Kommentar

Mediamarkt und Saturn: Gefangen in der Vergangenheit

Mit neuer Führung und überarbeiteter Strategie wollen Mediamarkt und Saturn an alte Erfolge anknüpfen. (Foto: M. Hangen)

Mit neuer Führung und überarbeiteter Strategie wollen Mediamarkt und Saturn an alte Erfolge anknüpfen. Doch so wird der Neustart nicht gelingen. Denn der Vergleich mit der Musikindustrie ist auch in anderer Hinsicht treffend.

Eine solche Krise kannte das erfolgsverwöhnte Unternehmen Mediamarkt noch nicht. Sicher, das Geschäft war auch in den 80er und 90er Jahren nicht leicht, aber man feierte Erfolge, eröffnete neue Filialen, hatte dann irgendwann Saturn und Kaufhof mit im Boot, war zunächst in Deutschland, später in ganz Europa der Platzhirsch. Inzwischen sieht die Welt anders aus – in vielerlei Hinsicht. Das Filialgeschäft ist teilweise weggebrochen, die Online-Strategie wurde zu spät und auch aufgrund mancher Teilhaber, die zu lange davon ausgingen, dass das mit dem Internet schon wieder weggehe, zu halbherzig umgesetzt.

Zuletzt folgten Gewinnwarnungen im Quartalsrhythmus, dann der Austausch der Führungsspitze rund um Pieter Haas. Der hatte noch 2017 anlässlich der Abspaltung der Ceconomy von der Metro-Gruppe ein erfolgreiches Geschäft für die Aktionäre versprochen. Geblieben ist eine Handelsgruppe, die trotz (oder gerade wegen) eines großen Filialnetzes und aufgrund einiger Fehlentscheidungen im Management mit mehr Schwierigkeiten denn je dasteht.

Ja, die WM und das frühe Ausscheiden der Deutschen war ein Problem in einem Umfeld, in dem gerade zu sportlichen Großereignissen neue Fernseher gekauft werden. Und ja, der Sommer war zu heiß und vielleicht auch der Herbst zu nass und der Wintereinbruch zu spät und der Start des Weihnachtsgeschäfts zu früh. Aber all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Mediamarkt in die Jahre gekommen ist, dass es für Saturn kein wirkliches Alleinstellungsmerkmal mehr gibt (sodass gerüchteweise schon über die Zusammenführung der Marken geredet wurde).

Kundenkontakt ist mehr als Ware abholen

Was die Media-Saturn-Führung diese Woche an neuer Strategie vorgestellt hat, wirkt wenig überzeugend. Der auf Haas folgende Media-Saturn-Chef Ferran Reverter (nicht Ceconomy – der dortige CEO-Posten ist noch vakant) soll’s richten, aber auch der Spanier, der fünf Jahre selbst Filialleiter im Unternehmen war und den Handel in allen seinen Facetten kennt, kann nicht hexen. Nach dem Vorbild der Musikindustrie wolle man Mediamarkt umkrempeln, heißt es. Nicht mehr nur Geräte verkaufen, sondern auch Kundenkontakte pflegen und Service drumherum verkaufen, so wie Musiker ihre Tonträger nur als Vehikel für die nächste Tour verstehen.

Der Verkauf von Laptops und Waschmaschinen werde in Zukunft vor allem eine Möglichkeit sein, um Kundenkontakte zu pflegen und passende Service-Angebote zu verkaufen. Doch Kundenkontakt heißt nicht, dass der Kunde nur zum Abholen der vorbestellten Ware in den Markt kommt, dort kurz am Katzentisch seine Ware mitnimmt. Immerhin 40 Prozent der Onlinekäufe werden in der Filiale abgeholt – das klingt erst einmal gut, bedeutet aber auch, dass die Ware dort vorreserviert und nicht für andere Kunden verfügbar ist.

Doch was können diese Services abseits des Kerngeschäfts sein? Versicherungen, Abodienste, Handyverträge, Inbetriebnahme und Reparaturen natürlich, vielleicht ja auch Kurse oder sonstige Events mit Kunden – das sind nette Ideen, aber sie werden insbesondere das Filialgeschäft der beiden Häuser nicht retten. Wie ein Media-Saturn-Sprecher erklärt, werde man im Laufe des Jahres weitere Services präsentieren. Ein Problem bleibt aber: Tausend Märkte mit rund 62.000 Mitarbeitern zählt das Unternehmen, das klingt nach mehr, als in der heutigen Zeit gebraucht werden. Die Geschichte erinnert irgendwie erschreckend an das, was Karstadt und Kaufhof durchgemacht haben: Zu viel Überschneidung im Sortiment und zugleich zu wenige Alleinstellungsmerkmale, zu viele Filialen in teuren Lagen und zu wenig neue Ideen. Noch dazu hatten es die beiden Kaufhausketten einfacher in einer Hinsicht: Das Wort der Filialleiter dort hatte nicht ein solches Gewicht wie das der Geschäftsführer der Elektromärkte.

Musikindustrie hat sich verändert – Mediamarkt muss das auch

Auch wenn es gestern anlässlich der Bekanntgabe der aktuellen Zahlen keine Aussagen dazu gab, wie man die hohen Kosten bei Mediamarkt und Saturn senken will, wird klar: Nur mit Neugeschäft und zusätzlichen Services wird das nicht zu stemmen sein. Denn auch die Musikindustrie hat in den letzten zwei Jahrzehnten keinen Stein auf dem anderen gelassen. Sie hat sich gänzlich neu erfunden – auch weil neue Player hinzugekommen sind, die das Geschäft gänzlich anders aufziehen, weil die Kunden für bestimmte Waren nicht mehr wie früher bezahlen wollen, bestimmte Kundensegmente ganz wegbleiben. Bleibt zu hoffen, dass auch Mediamarkt und Saturn bald einsehen, dass es mit den bisherigen Strukturen auf Dauer nicht weitergehen kann, die Musikindustrie hat für dieses Learning auch lange gebraucht.

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