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Mozilla-Chefin Mitchell Baker: Der Tech-Branche fehlt es an Geisteswissenschaftlern

(Foto: Mozilla)

Die Chefin der Mozilla-Foundation hat vor einer neuen Generation von Technokraten in der Tech-Branche gewarnt. Die Firmen sollten mehr Geisteswissenschaftler einstellen.

Fehlende Diversität in der Tech-Branche kann zu Problemen führen, die sich negativ auf die Gesellschaft auswirken. Davor warnten Microsofts Chefjustiziar Brad Smith und seine Kollegen in dem Buch „The Future Computed“. Die Microsoft-Mitarbeiter verwiesen dabei etwa auf Bilderkennungssysteme, die nicht in der Lage waren, Menschen mit nichtweißer Hautfarbe als solche zu identifizieren. In dieselbe Kerbe schlägt jetzt Mitchell Baker, Chefin der Mozilla-Foundation. Ihre Lösung für die Tech-Firmen: mehr Geisteswissenschaften integrieren.

Natürlich müssten auch weiterhin junge Menschen in den sogenannten Mint-Fächern (Mathemathik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) ausgebildet werden. Aber jeder moderne Student sollte Fähigkeiten erwerben, die weit darüber hinausgingen, erklärte Baker dem Guardian. Die künftigen Firmenlenker, die die Welt mitgestalten werden, müssten verstehen, wie das Programmieren mit menschlichem Verhalten interagiere, mit Privatsphäre, Sicherheit oder Gleichberechtigung, erklärt auch Kathy Pham, Computerwissenschaftlerin bei Mozilla.

Mozilla ruft Wettbewerb für mehr Geisteswissenschaften in der Tech-Branche aus

Die Firefox-Entwickler haben daher gemeinsam mit drei anderen wohltätigen Organisationen einen Wettbewerb gestartet, der Universitäten ermutigen soll, ethische Bildung in die Informatikstudiengänge zu integrieren. Die sogenannte Responsible Computer Science Challenge wird laut Mozilla in den kommenden drei Jahren mehr als drei Millionen US-Dollar für erfolgreiche Vorschläge bereitstellen.

„Es geht dabei nicht um die Sozialwissenschaften der Vergangenheit, sondern etwas, das mit der Menschheit zusammenhängt und damit, wie man über die Auswirkungen der Technologie auf die Menschheit denkt“, sagte Baker dem Guardian. Das könnte eine Mischung aus Soziologie, Anthropologie, Psychologie, Philosophie und Ethik sein – und dieser Mix könnte dann Teil der künftigen Mint-Ausbildung werden. Anderenfalls, warnt Baker, könnte die Gesellschaft sich eine neue Generation von Technokraten heranziehen – das werde auf uns alle zurückfallen.

Vor wenigen Wochen hatte auch der Chefredakteur des t3n-Magazins, Luca Caracciolo, für Geisteswissenschaftler plädiert. Sein Fazit: Wir brauchen mehr Philosophen!

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3 Reaktionen
Frank Martini

Es ist m. E. von außerordentlicher Klugheit, Kenntnistiefe und Weitsicht, dass Baker ganz allgemein von Geisteswissenschaften spricht und dabei augerechnet deren mutmaßlich naheliegendste Disziplin Sozialwissenschaften ausschließt. Denn gerade deren (und anderer) weitgehend empirische Ausrichtung (statistische Auswertungen etc.) sind es eben trügerischer Weise nicht, die bei dem Problem erhellen können. Ihrer dagegen beispielhaften Aufzählung anderer Fachrichtungen als ein zu integrierender Mix in die Mint-Fächer ließe sich noch ein weiteres Hinzufügen, dass sicher zu einem fragenden "Aha?" führt, dass das Ausmaß der allgemeinen Unterschätzung der Leistungsfähigkeit oder/und Sinnhaftigkeit (entgegen dem Urteil der "brotlosen Künste") von Geisteswissenschaften zeigt: die Germanistik!
Ja, ausgerechnet Germanistik - weil sie schon vor Jahrzehnten ihrem hermeneutischen Verständnis von Einordnung und Interpretation entwachsen ist. Die Freiburger Literaturwissenschaftler wie Theweleit und Kittler haben darin bereits seit Mitte der 1970er bis 1980er Jahre dort Betrachtungs- und Vorgehensweisen etabliert, die man heute den Grundlagen der Medienwissenschaften zurechnet - die aber, gerade bereits ausgehend von der Literatur die spannende Frage aufwirft, wie technologische Entwicklungen Wahrnehmung und damit auch Gesellschaften beeinflussen und verändern. Nicht umsonst hat F. A. Kittler 1980 seine Habilitationsschrift schlicht "Aufschreibesysteme 1800/1900" genannt - und nicht von ungefähr waren es ausgerechnet der Mathemathiker und Informatiker Alan Turing und dessen Dechiffrierung von Enigma, die Kittler enorm beschäftigt haben.
Was diese Art der Germanistik im Sinne Bakers zu leisten im Stande ist, vermittelt ansatzweise schon Kittlers Buch "Grammophon, Film, Typewriter" oder - noch kompakter - die gemeinsam mit Georg Christoph Tholen herausgegebenen "Arsenale der Seele", die ahnen lassen, was ausgerechnet Literaturwissenschaftler in den Laboren der Hochtechnologie zu suchen haben. Wissenschaftliche Interdisziplinarität - unter Einbezug eben jener von Baker genannten Aufzählung - haben nicht nur die genannten in ihrer Disziplin zelebriert, den Boden geebnet und letztlich damit etabliert, wie in kaum einer anderen Fachrichtung sonst.
Die Gefahr des "Heranziehens von Technokraten", die Baker dem Fehlen der Geisteswissenschaften voraussetzt, ist eben zentraler Bestandteil jener Umbrüche in den Kulturtechniken, für die Kittlers Methodik nach belegbaren Daten fragte. Nicht umsonst haben Ute Holl und Claus Pias in der Zeitschrift für Medienwissenschaften anlässlich Kittlers frühen Todes vor mittlerweie bereits genau 11 Jahren angemerkt, dass er gerade Technikvergessenheit als den "blinden Fleck im eigenen Denken" identifizierte, der er seine eigenen (und die vieler seiner Wegbegleiter aus der Literaturwissnschaft nicht nur am Deutschen Seminar der Albrecht-Ludwigs-Universität Freiburg) damals vollkommen neuartigen Methoden entgegensetzte - und die aus heutiger Sicht seine "Aufschreibesysteme" zur Grundlage moderner Medienwissenschaft machen.

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Christian

Ein extrem und völlig unterschätztes Problem.

Es wird wieder der Fehler gemacht alles isoliert und voneinander getrennt anzugehen. Die Studiengänge im IT Bereich bringen meistens nur „Fachidioten“ heraus ohne jegliche ganzheitliche Tiefe. Kunst, Philosophie und Ethik sind aber am Ende das was eine Gesellschaftskultur am Leben hält.

Mir ist in den letzten Jahren extrem aufgefallen dass vor allem junge Absolventen/innen ein erhebliches Mass an Feingefühl, Verantwortung und ein Verstöndnis für Zusammenhänge abhanden gekommen ist.

Ich bilde seit 20 Jahren im Medienbereich aus und nehme immer wieder junge Studenten/innen in Projektteams auf. Es scheint mir so, als dass die immer öfters fehlende Familienbasis, da 50% aus geschiedenen Verhältnissen kommen, ein Nährboden für das soziale und ethische Desinteresse erzeugen. Dies scheint in allen westlichen Ländern gleich zu sein.

Im Grunde ist es ein Thema dem viel zu wenig Bedeutung bei gemessen wird.

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Frank

Aus meiner Sicht eine absolut zutreffende Wahrnehmung - wobei ich das heute längst nicht nur auf Studiengänge im IT-Bereich beschränken würde!

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