Kolumne

Warum auch die Männer unter euch in Zukunft „Manels“ absagen sollten

(Grafik: t3n)

In ihrer t3n-Kolumne „Auch das geht vorbei“ zieht Fränzi Kühne, Mitgründerin und Geschäftsführerin der Kreativagentur TLGG, dieses Mal eine radikale Grenze: An „Manels“ nimmt sie nicht mehr teil.

Spätestens seitdem ich Aufsichtsrätin bin, gehöre ich zur Riege der vielgefragten Digitalisierungserklärerinnen. Ich werde nun regelmäßig zu Panels eingeladen und komme aus dem Staunen nicht heraus. Zum Beispiel wie es im Jahr 2019 noch sein kann, dass Veranstaltungen wie der 23. Internationale Automobil-Elektronik-Kongress Ende Juni 2019 bei 23 (!) Sprechern keine einzige weibliche Referentin vorzuweisen hatte. Braucht denn die deutsche Automobilindustrie keine zukunftsfähigen Lösungen? Und wie soll ein Zukunftsbild der Gesellschaft entworfen werden, wenn nur eine Hälfte der Gesellschaft in der Diskussion vertreten ist? Man weiß es nicht. Es scheint ganz so, als wolle die altbekannte Herrenriege die Zukunft gestalten, ohne die Gegenwart beisammen zu haben.

Eine Geschlechterrolle zum Mitnehmen, bitte

Manchmal passiert es tatsächlich, dass ich die einzige Frau im Panel bin. Umso mehr ärgere ich mich dann, wenn nur mir die Frage zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestellt wird. Beim Stichwort „Geschlechtergerechtigkeit“ schauen plötzlich alle auf mich. Ganz so, als ob Männer kein Geschlecht wären. Ich muss mich aktiv dagegen wehren, in die Rolle der emotionalen Verständnisträgerin für „weiche“ Frauenthemen gedrängt zu werden. Als Vertreterin der weiblichen „Randgruppe“ konstant gegen diese Verniedlichungen anzukämpfen, ist auslaugend. Bei vielen Veranstaltungsorganisatoren ist das noch nicht angekommen. Sie werfen gerne als Gegenargument ein: „Aber die Moderatorin ist doch eine Frau!“ Ja. Aber eine Moderatorin macht hinsichtlich der Parität keinen Unterschied. Es sind schließlich die Panelmitglieder, die nach ihren Meinungen und Erkenntnissen gefragt werden. Initiativen wie 50-Prozent.Speakerinnen.org oder der Twitter-Account @WieVieleFrauen kommen zu dem Schluss, dass über 75 Prozent der Kongressteilnehmer Männer sind. Diese deprimierende Gender-Segregation zieht sich quer durch alle Branchen. Zumindest solange, bis wir auf klassische „Frauenthemen“ (Vereinbarkeit, Erziehung, Pflege) stoßen.

Ohne Frauen keine Zukunft

Diskussionspanels sind ein essenzieller Teil des öffentlichen Lebens. Sie sind Knotenpunkte zum Austausch über Gegenwart und Zukunft. Das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen ist dort doppelt schädigend: Es spiegelt nicht nur die bittere Realität wider, dass Frauen im Top-Management unterrepräsentiert sind und damit – wortwörtlich – weniger „zu sagen haben“. Es zementiert vor allem auch ihr künftiges Fehlen. Ungleich besetzte Panels prägen unsere Wahrnehmung: Was wir sehen, halten wir für die Norm. Wenn nur Männer öffentlich sprechen, werden „Männerthemen“ von alleine zu „Menschheitsthemen“. Panelrunden manifestieren deshalb vor allem eins: wem die Zukunft gehört.

Ohne Frauen, ohne mich

Deshalb habe ich beschlossen, die Panellandschaft ein Stück zu verändern und fange bei mir selbst an. Seit Kurzem lehne ich All-Male-Panels aktiv ab. Ich verweigere mich auch All-Female-Panels, die sich mit gesamtgesellschaftlichen Themen wie Familie, Vereinbarkeit oder Gleichberechtigung beschäftigen und trotzdem nur Frauen einladen. Diese Themen betreffen uns alle, Männer müssen genauso Position beziehen. Von Kongressveranstaltern fordere ich daher aktiv eine 50/50-Besetzung ein und frage nach den Gründen für das Fehlen der Durchmischung. Häufig bekomme ich als Antwort: „Alle Frauen, die wir angefragt haben, haben abgesagt.“ Ich versuche dann zu erklären, weshalb. Frauen müssen Panelanfragen oft absagen, um nicht „ins Minus“ zu rutschen: Ist ihre Teilnahmen nicht vergütet, können viele den zeitlichen Aufwand mit der Mehrbelastung an Care-Arbeit nicht vereinbaren. Für die Zeit des Panels müssen sie ja in der Regel einen Babysitter bezahlen. Nachdem Frauen bewiesenermaßen weniger vom Networking solcher Veranstaltungen profitieren, sagen sie unbezahlte Auftritte eben öfter ab. Wir brauchen daher nicht nur Panel-Quoten, sondern ein ganzheitliches Umdenken in unserer Familienpolitik.

Ich lade alle Männer dazu ein, All-Male-Panels ebenso abzusagen. Veranstaltungen, auf denen nur Männer mit Männern sprechen – oder Frauen nur mit Frauen über Frauenthemen –, sind nicht nur einseitig. Oder unvollständig. Oder schädlich. Sie sind einfach irrelevant. Das wissen wir doch alle: Ohne Diversität der Ideen, keine Innovation. Heutzutage ist es – mindestens – eine fatale Beschränkung des Diskussionsraumes, sich auf verkrustete Strukturen und altbewährte Experten zu verlassen. Wir können das alle besser.

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Dein t3n-Team

13 Kommentare
Martin R. Krause
Martin R. Krause

Mir ist die Geschlechterzusammensetzung schlicht egal. Erinnere mich hinterher auch nicht mehr daran. Auch nicht daran, welche Haut- oder Haarfarbe die Teilnehmer hatten. Und solange wir noch derartige Artikel lesen müssen, wird es sich nie normalisieren. Die meisten Veranstalter sind froh über qualifizierte Teilnehmer – da findet bestimmt keine Geschlechterauswahl statt. Lasst es einfach endlich gut sein und redet uns nicht ständig Problem ein, die gar nicht relevant sind. Und dann immer die Beleidigungen „Braucht denn die deutsche Automobilindustrie keine zukunftsfähigen Lösungen?“ ??? Was hat das mit dem Geschlecht der Teilnehmer zu tun? Das ist stumpfer Sexismus.

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dennis
dennis

Wenn man nicht selbst eine Frau ist, kann man das natürlich nicht verstehen. Sag also nicht, dass es das Problem nicht gäbe, wenn Du einfach keine Empathie für andere hast.

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ribert lirert
ribert lirert

Sonst keine Probleme?

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aeda lus
aeda lus

Seid ihr jetzt neuerdings ein politisches Propaganda-Blatt?

Ich lese hier immer gerne Technik-News, aber um es mal umzuformulieren:
An digital femineers nehme ich nicht mehr teil.

„Braucht denn die deutsche Automobilindustrie keine zukunftsfähigen Lösungen?“

Radikaler Sexismus.
Sollte niemand dem es wirklich um „zukunftsfähige Lösungen“ geht vermissen bei den Panels.

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FAB
FAB

„Für die Zeit des Panels müssen sie ja in der Regel einen Babysitter bezahlen. “

Da soll die Rede von Gleichberechtigung und Gleichbehandlung sein und dann werfen Sie eine solche Aussage ein..? Die Bezahlung sollte sicher nicht Geschlechtsabhängig sein. Babysitten ist nicht Frauensache und nicht Männersache, sonder ein Ding der Familie! Mit diesem Punkt wird doch selbst wieder Sexismus betrieben…

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dennis
dennis

Das ist völlig aus dem Zusammenhang gerissen und die Autorin zeigt damit auf, dass eben genau das noch so ist: Die Frau ist für die Kinder zuständig. So ist das bis heute und wird sich so schnell nicht ändern.

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FAB
FAB

„Die Frau ist für die Kinder zuständig.“ -> Das ist dann aber ein Familien internes Thema. Jeder Familie steht es doch frei dies zu regeln, wie sie es am besten empfinden.

Daniel L
Daniel L

Mit dieser Einstellung sind Sie teil des Problems Frau Kühne. Bei Konferenzen, Meetings, Arbeitsplätze etc. sollte das Geschlecht generell irrelevant sein, sondern lediglich die Kompetenzen im Vordergrund stehen. Sollte sich nicht von selbst eine Art faires „Gleichgewicht“ einstellen, dann liegt die Wurzel des Problems in der Regel an ganz anderen Stellen (z.B. Erziehung, Bildung oder Image des Themas). Mein Vorschlag wäre solche Situationen einfach mal als Forum zu nutzen, die entsprechende Probleme zu identifizieren und zu besprechen, anstatt sie stumpf zu boykottieren. Das ist nämlich nichts anderes als die Probleme zu ignorieren bzw. totzuschweigen.

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Karsten Wegmeyer
Karsten Wegmeyer

Mein erster Eindruck war auch ein „och nö, bitte nicht noch ein Geschlechterabzählen“, als ob dadurch die Qualität irgendwo steigt, dass die gleiche Zahl je Geschlecht, Weltreligion oder Haarfarbe vertreten wäre.

Mein Bild von Fränzi Kühne paßte aber so gar nicht zu dieser Schubladendenke und so habe ich mir den Artikel durchgelesen und ja da wäre mir auch die Hutschnut geplatzt liebe Fränzi! Ich kann es nachvollziehen!

Von daher: Auch wenn die erste Wahrnehmung ein „och nö“ war, ist es doch gerade drum ein guter Kommentar!

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HiHo
HiHo

Es tut mir für alle Frauen leid, die sowas lesen müssen und sich dadurch ungerecht behandelt fühlen. Meine Frau sagt selbst, es wird soweit kommen, dass sich eine Frau anhören darf: „Du bist ja nur da, damit die Quote erfüllt wird.“

Das hier geschriebene ist reiner Sexismus, es steht nicht die Expertise im Vordergrund, sondern das Geschlecht.

Ich finde es schade, dass ein Frau die für viele Menschen ein Vorbild sein könnte, so schwach agiert und schon fast peinlich wirkt.

Gut ist, dass auch ein neuer Geschäftszweig entstehen könnte. Ich gründe eine Agentur, bei der man eine Frau oder Mann buchen kann. Diese erfüllt dann die Quote z.B. bei einen Panel. Die gebuchte Person muss nichts sagen und nichts wissen, kommt nur mit und erfüllt damit die 50/50.

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Chris
Chris

Bitte bei jedem Panel (in Deutschland) künftig:
– Die Hälfte Frauen, die andere Hälfte Männer, und bei jedem 100.000ten Panel eine diverse Person
– 14% Kinder unter 14 Jahren, also bei einem Panel von 10 Personen ein bis zwei Kinder
– 7% Analphabeten, bei einem Panel von 20 Personen immer mind. einen
– 70% Geringverdiener, 1% Spitzenverdiener. Manager und Aufsichtsratsmitglieder sind damit quasi raus.
– 1% Obdachlose
….
Nur so wird die Gesellschaft repräsentativ abgebildet! Wie sollen wir denn sonst die Zukunft fair gestalten?
Wenn das nicht eingehalten ist, gehe ich nicht mehr hin!!!

Da Frau Kühne offensichtlich weder Kind, Analphabet, Geringverdiener noch Obdachlose ist, sinken ihre Chancen damit aber ohnehin beträchtlich, noch einmal zu einem Panel eingeladen zu werden. Von daher ist ihre Verweigerungshaltung nicht schlimm.

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V
V

Ein guter Vorsatz und ein treffender Artikel. Die Kommentare darunter zeigen auch gleich das Problem.

Bei Panels wird angeblich nie, nie, nie auf Geschlecht, Hautfarbe oder Herkunft geschaut, trotzdem sind sie sehr häufig dann alle zum überwiegenden Teil mit weißen Männern ausgestattet, obwohl Frauen 50% der Bevölkerung bilden – und auch im Bereich Technik, Digitalisierung und Online Marketing mit vielen Ideen, Fachwissen und Expertise vertreten sind.

Danke Frau Kühne!

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Kobi Kobsen
Kobi Kobsen

Wenn egal wer an egal was nicht teilnehmen möchte, soll er das gerne machen. Es interessiert nur nicht. Als würde es darum gehen. Wenn Frauen anfangen die Teilnahme abzulehnen weil es keine 50/50 Verteilung gibt ist das einfach nur peinlich dumm.

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