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Der Mensch im Wandel: Die Digital Natives von heute sind die Robotic Immigrants von morgen

(Screenshot: Youtube)

Mit dem Video-Format Changerider wollen Philipp Depiereux und t3n den Menschen die Angst vor der Digitalisierung nehmen. Die aktuellen Interviewgäste: Markus Gabriel, Jörg Karas, Gilbert Fridgen, Felix Haas, Dominik Bösl und Dirk Meissner.

Ein Auto, drei Tage und 23 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft: Etventure-Geschäftsführer Philipp Depiereux hat den SZ-Wirtschaftsgipfel zum Anlass genommen, den Changerider vor dem Hotel Adlon in Berlin zu parken. Übergreifendes Thema: „Der Mensch im Wandel“ – wie wirken sich Technologien auf die Arbeitswelt aus und wie kann man den Menschen die Angst vor den damit einhergehenden Veränderungen nehmen? Eine Frage, auf die es nicht nur eine Antwort gibt. In der ersten Folge dieser Reihe teilen gleich sechs Gäste ihre Ansichten.

„Unsere Enkelkinder wachsen als erste Generation R als Robotic Natives auf“

Dominik Bösl ist Vice President und Head of Robotic Futures bei Festo. Zuvor war er sieben Jahre bei dem führenden Roboterhersteller Kuka beschäftigt. Zudem gründete er eine Stiftung für Robotics & AI Governance, die sich mit dem Thema befasst: „Wie muss man Robotic regulieren, damit eben nicht der Terminator um die die Ecke biegt?“

Bösl ist der Überzeugung, dass nachfolgende Generationen durch den täglichen Umgang mit Robotern keine Angst vor der Technologie haben werden: „So wie bei den Digital Natives heute, die auch keine Angst vor dem iPad und dem Internet haben, wird es bei Automatisierung auch sein. Das Problem sind wir! Wir sind eigentlich ‚Robotic Immigrants‘, das heißt, wir haben noch einen sehr analogen Migrationshintergrund.“

Die großen ethischen Fragen, mit denen sich Bösl beschäftigt, drehen sich zum einen um die Akzeptanz. So ginge es zum einen immer darum, was die Gesellschaft will. Alles andere würde sich nicht durchsetzen. Aber noch wichtiger: Was ist mit der Rolle des Menschen? „Es gibt ja die Diskussion, nehmen Roboter Arbeitsplätze weg oder nicht. Ich glaube, wie bei jeder technologischen Revolution wird es Veränderungen geben. Unterm Strich, zeigen die Studien, fällt wahrscheinlich gar nicht so viel weg. Es wird aber umverlagert. Also müssen wir uns überlegen, wie gehen wir mit den Menschen um, die den nächsten neuen Job brauchen. Außerdem müssen wir Antworten finden, was denn überhaupt in unserem Sinne ist. Nehmen wir mal an, der Roboter könnte uns Arbeit abnehmen und ich habe viel mehr Freizeit. Wie fülle ich das Loch? Heute sind wir durch Arbeit bestimmt. Nicht mehr zu arbeiten ist doch für die meisten Leute nur für sechs Monate toll. Arbeit hat etwas Sinnstiftendes. Das sind die Kernfragen, mit denen man sich beschäftigen muss.“ Und das ist aus Sicht von Bösl eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe aller Stakeholder.

Künstliche Intelligenz ist zwar künstlich, auf jeden Fall aber keine Intelligenz

Markus Gabriel, Philosoph und Professor an der Universität Bonn, beschäftigt sich in seinem Buch „Der Sinn des Denkens“ unter anderem auch mit dem Thema künstliche Intelligenz. Er ist der Ansicht, dass es zunächst einmal ganz wichtig ist, zu fragen, was sich eigentlich hinter der Technologie verbirgt: „Und da lernt man dann relativ schnell, dass eine sogenannte künstliche Intelligenz zwar künstlich ist, weil wir sie hergestellt haben, auf jeden Fall aber keine Intelligenz. In einem System, das wir als künstliche Intelligenz bezeichnen, zum Beispiel in einem Computer oder in einem Taschenrechner, ist geistig niemand zu Hause.“ Seiner Auffassung nach ist künstliche Intelligenz reine Physik, die wir benutzen können, um „unsere Intelligenz zu artikulieren“. Das heißt, „ich rechne mit einem Taschenrechner, aber der Taschenrechner rechnet selber nicht. Das sieht nur so aus. Ich kann mit einem Schachprogramm Schach spielen, aber der einzige, der Schach spielt, bin ich.“

„Der Mensch sollte – wenn überhaupt – nur Angst vor anderen Menschen haben“

Das Problem mit den Ängsten liegt für Gabriel dann auch ganz woanders: „Wir sollten unsere Angst nicht auf die Technik schieben, sondern da, wo sie hingehört. Der Mensch sollte – wenn überhaupt – nur Angst vor anderen Menschen haben. Unser Hauptfeind in zivilisierten Gesellschaften sind wir selber. Und so ist das auch bei unseren KI-Systemen. Wenn zum Beispiel bei einer Bank jemand für mich mithilfe einer künstlichen Intelligenz berechnet, ob ich noch einen Kredit bekomme und ich bin benachteiligt, kann es unter anderem daran liegen, dass jemand seine eigenen Werte mit einprogrammiert hat. Es wird noch kaum untersucht, wie viele Algorithmen programmiert werden, die im Grunde rassistisch voreingestellt sind. Der Bankangestellte kapiert das dann gar nicht, der sieht nur, dass das System sagt, er könne hier keinen Kredit erhalten.“

Die digitale Gesellschaft beschreibt Gabriel bildhaft wie einen Highway mit neuen Autos, die aktuell noch unreguliert unterwegs sind. „Irgendwann muss da mal jemand auf Verkehrsregeln kommen. Das heißt nicht, dass wir Freiheit einschränken müssen, im Gegenteil.“ Gabriel wirbt dafür, dass wir das wir das maximal progressive Land werden „und richtig stolz auf diesen Wertekatalog sagen, bei uns bekommt ihr die ethisch progressive KI, die das Niveau hat im 22. Jahrhundert immer noch geil zu sein.“ Jedoch ist in einem Großteil der Gesellschaft noch kein Grundverständnis über Technologien wie KI vorhanden, es besteht immer noch großer Aufklärungsbedarf.

„Nirgendwo lernen wir, wie die digitale Welt funktioniert“

„Es ist elementar wichtig, dass der Bürger versteht, wie technische Lösungen funktionieren, zumindest rudimentär“, findet auch Gilbert Fridgen, Professor für Wirtschaftsinformatik und Nachhaltiges IT-Management an der Universität Bayreuth, sowie Gründer und einer der Leiter des Fraunhofer Blockchain Labors. Er merkt außerdem an, dass dies in der Schulbildung viel zu lange vernachlässigt wurde: „Wenn man in der Schule Naturwissenschaften lernt – Physik und Chemie – gehört das zu einer Allgemeinbildung dazu, weil ich wissen muss, wie die Welt hier um mich herum funktioniert. Aber nirgendwo lernen wir, wie die digitale Welt funktioniert. Das eignen sich die Leute mehr oder weniger selbst an und dann brauchen wir uns nicht wundern, wenn dann danach alle überrascht aufschreien ‚Was, Facebook nutzt unsere Daten‘. Das hat mich seinerzeit nicht überrascht, genauso wenig wie der NSA-Skandal. In der IT-Szene wissen das alle, aber der normale Bürger weiß das nicht.“ Auch an den Universitäten sollte ganz unabhängig von der Studiengangsrichtung eine Digitalbildung integriert werden.

Neben der Ausbildung spielt noch ein weiterer Faktor eine wichtige Rolle – Stichwort Mindset: „Die Leute müssen offen sein für die Veränderung. Die Digitalisierung bringt einen sehr schnellen Wandel und den muss ich einfach mitgehen.“

„Disruption passiert immer da, wo jemand plötzlich anfängt, das reale Bedürfnis zu bedienen“

Doch nicht nur die Menschen müssen sich der fortschreitenden Digitalisierung anpassen. Auch die Industrie steht ständig vor neuen Herausforderungen. Jörg Karas, promovierter Chemiker und seit fünf Jahren CEO von Schwan-Stabilo Cosmetics, treibt die digitale Transformation der Kosmetiksparte des Schwan-Stabilo-Konzerns voran. Er hat längst erkannt, dass klassische Geschäftsmodelle aufgebrochen werden müssen. Ein Ansatz ist der ständige Austausch mit Startups und die Positionierung in der Szene als interessanter Partner mit Zugang zur gesamten Kosmetikindustrie. Denn diese birgt ein großes Potenzial für Disruption: „Die Industrie produziert heute immer noch Werkzeuge, mit denen ich als Verbraucherin noch selbst das Ergebnis herstellen muss. Mein reales Bedürfnis ist, mich auszudrücken, besser auszusehen, meine Individualität zu unterstreichen.“ In Zukunft könnte man auch in der Kosmetikindustrie mit Technologien wie Artificial Intelligence und Augmented Reality ganz neue Lösungen finden.

„Be aggressive curious“ und „Always stay in the Game“

Tagtäglich versuchen Startups, ihre disruptiven Geschäftsideen und -modelle auf den Markt zu bringen. Felix Haas, Serial Entrepreneur und Investor, weiß auf welche Erfolgsfaktoren es dabei ankommt. Er ist selbst an über 100 Startups beteiligt und außerdem Mitbegründer von Bits & Pretzels, einer dreitägigen Konferenz für Gründer, Investoren und Startup-Enthusiasten. Sein erster Ratschlag: „Be aggressive curious. Versuche, bei einer Industrie, einem Thema immer zu hinterfragen, warum dies so gemacht wird und nicht anders.“

Der zweite Erfolgsfaktor ist „Always stay in the Game“. Es ist normal, einige Rückschläge zu haben, man sollte aber immer dranbleiben. Außerdem sei es wichtig Risiken einzugehen, „aber Risiken, die dich nicht aus dem Spiel werfen.“ Das größte Potenzial für deutsche Unternehmer sieht Felix Haas dabei nicht im B2C- sondern im B2B-Bereich, in der Verbindung der starken deutschen Industrie mit der Tech-Kompetenz. Gleichzeitig warnt er Gründer davor, zu klein zu denken, also nicht nur zum Beispiel eine Enabler-Lösung zu entwickeln, sondern eine ganze Plattform aufzubauen und den Kunden direkt zu bedienen. Er freut sich jedoch über die derzeitigen Entwicklungen in der Startup-Szene: „Wir sehen heute super Gründungen, die endlich mal aus Deutschland kommen und die die Ambition haben, die ganze Wertschöpfung in einer Industrie zu verändern und nicht nur ein kleines Puzzlestückchen zu liefern.“

Weitere spannende Themen in dieser Folge des Changerider: Der Wirtschaftsinformatiker Gilbert Fridgen erklärt die Blockchain anhand eines Taschenbuchs und zeigt, welche Potenziale sie für den internationalen Warenhandel bietet. Der Philosoph Markus Gabriel berichtet von der „Digitalisierung hardcore“ in Shanghai, und wieso man Digitalisierung auch manchmal mit Humor nehmen muss, erzählt der Cartoonist Dirk Meissner. Es lohnt sich also, den Podcast zu hören.

Ihr kennt ebenfalls Querdenker, Gamechanger und unermüdliche Optimisten, die für den digitalen Wandel einstehen? Nominiert sie als Changerider-Mitfahrer! Diese und alle weiteren Folgen, sind als Video oder ausführliche Gespräche im Podcast bei iTunes, Soundcloud und Spotify verfügbar.

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