Interview

Mozilla-CIO Borchert: „Mein engster Mitarbeiter sitzt in Schweden im Wald“

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t3n.de: Nach dem aktuell gültigen Urheberrecht sind wir ja alle notorische Verletzer des Urheberrechts, dafür reicht es ja ein Foto bei Facebook zu teilen, ohne den Urheber zu fragen. Dasselbe gilt für Soup oder Tumble – ist nicht das halbe Internet eine einzige Urheberrechtsverletzung?

Borchert: Genau. Und das ist in den USA mit dem sogenannten Fair Use schon ein bisschen besser geregelt. Wir hatten sehr gehofft, dass es so etwas auch für Europa geben würde. Allein dieser Wahn mit Anwaltskanzleien und Abmahnungen in Deutschland. Nach dem neuen Entwurf wird das noch mehr ausufern. Und wir können auch nicht nachvollziehen, warum man ein in Spanien und Deutschland bereits dramatisch gescheitertes Leistungsschutzrecht nun europaweit einführen und gleich von einem auf 20 Jahre ausweiten muss. Das Leistungsschutzrecht ging schon in den nationalen Fassungen komplett an der Realität der Internetnutzung und der geschäftlichen Realität des Digitaljournalismus vorbei.

t3n.de: Du bist jetzt seit Oktober 2015 bei Mozilla, zuvor Geschäftsführerin bei Spiegel Online. Wie groß ist die Umstellung?

Borchert: Ich bin seit Mitte Januar dieses Jahres da, im Oktober hatten wir es angekündigt. Es ist eine große Umstellung. Jobwechsel sind ja ohnehin immer anstrengend – aber diesmal ist es gleich Firma, Branche, Kultur und Kontinent auf einmal. In den USA musst du zum Beispiel lernen, Kritik zwischen sehr höflichen Zeilen zu lesen, Prozesse laufen komplett anders. Aber die optimistische „Can do“-Kultur von Mozilla ist erfrischend.

t3n.de: Wie unterscheidet sich die Arbeitskultur?

Borchert: Es ist eine riesige Umstellung für mich, die ich aber als sehr positiv empfinde. Die Deutschen tun sich mit dezentralem Arbeiten ja oft schwer – bei Mozilla ist das Gegenteil der Fall. Rund 38 Prozent der Mitarbeiter arbeiten von zuhause aus oder einem sonstigen Ort ihrer Wahl. Sie wohnen nicht einmal in der Nähe eines Büros – obwohl wir rund um die Welt welche haben. Diese Flexibilität in der Arbeits- und Lebensgestaltung habe ich in Deutschland oft vermisst. Wir arbeiten daher häufig asynchron gemeinsam an Dokumenten und es wird sehr viel mehr schriftlich festgehalten. Das sorgt dann auch für mehr Transparenz in Entscheidungsprozessen.

t3n.de: Und der persönliche Kontakt fehlt nicht?

Borchert: Es funktioniert besser als ich gedacht hätte, enge persönliche Kontakte per Video aufzubauen. Ich habe kürzlich auf einer Veranstaltung des Handelsblatts gesprochen und dann sagte sofort jemand: „Sie müssen ja aber zugeben, dass alle Ihre engsten Mitarbeiter bei Ihnen im Büro sitzen und die Menschen, die so ein bisschen Code schreiben, die sitzen dann halt irgendwo anders.“ Da konnte ich nur erwidern: Nein, mein allerengster Mitarbeiter, mein Chief of Staff, sitzt drei Stunden nördlich von Stockholm im Wald. Er sitzt also nicht nur nicht in meinem Büro, sondern nicht einmal in meiner Zeitzone – das sind neun Stunden Unterschied. Das ist nicht einfach – aber so habe ich einen total glücklichen, hochmotivierten und produktiven Kollegen, der seine ideale Lebenssituation gefunden hat.

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Ein Kommentar
Präsenzkultur sind Kosten pur
Präsenzkultur sind Kosten pur

„Die Deutschen tun sich mit dezentralem Arbeiten ja oft schwer – bei Mozilla ist das Gegenteil der Fall. Rund 38 Prozent der Mitarbeiter arbeiten von zuhause aus oder einem sonstigen Ort ihrer Wahl. Sie wohnen nicht einmal in der Nähe eines Büros – obwohl wir rund um die Welt welche haben.“

Tja. Präsenzkultur sind Kosten pur…

In Gegenden mit weiten Strecken wie Australien, Kanada, Schweden usw. ist sowas natürlich schlauerwise längst üblich während hier die Mietmafia-Mästung in den überfüllten Wohngebieten weiter stattfindet.
Auf dem Land verlegt man die Glasfaser für ein Zehntel über-irdisch. Da kann man zum Bruchteil mieten und jeder hat einen Parkplatz vor der Tür und man ist billiger und schneller mit arm-dicken Glasfasern angebunden.

http://www.golem.de/news/ftth-fttb-oberirdische-glasfaser-spart-85-prozent-der-kosten-1606-121745.html
15% statt 100% macht 6.6 mal so viel Glasfaser beim gleichen Preis !

Und für die Konzepte der Schriftlichkeit und das man klar sieht was wann wie wo ist wie ein aufgemaltes Make-File wird sicher als neue IT-Methode in ein paar Jahren durchs Dorf getrieben…
Schlanke FIrmen (ich glaube Debis mit DEM ORDNER) haben sowas schon ewig. Da hat jedes Projekt einen einheitlichen Ordner (früher zumindest) und daher blickt jeder Mitarbeiter (auch wenn man neue ran holt) sofort durch.

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