Fundstück

Lahme Tastaturen: Wie viel Verzögerung beim Tippen verträgst du?

Finger tippen in die Tasten. Nicht schön ist, wenn der Text mit Verzögerung erscheint. (Foto: Shutterstock)

Eine Webanwendung simuliert Latenzen bei der Tastatureingabe. Wie viel Verzögerung ist zu viel für dich? Probier es aus.

Wie nervig ist zu nervig? Diese Frage stellt die Entwicklerin Monica Dinculescu in Bezug auf Verzögerungen beim Tippen. Wer aus welchem Grund auch immer ausprobieren will, wie sich das verspätete Erscheinen von Buchstaben auf Gemüt und Produktivität auswirkt, kann das auf einer eigens dazu eingerichteten Seite machen. Dort kann man in ein Textfeld tippen, das Ausmaß der Verzögerung, auch Typing Delay oder Time-Lag genannt, lässt sich manuell festlegen. Außerdem gibt es einige Buttons mit festgelegten Delays, die von „Fine“ über „Really not great“ bis „We’re done here“ reichen.

Auch dieser Artikel wird direkt im Verzögerungs-Simulator geschrieben. Mal sehen, wo für mich die Schmerzgrenze liegt. Den „Fine“-Button hat Monica mit einem Delay von zehn Millisekunden kalibriert. Diese kleine Verzögerung ist für mich kaum wahrnehmbar. Auch 30 Millisekunden liegen für mich noch im Rahmen dessen, was ich beim Schreiben eines Artikels hinzunehmen bereit wäre. Monica scheint diese Verzögerung ebenfalls akzeptabel, die Kategorie hat sie benannt mit „Could be worse“. Und wie schlimm es noch werden kann, zeigen die nächsten Stufen.

Wie viel ist zu viel für mich?

Weiter geht es mit einem Delay von 50 Millisekunden. Ein bisschen schwerfällig fühlt sich das Tippen an, auch ist die Verzögerung visuell deutlich wahrnehmbar. Ich habe das Gefühl, dass ich langsamer tippe, um den Buchstaben Zeit zu geben, hinterherzukommen. „It’s worse“ heißt diese Stufe im Simulator. Für mich ist es noch nicht schlimm genug, um die Arbeit frustriert abzubrechen, aber dauerhaft würde ich mich mit diesen suboptimalen Bedingungen nicht zufrieden geben.

Auf dem nächsten Button steht „Really not great“ und jetzt ist die Frage, ob eine Verzögerung von 100 Millisekunden subjektiv sehr oder sehr, sehr, sehr nervig ist. Beim schnellen Tippen ist der Lag deutlich spürbar. Noch schlimmer wird es, wenn ich einen Teilsatz lösche oder einen Tippfehler korrigieren will. Weil auch dieser Vorgang nicht in Echtzeit dargestellt wird, kann es leicht passieren, dass ich mehr lösche, als eigentlich geplant. Ab hier würde ich sagen, dass die Verzögerung zum echten Produktivitätskiller wird.

Augen zu und durch

Die nächste Kategorie trägt den Titel „We’re done here“ und hier wäre auch für mich Schluss. Solche Zustände habe ich vor Jahren an Uralt-Rechnern in Hostels und Stadtteilbibliotheken erlebt, was selbst das Schreiben einer knappen E-Mail zur Geduldsprobe werden lässt. Eine Verzögerung um 200 Millisekunden ist einfach zu viel des Guten. Oft erscheinen Buchstaben erst, wenn ich schon ein paar Wörter weiter bin. Korrekturen sind jetzt noch schwieriger als zuvor. Schlagartig besser wird es, wenn ich die Augen schließe oder meinen Blick vom Display abwende. Ohne den irritierenden Unterschied zwischen dem, was meine Finger tun und dem, was ich sehe, komme ich besser voran.

Die voreingestellten Stufen wären also geschafft. Jetzt gibt es noch den Button „Surprise me“. Ich habe Glück, der erste Klick beschert mir eine Verzögerung von 26 Millisekunden und verglichen mit den qualvoll langen 200 Millisekunden kommt mir die Übertragung beinahe flott vor. Der zweite Klick ist weniger glücklich: 342 Millisekunden. Wenn ich mich zwinge, denn Blick auf dem Bildschirm zu lassen, kann ich nicht mehr vernünftig arbeiten.

Mit dieser Anwendung kannst du deine Geduld bei Typing Delays testen. Unsere Autorin hat das auch getan und einen ganzen Artikel auf der Seite geschrieben. (Screenshot: t3n)

Es gibt auch die Möglichkeit, die Verzögerung von Hand einzugeben. Ich entscheide mich für exzessive 2.000 Millisekunden und komme erstaunlich gut damit klar. Was sich jetzt am Bildschirm abspielt, hat so wenig mit dem zu tun, was ich aktuell schreibe, dass es weniger irritierend ist als eine mittelstarke Verzögerung. Fast so gut, wie mit geschlossenen Augen zu schreiben.

Dann gibt es noch den Variable-Latency-Mode. Das heißt, die Verzögerung ändert sich kontinuierlich während des Tippens. Laut Monica ist das „der Horror“, aber inzwischen bin ich abgehärtet und komme mit einer variierenden Verzögerung besser klar als zuvor mit einer gleichmäßigen, starken Verzögerung.

Viel Aufmerksamkeit für ein nerviges Projekt

Laut Website handelt es sich um ein Experiment, das zeigen soll, „welche Verzögerung zu nervig für eine Nutzerinteraktion wie Tippen ist“. Den Code hat Monica Dinculescu auf Glitch, einem Portal für Open-Source-Projekte, veröffentlicht. Weniger als 24 Stunden, nachdem die Urheberin den Link zu ihrem Projekt auf Twitter geteilt hat, gibt es schon 1.100 Retweets, 4.300 Likes und mehr als 180 Kommentare. Im Thread schreiben viele Personen, wo ihre persönliche Schmerzgrenze liegt und berichten von ihren Erfahrungen mit Time-Lags. Viele berichten von unvorteilhaften technischen Setups wie Kombinationen von SHH und Smartphone-Hotspots oder einer Satellitenverbindung, Remote-Zugriff auf Rechner über eine schwache Internetverbindung, arbeitsspeicher-intensive Software und alte Computer. Einer fühlt sich an „Ticket-Automaten in Deutschland“ erinnert.

https://twitter.com/notwaldorf/status/1161296700612284416

Es gibt auch einige kreative Vorschläge, wie man den Ansatz weiterentwickeln könnte. Ein Twitter-Nutzer schlägt vor, die künstliche Verzögerung bei einem Klavier einzusetzen. Ein weiterer Vorschlag ist ein Quiz, bei dem Spieler einen Text mit einer zufälligen Anschlagverzögerung tippen und dann schätzen müssen, wie stark diese ist.

Doch wozu das Ganze? Manche mögen den Code für weitere nervige Anwendungen weiterentwickeln. Andere mögen in der Seite eine willkommene Ablenkung von der Arbeit oder Anlass für ein bisschen nerdigen Austausch gefunden haben. Vielleicht lässt sich der eine oder die andere dazu anregen, das technische Setup zu überdenken, um flüssiger arbeiten zu können.

Die Entwicklerin selbst schein etwas überrascht von der großen Aufmerksamkeit. „Wenn ich eine App mache, die Mathe verwendet, um Musik zu komponieren, die sich wie eine Band anhört, sagt ihr ‚okay, klar‘, aber wenn ich eine App mache, die euch nicht tippen lässt und euch innerlich zerstört fühlen lässt, flippt ihr aus“, schreibt sie in einem Tweet.

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