Kolumne

Braucht der Mensch Mensch-Imitate?

(Grafik: Shutterstock / Zenzen)

Je mehr wir uns mit künstlicher Intelligenz (KI) umgeben, desto wichtiger wird für Designer die Frage: Wie menschlich sollen Maschinen zukünftig sein, und was ist eigentlich maschinlich? Denn ist die Singularität erst einmal eingetreten – der Punkt, an dem Maschinen intelligenter als der Mensch geworden sind –, ist es dafür zu spät.

Mit Maschinen meine ich Geräte und Programme, die lernfähig sind und dadurch eigenständig Entscheidungen fällen und handeln. Mich überrascht es immer wieder, dass wir vielen dieser Maschinen per se eine menschliche Anmutung verleihen wollen. Das Paradebeispiel sind natürlich Voice-Interfaces wie Alexa und Google Home mit ihren samtweich programmierten Stimmen. Die Vermenschlichung beginnt aber bereits damit, dass wir digitalen Assistenten und Chatbots menschliche Namen geben.

Ganz offensichtlich glauben wir, uns umso wohler zu fühlen, je weniger maschinlich die KI daherkommt. Doch letztlich können sprechende Geräte uns nur vortäuschen, dass da jemand ist. Eine Person, die denkt und fühlt. Wir wissen das. Viele menschliche, aber noch nicht perfekte Roboter, werden gar von Nutzern aus Enttäuschung abgelehnt. Aber können wir uns dessen auch permanent bewusst sein?

Was, wenn die nachgeahmte Menschlichkeit Erwartungen an echte Menschlichkeit weckt? Etwa dort, wo die Mensch-Maschine-Interaktion bereits beginnt, echte Zwischenmenschlichkeit ersetzt – an der Supermarktkasse, in der Altenpflege, an der Hotelrezeption. Es ist anzunehmen, dass der Umgang mit immer mehr menschlich anmutenden Maschinen auch unseren Umgang miteinander verändern wird – und nicht unbedingt zum Besseren, wenn wir maschinlich nicht ganz bewusst definieren.

Denn allen Äußerlichkeiten zum Trotz verlangen wir von Maschinen im wahrsten Sinne des Wortes Unmenschliches. Zum Beispiel, dass sie uns rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Ein Acht-Stunden-Tag für Siri? Undenkbar! Und Maschinen haben bitteschön keine Launen zu haben. Was würden wir sagen, wenn uns Alexa am frühen Morgen keine Nachrichten vorliest, sondern uns mit einem mürrischen „Sorry, ich bin noch nicht fit, lass mich schlafen“, abwimmelt?

Maschinen sollen verlässlich und nicht spontan sein

An unseren Mitmenschen schätzen wir Eigenschaften wie Spontaneität und Kreativität. Von Maschinen dagegen erwarten wir verlässliche Präzision. Wenn wir unseren digitalen Butler nach dem nächsten Burger-Restaurant fragen, wünschen wir uns auch genau das. Er soll uns kein Rezept vorschlagen, auf den schnellsten Weg zum Supermarkt hinweisen und im Hintergrund die neueste Grillausrüstung online bestellen. Auch, wenn es durchaus menschlich wäre: Siri soll kein Bauchgefühl haben, Cortana bloß nicht faul sein, und das selbstfahrende Auto uns gefälligst nicht auf eine Tour ins Blaue entführen. Jedenfalls nicht, ohne dass wir es dazu aufgefordert hätten.

Vielleicht sind es genau diese oft widersprüchlichen Erwartungen, die definieren, was menschlich ist. Deshalb ist es aus meiner Sicht wenig sinnvoll, Maschinen immer weiter und ohne Gegenreizpunkte mit menschlichen Attributen aufzuladen. Wir als Designer sollten uns stattdessen bewusst damit beschäftigen, welches Wesen Maschinen im Umgang mit Menschen haben sollen – und was das für die Gestaltung von Maschinen und KI bedeutet. Eine schwierige Aufgabe: Zum ersten Mal schaffen und modifizieren wir etwas Quasi-Lebendiges, das nicht unser eigenes Kind ist.

In einem der dominantesten Bereiche des täglichen Lebens wartet damit eine große Herausforderung auf uns: in der Arbeitswelt. Angst und Verteufelung prallen auf Goldgräberstimmung und Heilsversprechungen, wenn es um die Rollen geht, die Algorithmen und Roboter zukünftig spielen könnten. Allein die griffige Formulierung vom Kollegen Roboter beschwört bei vielen Menschen das Bild des Konkurrenten Roboter herauf. Dass intelligente Maschinen die Arbeitswelt verändern werden, scheint ziemlich klar. Doch in welchem Maße, wird auch davon abhängen, wie menschlich wir Maschinen sein lassen (wollen) und bis zu welchem Punkt wir maschinlich tatsächlich definieren.

Maschinen dürfen nicht zu sehr vermenschlicht werden

Was Maschinen in manchen Fällen – leider – menschlicher macht als wünschenswert, ist ihre ererbte Voreingenommenheit. Damit meine ich den sogenannten Algorithmic Bias, der zu unfairer Beurteilung und Behandlung von Personen und ganzen Personengruppen führen kann. Er tritt auf, wenn Algorithmen unter Menschen verbreitete Vorurteile fortsetzen. Zum Beispiel, indem sie Kreditwürdigkeit, Bildungsniveau und kriminelle Neigung an Merkmalen wie Herkunft, Geschlecht und Wohnort festmachen. So wird die Maschine zum Spiegel unserer eigenen ethischen Mängel, jedoch skaliert und hocheffizient. Als Designer haben wir die Aufgabe, hier einzugreifen – und darauf hinzuwirken, dass Maschinen in solchen Fällen nicht leider allzu menschlich urteilen.

Maschinen sind heute nicht mehr in erster Linie Schrauben und Sensoren, soviel wissen wir. Doch was genau sie für uns sind und sein sollen, wissen wir (noch) nicht. Wir müssen aufpassen, dieser Frage nicht auszuweichen, indem wir Maschinen zunehmend vermenschlichen.

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