die Gastgeber des SZ-Wirtschaftsgipfels und Leiter der Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung. Die Themen: Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus? Und was kann Europa eigentlich von den USA und China lernen?

„Auf dem Schlachtfeld der künstlichen Intelligenz kann Europa gewinnen“

Charles-Edouard Bouée ist seit fünf Jahren CEO von Roland Berger und verantwortet zudem das Asien-Geschäft des Unternehmens. Er kennt sich bestens mit den Stärken und Schwächen von Europa und Asien bei der digitalen Transformation aus. Ein Thema, das ihm besonders am Herzen liegt und für das er sich auch im Gespräch mit Politikern einsetzt, ist: „Wie kann Europa neue Champions hervorbringen, insbesondere im Bereich der künstlichen Intelligenz? Denn das ist ein Schlachtfeld, das wir gewinnen können.“ Im Hinblick auf die aktuellen Champions wie Apple oder Google lautet seine Prognose: „Ich bin fest davon überzeugt, dass die Spieler, die die gestrige Schlacht gewonnen haben, die morgige Schlacht nicht gewinnen werden.“ In Zukunft würden aus seiner Sicht Menschen immer mehr Wert auf den Schutz und die Kontrolle über ihre Daten legen. Dank der DSGVO habe Europa trotz aller aktuell geäußerten Kritik das Potenzial, eine nutzerzentrierte Form von KI zu schaffen. In der Vergangenheit wären Deutschland und Europa sehr erfolgreich bei der Entwicklung neuer Technologien gewesen, hätten jedoch Defizite bei deren Vermarktung. Bouée erzählt, was wir Europäer dabei von den USA und China lernen können – und appelliert: „Wir müssen verstehen, dass wir 50 Milliarden auf den Tisch legen müssen, und nicht nur eine Milliarde.“

„Wir laufen bei KI wieder genau in die gleiche Falle …“

„… wir sind perfekt in der Forschung, wir haben die besten Netzwerker, in jedem Smartphone sind die LSTM von Schmidhuber“, stellt Anna Lukasson-Herzig fest. Der Informatiker Jürgen Schmidhuber gilt als einer der einflussreichsten Forscher bei künstlicher Intelligenz und hat gemeinsam mit Sepp Hochreiter, der bereits im Changerider saß, das sogenannte Long-Short-Term-Memory (LSTM) entwickelt. Die Technik ist die Grundlage für Sprachassistenten in Smartphones oder in Lautsprecherboxen wie Amazons Alexa. „Aber wir als Deutschland haben nicht viel davon“, warnt Lukasson-Herzig. Sie war fast zehn Jahre bei der Beratung BCG beschäftigt, bevor sie 2015 ihr eigenes Startup gründete: Nyris. „Wir machen Bilderkennung und KI. Wir fokussieren uns auf die Erkennung von Produkten und Objekten in Bildern und Videos. Was man hört ist: KI kann alles und wird uns bald töten. So ist es nicht. Wenn man sich damit beschäftigt, merkt man, dass KI nur sehr, sehr wenig kann und, dass man sich sehr stark auf einen Case konzentrieren muss.“ Die Gründerin erklärt außerdem, warum sie im B2B-Bereich die besten Chancen für Europa sieht und warum das Thema Diversity in ihrem Unternehmen eine so wichtige Rolle spielt.

„Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir diesen beschleunigten Strukturwandel bewältigen“

Wenn die Industrie sich verändert, wandelt sich auch der Arbeitsmarkt – ein Thema, mit dem sich Frank Bsirske, Vorsitzender der Gewerkschaft Verdi, eingehend befasst. Er spricht von einem „beschleunigten Strukturwandel“, den wir bewältigen müssen. Gerade im Handel, der öffentlichen Verwaltung und der Logistik würden viele Arbeitsplätze wegfallen. Gleichzeitig würden jedoch neue Arbeitsplätze in den Bereichen Erziehung, Pflege und Medien entstehen. „Das Qualifikationsprofil, das auf den Arbeitsplätzen nachgefragt wird, die absehbar verschwinden, hat relativ wenig zu tun mit dem Qualifikationsprofil, das auf den Arbeitsplätzen gebraucht wird, die neu entstehen sollen.“ Dafür müsse in relativ kurzer Zeit eine Lösung gefunden werden, um nicht in eine Situation zu kommen, in der gleichzeitig Fachkräftemangel und eine höhere Arbeitslosigkeit besteht. In der aktuellen Changerider-Folge berichtet er, an welcher Lösung bereits gearbeitet wird und warum er ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht für realisierbar hält.

Das aktuelle Arbeitszeitgesetz sieht Bsirske auch mit Blick auf die Digitalisierung weniger problematisch: „Unser Arbeitszeitgesetz lässt so viele Ausnahmen zu und ist so flexibel. Die Freiheit zu entscheiden, wann man arbeitet und von wo aus man arbeitet, ist für viele noch nie so groß gewesen wie heute. Das ist eine richtige Chance. Auf der anderen Seite haben wir auch Phänomene der Entgrenzung der Leistungsbereitschaft.“ Dieses Spannungsverhältnis müsse austariert werden. „Wir bekommen mit der Digitalisierung auch die Herausforderung von Transparenz und Kontrolle mit Daten als Herrschaftsinstrument.“ Welches führende Digitalunternehmen eine Abmahnung, „also eine Kündigungsandrohung im Wiederholungsfall“, wegen zweimaliger Inaktivität innerhalb von fünf Minuten ausstellt, erzählt Bsirske im Changerider.

„Unternehmen dabei helfen, wahnsinnig gute Leute einzustellen, die sie sonst vielleicht nicht eingestellt hätten“

Integration durch gemeinnützige Zeitarbeit – das ist die Mission von Zarah Bruhn, Co-Founder und CEO des Nonprofit Startups Social-Bee. „Wir machen es Unternehmen so einfach wie möglich, Geflüchtete zu beschäftigen. Und zwar mit dem relativ simplen Prinzip, dass wir sie selbst einstellen.“ Dadurch würden sie den Unternehmen die Suche und vor allem die Bürokratie ersparen. „Die Geflüchteten arbeiten über Zeitarbeit – aber gemeinnützig – bei dem Partner-Unternehmen. Wir finanzieren ein ganzes Integrationsprogramm, Sprachkurse, Qualifikationen, Wohnungsfragen und vieles mehr, mit dem Ziel, dass die Geflüchteten nach einem Jahr übernommen werden.“ Das Ziel für die nächsten fünf Jahre? „Wir wollen 10.000 Menschen, die benachteiligt sind, in Arbeit und in die Gesellschaft integrieren. Jetzt liegt der Fokus auf Geflüchteten, langfristig peilen wir auch deutsche Langzeitarbeitslose an, Menschen mit Behinderung und viele andere Zielgruppen, die Integrationsbedürfnisse haben.“ Damit verbunden ist auch immer die Frage: Wie hilft man Menschen digital zur Teilhabe?

„Vertrauen schaffen – ich hatte den Eindruck, dass das gelungen ist“

Den Abschluss der Reihe zum Wirtschaftsgipfel machen die Gastgeber und Moderatoren des SZ-Wirtschaftsgipfels selbst: Ulrich Schäfer, Nachrichtenchef der Süddeutschen Zeitung, und Marc Beise, Leiter des Wirtschaftsressorts, blickten gemeinsam mit Philipp Depiereux auf einen erfolgreichen Wirtschaftsgipfel zurück: „Wir haben dem Kongress ein Motto gegeben: ‚Vertrauen schaffen.‘ Ich hatte in ganz vielen Panels den Eindruck, dass das gelungen ist, dass positive Dinge aufgezeigt wurden, dass gezeigt wurde, was funktioniert und wo die Chancen sind“, berichtet Marc Beise. Ulrich Schäfer erzählt außerdem von dem „extrem starken Auftritt“ von Angela Merkel. Abschließend greift Marc Beise ein Thema auf, das bei diesem Gipfel etwas zu kurz gekommen ist: „Beim Thema Bildung geht es nicht nur um digitale Bildung, zum Beispiel Programmieren. Es geht im das neue Denken, die Selbstständigkeit, das Unternehmerische – auch das Nachdenken darüber, wo Grenzen und Chancen liegen, was die Verantwortung und die ethischen Maßstäbe sind.“

Weitere spannende Themen bei dieser Changerider-Folge: Gabriel Felbermayr, Präsident des IfW, beleuchtet die Themen Digitalisierung und Globalisierung aus Sicht der Wissenschaft. Er berichtet, wie Deutschland in dieser Hinsicht aufgestellt ist und was sich in der deutschen Automobilindustrie verändern wird. Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes, äußert seine Meinung zum Diesel-Skandal sowie zur Ampelkennzeichung auf Lebensmittelverpackungen und erklärt, wie der Verbraucherschutz durch die digitale Transformation konkret verbessert werden kann. Außerdem berichtet Mark Behrend, ehemaliger Kapitän der MS Europa, über einen akuten Vorfall auf seinem Schiff, bei dem Leadership und Teamwork entscheidend waren und sorgt damit „für einen echten Gänsehautmoment im Changerider“.

Ihr kennt ebenfalls Querdenker, Gamechanger und unermüdliche Optimisten, die für den digitalen Wandel einstehen? Nominiert sie als Changerider-Mitfahrer! Diese und alle weiteren Folgen sind als Video oder ausführliche Gespräche im Podcast bei iTunes, Soundcloud und Spotify verfügbar.

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