Kolumne

„Liebling, ich habe das Internet gelöscht” – warum wir nicht zu laut über unsere Eltern lachen sollten

Huch, eben war es noch da, dieses Internet. (Foto: Shutterstock)

Über die zumeist ausbaufähige Medienkompetenz der eigenen Eltern zu spotten, ist ein Leichtes. Dabei vergessen wir nur allzu gern: Wir sind die nächste Generation, die hilflos vor den Bildschirmen oder Smartspeakern steht. #isso

Zugegeben, es ist eine Low-Hanging-Fruit, sich über die mehr oder weniger vorhandene Medienkompetenz der eigenen Eltern auszulassen. Trotzdem habe ich mich neulich sehr amüsiert, als ich folgende Whatsapp-Nachricht von meiner Mutter bekam: „Bei uns geht das Internet nicht, aber Whatsapp, meine Einstellungen sagen, ich muss die Web.de-App aktualisieren, aber das geht nicht. Bin ich in der Cloud?“

Wie gesagt – es ist eine Low-Hanging-Fruit, und prinzipiell ist es vor allem gut und lobenswert, dass die Elterngeneration es immerhin versucht und sich nicht grundsätzlich verschließt. Das Unterhaltungspotenzial ist vielleicht auch die Entlohnung für Zeit und Nerven, die man aufwendet, wenn man den Eltern über Weihnachten wieder mal die IT repariert hat. Dabei sollte man aber niemals vergessen, dass auch das Internet kein schwerer Koloss vom Kaliber eines Ozeandampfers ist, sondern sich permanent weiterentwickelt. Parallel dazu werden wir alle älter. Und auch wenn wir höchst ironisch damit kokettieren, dass wir keine Ahnung haben, was Snapchat soll oder wieso es Tiktok überhaupt gibt – es ist der erste Schritt auf dem Weg zu den verwirrenden Nachrichten, die wir eines Tages an unsere Kinder schreiben werden. Bin ich in der Cloud?

Die natürliche Ordnung der Dinge …

Douglas Adams hat einmal formuliert, dass wir alles, was es zum Zeitpunkt unserer Geburt schon gibt, als normal und gegeben ansehen und dem selbstverständlichen Funktionieren der Welt zurechnen. Alles, was zwischen unserem 15. und 30. Lebensjahr erfunden wird, ist neu, aufregend, revolutionär und könnte uns bei der Berufswahl beeinflussen. Und alles, was nach unserem 30. Lebensjahr erfunden wird, richtet sich gegen die natürliche Ordnung der Dinge.

Was Adams wahrscheinlich nicht absehen konnte, ist der allumfassende Einfluss, den das Internet auf unser Leben und unseren Alltag genommen hat, und wie sehr wir in vielen Bereichen inzwischen davon abhängig sind. Das macht unsere Generation – die sogenannten Millennials – zur letzten, die noch weiß und erlebt hat, wie eine Welt ohne Internet funktionierte. Vielleicht ist das eine ganz besondere Perspektive: die Welt vor und nach (oder während) der vierten industriellen Revolution. Wer stundenlang in der örtlichen Bücherei saß und Referate erstellt hat – oder mit Glück auf Microsofts Encarta zurückgreifen konnte –, müsste doch Google, Wikipedia und Online-Datenbanken umso mehr zu schätzen wissen. Wer das halbe Leben lang ziemlich analog unterwegs war, sollte im Not- oder auch nur Zweifelsfall ohne Probleme auf die erlernten alternativen Wege zurückgreifen können. Egal, ob es das Referat über die Inka, die Reparatur eines Autos oder der selbstständige Antrieb eines Tretrollers ist.

… und die Macht der Gewohnheit

In der Realität sind wir Menschen freilich Gewohnheitstiere und Pragmatiker. Machen nur, was unbedingt sein muss, und zwar so, wie wir das schon immer getan haben. Jedenfalls – Douglas Adams lässt grüßen – ab 30. Und an dieser Stelle zeigt sich dann, dass die vermeintlich einzigartige Position von uns Millennials in Wahrheit auch nur den normalen Lauf der Dinge spiegelt – nur eben halb analog, halb digital. Aus Gründen, die von Effizienz und wirklicher Nutzensteigerung bis hin zu Faulheit reichen, picken wir uns die Neuerungen, Tools und Gadgets heraus, die uns das Leben einfacher machen – oder es wenigstens versprechen. Natürlich nur, sofern wir Nutzen, Funktionsweise und Mehrwert auf den ersten Blick erfassen können. Alles andere wird skeptisch beäugt oder belächelt – es ist, man wird es ja wohl noch sagen dürfen, gegen die natürliche Ordnung der Dinge. Looking at you, Tiktok.

Dementsprechend halten wir an den Lösungswegen, die wir verinnerlicht haben, fest. Und wenn sie uns im digitalen Zeitalter nicht weiterhelfen – oder wir vom Fortschritt langsam, aber sicher überholt werden, müssen andere Lösungen her. Egal, wie anachronistisch oder unpraktisch diese auch sein mögen. Also wählt meine Mutter die analoge Lösung des „Ich lasse meine Tochter das Problem lösen“, und ich amüsiere mich darüber. Mit der leisen Ahnung im Hinterkopf, dass die nächste Runde Spott in ein paar Jahren dann – im Einklang mit Douglas Adams’ These – auf mein Konto gehen wird.

Auch das muss einmal gesagt werden: Warum Elektro-Tretroller direkt wieder verboten werden sollten

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Ein Kommentar
Hennging Frucht
Hennging Frucht

„Low-Hanging-Fruit“… ja nee, is klar!

Schönen Tag noch ;-)

Antworten

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