Interview

Mozilla-CEO Chris Beard: „Wir werden eine Premium-Version anbieten“

Mozilla-CEO Chris Beard will die Firma breiter aufstellen und neben der Suche die Geschäftsbereiche Content und Subscription ausbauen. (Foto: Mozilla)

Im t3n-Interview erzählt Mozilla-Chef Chris Beard, wie ein neues Firefox-Abo-Modell aussehen könnte und wie Mozilla sich unabhängiger von Google machen will.

Das Berliner Büro von Mozilla, dem Unternehmen hinter dem Browser Firefox, liegt in einer Gegend von Berlin, in der Internetkonzerne nicht besonders beliebt sind – in der es aber immer mehr von ihnen gibt: Kreuzberg, in der Nähe des Schlesischen Tors.

Google wollte hier seinen Berliner Campus eröffnen – und hat es nach Protesten, einer Besetzung und vielen „Fuck off Google“-Stickern wieder gelassen. Mozilla hingegen ist erst 2017 in ein Büro direkt am Spree-Ufer gezogen. Aus dem Fenster im sechsten Stock sind am anderen Ufer Coca Cola, Universal Music und der Bürodienstleister Wework zu sehen. Wer noch nie bei Mozilla war, hätte sich alles vielleicht etwas kleiner vorgestellt, weniger im Stil der großen Konzerne, mehr im improvisierten Non-Profit-Look.

Obwohl Mozilla keine Profite erwirtschaftet, beschäftigt das Unternehmen mittlerweile 1.000 Mitarbeiter. Firefox gehört – nach Chrome und Safari – zu den größten Browsern. Vor allem in Deutschland gibt es viele Firefox-Nutzer.

In Interviews und Blog-Einträgen prangert Firefox CEO Chris Beard gern die Kontrolle der großen Internetkonzerne über das Internet an. Zuletzt wurde er laut, als Windows sich bei Microsoft Edge für die Chromium-Engine entschied – also für die Technik, auf der auch der Chrome-Browser läuft. Chris Beard warnte dabei vor einem Browser-Monopol Googles im Internet. Was Chris Beard dabei nicht erwähnte: Auch Mozilla finanziert sich zu einem großen Teil aus den Erlösen der Suchmaschinen. Und das meiste Geld dürfte dabei von der größten Suchmaschine kommen – Google.

Bevor es mit dem Interview losgeht, wirft er noch einen Blick aus dem Fenster, runter in die Spree. Es ist ein heißer Tag und man hätte Lust, reinzuspringen. Chris Beard erinnert das an einen Fels, von dem er als Jugendlicher in Kanada in einen See gesprungen ist.

t3n: Ihr betont gerne euren Privacy-Schwerpunkt. Wird das schwieriger, wenn alle großen Internetkonzerne damit werben?

Chris Beard: Die großen Tech-Unternehmen sagen jetzt, dass Privatsphäre ihre Nummer-Eins-Priorität ist. Das ist für uns nicht ganz ohne Ironie – wir reden da schon seit einem Jahrzehnt drüber. Aber es ist interessant: Es wirkt, als wäre das gerade eine Gefahr für ihr Geschäftsmodell – nicht, als ob sie sich wirklich für die Nutzer und ihre Interessen einsetzen.

t3n: Und was genau unterscheidet euch von den großen Internetkonzernen, die sich gerade Privatsphäre auf die Fahne schreiben?

Wir sind eine Pro-Konsumenten-Organisation. Uns geht es darum, uns um die Nutzer zu kümmern, und um die Gesundheit des Internets. Für uns ist das gerade eine Art Bestätigung: Die Leute wachen auf und verlangen mehr von Technologie, dem Internet, und Kontrolle über ihre Erfahrung darin. Was die großen Tech-Unternehmen jetzt machen, zeigt, was gerade passiert: Es ist eine Abwehrreaktion, eine Gegenposition dazu.

t3n: Ihr habt ein neues Werkzeug gegen Tracking im Internet gebaut – was ändert das für Nutzer?

Chris Beard gibt die Frage mit einem Kopfnicken an Dave Camp weiter – der Chefingenieur (Senior Vice President) des Firefox-Browser sitzt im Interview neben ihm.

Dave Camp: Das Problem ist: Die Tracker folgen dir im Netz und nutzen dieselbe Technologie, die Websites nutzen, um die Kundenerfahrung zu bauen, die wir lieben. Sie versuchen also, eine Brotkrume zu hinterlassen, auf die sie sich nachher beziehen können. Aber wir speichern sie einfach nicht. Eine Seite, die mit diesen Werkzeugen tatsächliche Nutzererfahrungen baut, lassen wir zu. Das Web sollte dann so funktionieren, wie du es erwartest. Aber Profile, die ohne dein Wissen oder Zustimmung angelegt werden, hindern wir daran, sich ein Bild von dir zu machen.

„Wir haben nie ein Cookie gesehen.“ Dave Camp, Firefox

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5 Kommentare
marvin-guth

Mal schauen, ob Mozilla sich mit so einem Abo Modell unabhängiger macht kann. Ich denke es ist der richtige Weg.

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NoMad
NoMad

Hey Mozilla, wenn Ihr Geld für die Entwicklung von Firefox wollt, dann bietet doch einen Abo-Service an mit dem Nutzer individuelle Builds mit benutzerdefinierten Einstellungen erhalten. Sowas wie vorinstallierte Skins, Proxy-Einstellungen, Addons, Config-Variablen wie die PUSH URL und die URL zur Erkennung von Captive Portals (damit der Fuchs nicht bei jedem Start nach Hause telefoniert…)
Das würde auch viele Unternehmen interessieren für einfaches Deployment.

Sonst wird es bald eine „Edge Version“ von Firefox geben ohne den ganzen unnötigen Kram: Werbung auf der Startseite, Browserverlauf-Synchronisation in die Cloud, Werbung beim Online-Banking…

> Wir können feststellen, wenn du in einem öffentlichen WLAN bist und Onlinebanking machen willst und sagen: „Wow, du solltest wirklich VPN benutzen.“

Also wird in Zukunft basierend auf meiner Aktivität im Netz Werbung angezeigt? Klar kann das „offline“ erkannt werden, also ohne dass mein Browserverlauf an Mozilla geschickt wird, aber wer will beim Online-Banking mit einem Werbe-Popup genervt werden? Und was bringt ein VPN bei Online-Banking, welche Bank hat denn bitte kein TAN-Verfahren mit dem jede Transaktion durch 2FA abgesichert wird? Welche Bank bietet kein HTTPS?

Investiert das Geld von den Suchmaschinen lieber in ordentliche QA damit ihr beim nächsten mal nicht verpennt das Zertifikat für AddOn-Signierung zu verlängern, ihr Amateure!

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Thomas
Thomas

Wenn sich Mozilla zusehends kommerzialisiert, wozu braucht man es dann noch?

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Steve
Steve

„Wow, du solltest wirklich VPN benutzen.“

Wow, ihr trackt also nicht nur was ich im Web mache, sondern schnüffelt auch wie ich den Zugang zu !10. bekomme? Wow, das ist mal wirklich ein wow-vektor, um in euren speak zu talken.

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Marc Mertens

Das Hauptproblem in den heutigen Zeiten des Internets ist, dass wir uns alle daran gewöhnt haben viele Softwares und IT-Produkte im ersten Blick „kostenlos“ zu erhalten. Oftmals stehen oder standen dahinter pfiffige Entwickler (m/w/d) ohne Gewinnabsichten oder eine Art NPO (non-profit-organization) oder auch studentische/akademische Teams.

Bei den großen Internet-Dinosauriern wie Facebook, Google, Amazon und anderen bezahlt man natürlich mit seinen Daten und den enormen Speichermengen bzw. vorgeblichen intelligenten Algorithmen, welche die Daten analysieren, damit man die „beste Kundenerfahrung“ machen kann. Damit lassen sich mittlerweile Umsätze wie ganze BIPs von anderen Nationen erzielen und wird damit immer erfolgreicher, sowie geradezu gefühlt unangreifbar.

Underdogs oder unabhängige Entwickler haben hier das Nachsehen, weil die politischen Regierungen mit den agilen Möglichkeiten des WWW naturgemäß nicht hinterher kommen und dem Überwachungskapitalismus nicht Herr werden. Zumindest hier hat in einigen Zügen die DSGVO/GDPR einiges an Arbeit und Impulsen geleistet.

Mozilla sollte nun versuchen, dass es weiterhin eine Daseinsberechtigung hat und der letzte Zertifikats-GAU hat gezeigt, dass es bei Problemen relativ gut reagieren kann und transparent mit dem Problem umgegangen ist. Das sehe ich als Pluspunkt für Mozilla.

Allerdings ist die Infopolitik durch eine zu große Entfernung zu den Nutzern ein Nachteil (Idee, registrierte Firefox-User mehr aktivieren oder Registrierung mehr erzeugen) und ich würde mir klar wünschen, dass man lieber den Browser offen und ehrlich mit einem kleinen Euro bezahlt, dafür aber so wenig externe Verbindungen zu Google oder „Sponsored Content“ hat, wie nur irgend möglich! Der wesentlichste Faktor ist, dass ich bereit wäre auch gerne Geld zu geben ist, dass ich die dafür erhaltene Qualität oder die Datenhohheit erkennen möchte. Wenn zig Smartphone- oder Betriebssystem-Appstore-Anbieter die dämlichsten Spiele- oder Pipifax-Apps für kleines Geld verhökern können, warum dann nicht für einen echt guten Browser etwas bezahlen?

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