Interview

Mozilla zu iOS 14.5: „Nutzer im Kreislauf der Sammlung persönlicher Daten gefangen“

Marshall Erwin, Chief Security Officer bei Mozilla. (Foto: Mozilla)
Lesezeit: 5 Min.
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Die Kehrtwende von Apple beim Nutzer-Tracking für Werbung ist für Mozilla ein Schritt in die richtige Richtung. Doch Mozillas Sicherheits-Chef Marshall Erwin sieht das nur als ersten Schritt auf dem Weg zu einem besseren Internet.

Apple hat mit iOS 14.5 die Art des Trackings und der Personalisierung in der Werbeauslieferung geändert. Für Mozilla, das als Unternehmen hinter dem Firefox-Browser steht, ist das nur der erste schlüssige Schritt auf dem Weg hin zu mehr Selbstbestimmtheit beim Datenschutz für die Anwender. Wir haben mit Marshall Erwin, dem Chief Security Officer bei Mozilla, gesprochen. Er leitet das Team, das dafür verantwortlich ist, Mozilla und seine Nutzer zu schützen, worunter aus Sicht der Firefox-Macher auch das Werbetracking zählt. Erwin beaufsichtigte direkt die Implementierung der Datenschutz- und Sicherheitsfunktionen von Firefox, die Nutzer vor bösartigen Bedrohungen aus dem Internet, einschließlich Datenschutzverletzungen, schützen, und war zuvor für die CIA im Bereich Terrorismusbekämpfung und Cybersicherheit tätig.

Im Gespräch erklärt Marshall Erwin, warum Apples Kehrtwende beim Tracking so wichtig ist, wieso gerade Mobilgeräte so viele Daten sammeln und warum Werbung im Internet in der heutigen Form weder für den Nutzer noch für die Publisher und werbenden Unternehmen ein wirklicher Gewinn ist.

t3n: Mozilla hat sich beim Firefox schon vergleichsweise früh für den Schutz der Privatsphäre stark gemacht. Warum war die Abkehr von Third-Party-Cookies denn so wichtig für Euch?

Mit Third-Party-Cookies wurde in der Browser-Entwicklung schon vor Jahren die falsche Abzweigung genommen. Sie machen zwar einige Funktionen im Web überhaupt erst möglich. Gleichzeitig stellen sie aber auch die zugrundeliegende Technologie bereit, die einen Großteil der missbräuchlichen Aktivitäten ermöglicht, die wir heute im Internet sehen. Dazu gehören die Sammlung von Daten ohne das Wissen der Nutzer, die Weitergabe und der Verkauf dieser Daten und ihre Verwendung zur Manipulation von Menschen. Es ist längst überfällig, dass wir diesen Fehler korrigieren.

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Unsere Perspektive ist dabei einfach: Alle Browser sollten ihre Nutzer vor Tracking schützen – insbesondere durch bestimmte Cookies. Deshalb arbeiten wir beim Firefox daran, unsere User zu schützen, und unternehmen wichtige Schritte, um Cross-Site- oder Cookie-basiertes Tracking zu eliminieren. Unseren ersten großen Schritt zum Tracking-Schutz im Browser haben wir im Jahr 2015 unternommen. 2019 haben wir dann eine neuere Version unserer Anti-Tracking-Technologie, den verbesserten Tracking-Schutz, standardmäßig für alle Nutzer aktiviert. Beides hat dazu beigetragen, dass die Branche heute über den Aufbau eines privaten Internets diskutiert.

t3n: Welche Rolle spielen die Neuerungen rund ums Tracking bei iOS 14.5 für den Firefox und seine Nutzer? Bringen sie mehr Transparenz und begrüßt ihr das?

Es ist ein Schritt in diese Richtung, und wir begrüßen ihn. Wir haben jahrelang daran gearbeitet, die Nutzer in Firefox zu schützen. Aber diese Schutzmaßnahmen reichen nicht aus, wenn dieselben Personen von App zu App auf ihren mobilen Geräten verfolgt werden können.

t3n: Ist es denn so eine große Neuerung? Geändert hat sich doch eigentlich nur die Art des Einstellens, oder?

Das ist schon eine riesige Änderung. Die Leute können die IDFA (Identifier for Advertisers) bereits ausschalten. Aber sie ist standardmäßig eingeschaltet und die Kontrollen sind im Einstellungsmenü vergraben. Und wir wissen, dass viele Verbraucher bei den Standardeinstellungen bleiben, die ihnen vorgegeben werden. Apple bietet den Menschen mit dem neuen Ansatz die Möglichkeit, ihre Privatsphäre tatsächlich zu kontrollieren. Das ist eine einfache, aber wichtige Innovation.

Die IDFA war noch relativ unbekannt, als wir 2019 eine Kampagne starteten, um Apple dazu zu bewegen, die IDFAs jeden Monat zu ändern. Mit der Kampagne wollten wir auf das Tracking aufmerksam machen, durch das umfassende Profile von iOS-Nutzern erstellt werden, und Apple dazu ermutigen, den Ansatz zu ändern. Die Menschen waren sich nicht bewusst, dass iPhones eine massenhafte Datensammlung ermöglichen. Und aus den Reaktionen der Branche wird deutlich, dass es ihr lieber gewesen wäre, wenn diese Datensammlung weiterhin unbemerkt geblieben wäre. Es hätte längst nicht den gleichen Druck für den Erhalt der IDFA gegeben, wenn die Änderung nicht einen wirklichen Unterschied machen würde. Sie gibt die Macht wieder dorthin zurück, wo sie die ganze Zeit hätte sein sollen: in die Hände der Menschen, die die Produkte benutzen.

t3n: Vergleichen wir mal Desktop und Mobile: Das Smartphone ist bekanntermaßen das persönlichste aller Endgeräte. Wie sieht denn die Tracking-Situation bei den Mobilgeräten aus?

Der Schutz der Privatsphäre auf Mobiltelefonen ist lange hinter den Fortschritten der Desktop-Browser zurückgeblieben. Mobile IDFAs sind dauerhafte Identifikatoren, die mehreren Parteien gleichzeitig zur Verfügung stehen. Sie sind vergleichbar mit einer Sozialversicherungsnummer, die Ihnen so lange zugeordnet bleibt, wie Sie das Telefon besitzen. Dieser Grad an Hartnäckigkeit und Langlebigkeit bedeutet, dass riesige Mengen an Daten über Personen gesammelt, weitergegeben und verkauft werden. Das ist sogar schlimmer als Cookies in einem Desktop-Browser. Um das Internet-Ökosystem zu verbessern, müssen wir die Datenschutzeigenschaften sowohl auf dem Desktop als auch auf dem Handy verbessern. Es gibt nur zwei Unternehmen, die im mobilen Bereich einen wesentlichen Unterschied machen können, und Apple ist eines von ihnen.

t3n: Die Werbefinanzierung von Websites ist seit Anbeginn des (kommerziellen) Internets eine wichtige Grundlage für viele Geschäftsmodelle. Ist es denn für den Nutzer besser, wenn er einerseits weiterhin (nicht zielgerichtete) Werbung eingespielt bekommt, der Site-Betreiber aber nicht mehr in der gewohnten Form damit Geld verdient? Denn Geld gibt’s ja vor allem fürs Targeting.

Das Werbe-Ökosystem des Internets funktioniert im Moment weder für User noch für Publisher gut. Die Nutzer sind im Kreislauf der aggressiven Sammlung persönlicher Daten für Microtargeting gefangen, ohne eine sinnvolle Wahl oder wirklichen Ausweg zu haben. Auf der anderen Seite haben Verlage und Content-Ersteller jede direkte Beziehung zu ihren Kunden verloren und sind von großen, undurchsichtigen Werbenetzwerken abhängig geworden, die ihnen die Einnahmen abschöpfen.

Werbung ist und bleibt das Erlösmodell für einen Großteil des Internets. Aber Werbung ohne allgegenwärtiges Tracking bietet ein besseres Gleichgewicht – eines, das die Nutzer respektiert und ein stabiles Einnahme-Modell für das Web bieten kann. Wir wissen, dass Werbetreibende heute einen Aufpreis für ausgeklügeltes Targeting zahlen. Infolgedessen könnten einige Parteien, insbesondere Ad-Tech-Unternehmen, ihren Gewinn beeinträchtigt sehen. Längerfristig erwarten wir jedoch, dass sich das Internet so anpassen wird, dass es den Interessen von Publishern und Verbrauchern besser dient. Genau wie es das tat, bevor die allgegenwärtige Überwachung zur Norm wurde.

t3n: Einige große Unternehmen weisen ja jetzt bereits mehr oder weniger dezent darauf hin, dass ihre Apps bald kostenpflichtig werden könnten, wenn zu viele das IDFA-Tracking abstellen. Droht vor allem iOS-Nutzern bald die kostenpflichtige Nutzung vieler Apps?

Das verrät uns einiges über das Werbe-Ökosystem und wie es heute funktioniert. Denn wenn Unternehmen solche Auswirkungen befürchten, sobald Nutzer eine Wahl treffen können, welche Daten über sie gesammelt werden, ist das Ökosystem noch kaputter, als wir dachten.

t3n: Wagen wir mal einen Ausblick in Sachen Datenschutz und Privatsphäre: Wie sieht da eure Roadmap aus und wie wird sich das Internet (respektive die Browser-Welt) entwickeln?

Seit der Einführung des erweiterten Tracking-Schutzes – der standardmäßig aktiviert ist und potenzielle Tracker daran hindert, entsprechende Cookies zu setzen – bauen wir immer mehr Schutzmechanismen in den Firefox-Browser ein. Anfang dieses Jahres haben wir Standardschutzmaßnahmen gegen Digital Fingerprinting und Supercookie-Tracking eingeführt. Unser Plan ist es, diese Schutzmaßnahmen in Firefox weiter auszubauen, mit dem Ziel, Cross-Site-Tracking schließlich ganz aus dem Browser zu verbannen. Aber wir wissen, dass wir nicht nur Funktionen in Firefox zum Schutz der Nutzer einführen können, sondern wir müssen die Anreize ändern und die Art und Weise, wie das Web derzeit funktioniert. Deshalb ist es wichtig, dass ein Unternehmen wie Apple die Nutzer auf mobilen Geräten schützt. Regulierungsbehörden müssen gegen missbräuchliche Praktiken wie Fingerprinting vorgehen. Und Verlage müssen sich anpassen, anstatt sich auf Daten zu verlassen, die von anderen unrechtmäßig gesammelt wurden.

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