Du hast deinen AdBlocker an?

Es wäre ein Traum, wenn du ihn für t3n.de deaktivierst. Wir zeigen dir gerne, wie das geht. Und natürlich erklären wir dir auch, warum uns das so wichtig ist. Digitales High-five, deine t3n-Redaktion

Kolumne

Streit zwischen Apple und Spotify: Was man hierzu noch sagen sollte

(Grafik: Shutterstock)

In Debatten über Konflikte und mögliche Wettbewerbsverzerrungen bei Apples App-Store werden oft der Einzelhandel und die dort üblichen Praktiken als Maßstab herangezogen. Das führt in die Irre.

Spotify und Apple führen ihren schon seit längerem schwelenden Konflikt um App-Store-Regeln und mögliche Nachteile für Konkurrenten von Apple Music fort.

Wenn man sich öffentlich kritisch über die aktuelle Doppelrolle von Apple als Plattform-Betreiber (= Gatekeeper) und Plattform-Nutzer (= App-Publisher) äußert, meldet sich häufig irgendjemand mit der Anmerkung, dass es im Handel gang und gäbe sei, Eigenmarken zu vertreiben, die mit anderen Marken und Produkten im direkten Wettbewerb stehen. Da das im traditionellen Handel (offline/online) gut funktioniere und von den Konsumenten geschätzt werde, müsse das bei mobilen Apps auch so sein, so die Argumentation.

Ich halte diesen Vergleich für untauglich. Einerseits wegen der Annahme, auf ein komplexes Thema wie App-Store-Konflikte flüchtig mit einer trivialen Analogie aus einer anderen Branche reagieren zu können. Anderseits aber auch rein von der Sache her: Zu unterschiedlich sind die Rahmenbedingungen und Gesetzmäßigkeiten, die hier eine Rolle spielen.

Unterschiedliche Systeme erfordern unterschiedliche Lösungen

Zuerst zur Methode: Die Annahme, dass die generelle Akzeptanz einer irgendwann in einem Sektor entstandenen und zur Norm gewordenen Praxis automatisch die gleiche Vorgehensweise an anderer Stelle, zu einem anderen Zeitpunkt und als Teil eines anderen kommerziellen Systems rechtfertigt, ist unlogisch. Industrien, Marktdynamiken, Technologien und Machtverhältnisse verändern sich laufend und unterscheiden sich je nach Bereich stark voneinander. Was sich in einem Sektor unter den dort gegebenen Bedingungen als sinnvoller Ansatz für die Schaffung von Wettbewerb und Innovation erweist, kann an anderer Stelle angesichts deutlich anderer Marktgegebenheiten, Produkttypen und externer Gesetzmäßigkeiten zum Gegenteil führen.

Wer die Eigenheiten und Best Practices des Einzelhandels als Maßgaben für die App-Stores mobiler Plattformen heranzieht, macht es sich deshalb zu leicht. Die Unterschiede sind zu gravierend, als dass man hier von einer stichhaltigen Argumentation sprechen könnte.

Ein globales Duopol

Der Markt der mobilen Plattformen ist geprägt von der Möglichkeit einer globalen Echtzeit-Distribution von Informationen, Kommunikation, Unterhaltung und anderen Diensten, mittels Software zu Grenzkosten von nahezu null. Weiterhin ist dieser Markt gekennzeichnet von einem Duopol (im vierten Quartal 2015 belief sich der weltweite Smartphone-Marktanteil von iOS und Android auf 98,4 Prozent) sowie von massiven „Winner takes it all“- und „Power Law“-Mechanismen. Es handelt sich um einen historisch einmaligen Markt, der eine unvoreingenommene Bewertung erfordert, ohne dass dabei mentale Modelle und Gedankenkonzepte aus älteren kommerziellen Systemen den Blick trüben.

iOS-Präsenz ist oft ein Muss

Apple iPhone 6s. charnsitr / Shutterstock.com
Eine iOS-App ist für fast alle Entwickler zur Pflicht geworden. (Foto: charnsitr / Shutterstock.com)

Tatsache ist, dass ambitionierte Macher von innovativer, leistungsfähiger Endkonsumenten-Software mit der Zielgruppe mobiler Nutzer in internationalen Schlüsselmärkten ihr volles Potenzial nicht ausschöpfen können, wenn sie nicht im Google-Play-Store sowie im Apple-App-Store präsent sind. Zwar sorgt „App-Müdigkeit” für nachlassende Begeisterung über neue Smartphone-Apps, und dank HTML5 und anderer Standards legen im Browser laufende Web-Apps stetig an Benutzerfreundlichkeit und Performance zu. Für die meisten Angebote aber stellen native Apps aufgrund der exklusiven Zugänge zu Kernfunktionen der Smartphone-Betriebssysteme und -Hardware sowie optimierter Usability nach wie vor die einzig wahre Lösung dar. Speziell bei iOS ist das der Fall. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass Apple Music als native App veröffentlicht wurde. Es funktioniert am besten und das ist es, was die Anwender wollen.

Für fast jede gut mit Kapital ausgestattete, ehrgeizige und weltweit ausgerichtete Firma, die ihre Produkte und Dienste auf Smartphones bringen möchte, ist die Bereitstellung nativer Apps für Android und iOS deshalb unumgänglich. Speziell iOS hat sich trotz global gesehen geringerer Verbreitung als Android als attraktive Plattform mit besonders zahlungswilligen und experimentierfreudigen Usern etabliert.

Der Status des App-Stores und Play-Stores als Quasi-Pflicht-Distributionskanal für Innovatoren im Smartphone-Bereich ist für mich der primäre Grund, warum ich Probleme darin sehe, wenn Plattform-Betreiber mit Plattform-Nutzern konkurrieren – besonders dann, wenn dies so geschieht, wie Apple es praktiziert. Wenn man einen der zwei einzigen relevanten, weltweiten Distributionskanäle für mobile Software betreibt und damit das Privileg besitzt, als einer von zwei Anbietern überhaupt mehr als zwei Milliarden Smartphone-Besitzer rund um den Globus mit digitalen Services von Unternehmen und unabhängigen Entwicklern in Kontakt bringen zu können, dann besitzt man eine erhebliche Verantwortung.

Aus meiner Sicht wäre es da angeraten, als neutraler Plattformbetreiber aufzutreten, der sich nicht in direkte Konkurrenz mit den Anbietern auf der Plattform begibt. Allerdings verstehe ich, dass man in dieser Frage zu unterschiedlichen Schlüssen kommen kann. Mein Ziel ist es an dieser Stelle nicht, für meine Position im Streit zwischen Apple und Spotify zu werben. Mit diesem Text geht es mir darum, auf die Schwächen des Vergleichs von App-Stores mit Einzelhändlern (und Handelsplattformen) für vorrangig physische Produkte hinzuweisen – selbst wenn sie so groß sind wie Amazon.

Fragmentierter Handel trotz Amazon & Alibaba

Die Einzelhandels-Landschaft ist nicht mit der mobiler Plattformen vergleichbar. Selbst die größten Handelsketten stellen jeweils nur einen Akteur neben vielen anderen dar. Häufig ist ihre Dominanz auf einzelne Länder beschränkt, und ihre Marktanteile variieren stark. Zudem existieren genug Länder, in denen es weder Amazon, Walmart noch Alibaba gibt. Und überall findet man lokale Alternativen.

Jeramey Lende / Shutterstock.com
Unter anderem Amazon sorgt für eine zunehmende Konzentration im Handel – von einem Duopol oder ähnlichem kann man da aber noch lange nicht sprechen. (Foto: Jeramey Lende / Shutterstock.com)

Unbestritten sorgt der Aufstieg von E-Commerce-Riesen wie Amazon und Alibaba für eine zunehmende Konzentration im Handel. Von einem weltweiten Duopol, um das Unternehmen für den Vertrieb ihrer Produkte nicht mehr herum kommen, sind wir dennoch weit entfernt. Konflikte zwischen Marken und einzelnen Handelsketten, die dazu führen, dass bestimmte Produkte bei einem Anbieter nicht erhältlich sind, haben so weniger verheerende Folgen. Die Abhängigkeit von einzelnen Händlern ist weitaus geringer als die der App-Macher von iOS und Android. Zwar kann es für eine Firma ein Problem werden, wenn ihre Produkte (aus welchen Gründen auch immer) nicht bei Amazon gelistet werden. Andererseits existieren viele Hersteller, die erfolgreichen Direktvertrieb praktizieren. Vieles hängt von der gewählten Branding- und Vertriebsstrategie ab. Bei hinreichend vorhandenem Kundeninteresse, generiert durch Kommunikationsmaßnahmen, finden Güter immer irgendwie einen Weg zu den Konsumenten. Im App-Bereich aber spielt es letztlich keine Rolle, ob die User eine App nachfragen — sofern sie in der gewünschten Fassung nicht in den App-Store gelassen wird, sieht die Zukunft für den Anbieter schwarz aus.

Deshalb bringt es nichts, die Situation der mobilen App-Stores mit der im Einzelhandel vergleichen zu wollen. Was immer im Handel funktionieren mag und zur Konvention wurde, hat wenig mit der Realität mobiler Apps und ihrer Gatekeeper zu tun.

Weitere Kolumnen-Artikel aus „Weigerts World“ findet ihr hier. Ihr könnt dem Autor auf Twitter folgen, seine kuratierten News zur Netzwirtschaft abonnieren oder seinen wöchentlichen E-Mail-Newsletter mit Leseempfehlungen beziehen.

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Schreib den ersten Kommentar!

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.

Jetzt anmelden

Finde einen Job, den du liebst