Kolumne

Wir müssen nur sollen – warum Unternehmen ökologische Ordnungspolitik brauchen

(Grafik: t3n)

In ihrer t3n-Kolumne „Auch das geht vorbei“ macht sich Fränzi Kühne, Mitgründerin und Geschäftsführerin der Kreativagentur TLGG, dieses Mal Gedanken um den Klimawandel und unsere Rolle darin.

Vor zwei Wochen las ich in einer Mitteilung des Statistischen Bundesamtes, dass die deutschen Arbeitnehmer im Schnitt 44 Jahre alt sind. In unserer Agentur liegt der Durchschnitt bei ungefähr 32 Jahren. Ich bin also von außerordentlich vielen jungen Menschen umgeben. Viele dieser Kolleginnen und Kollegen sehen es nicht ein, warum sie politische Überzeugungen am Betriebstor abgeben und nach Feierabend wieder einsammeln sollen. Da gebe ich ihnen Recht.

In den elf Jahren seit unserer Unternehmensgründung haben sich immer wieder politische Initiativen geformt. Wir Geschäftsführer bekommen auch regelmäßig kritische E-Mails zu unseren Positionen. Kaum ein Thema beschäftigt die Mitarbeiter zurzeit so sehr wie der Klimawandel. Zu Recht wird von uns gefordert, Organisationsstrukturen zu ermöglichen, die Nachhaltigkeit mitberücksichtigen und fördern. Die meisten dieser Initiativen genehmigen wir. Ökostrom, Atmosfair, Glasflaschen, Bio-Essen. Auf Versäumnisse sind wir nicht stolz, für Kritik bleiben wir offen.

Mit dem SUV zum Biomarkt

Dennoch leben wir alle schizophren. 71 Prozent der Deutschen finden, dass der Klimawandel das größte Problem der modernen Welt ist. Fast 100 Prozent von ihnen verhalten sich aber so, als ob er es nicht wäre – manchmal haben sie auch ein schlechtes Gewissen dabei. In Klimafragen versuche ich mich meistens zurückzuhalten. Ich finde, je moralisierender die Argumentation, desto geringer die Bereitschaft zur Selbstkritik. Es ist immer leichter das Diesseits zu kritisieren, als das Paradies zu schaffen.

Als Digitalagentur mit Werbefokus wissen wir schließlich, dass wir für Kaufanreize und kuratierte Feeds mitverantwortlich sind. Wir sind von den Geistern umgeben, die wir riefen. Einem Zeitgeist, der uns im Sekundentakt suggeriert: mehr kaufen, öfter reisen, besser leben. Mit diesen Kaufbefehlen werden wir genauso oft bombardiert wie mit den Schreckensbildern des Klimawandels. Logisch passen die Ansprüche an das moderne Individuum nicht zusammen. Auch ich finde mich regelmäßig in paradoxen Situationen wieder. Fahre mit dem SUV zum Biomarkt, sitze mit dem Bambus-Kaffeebecher im Überseeflieger, schreibe diesen Text.

Radikal, radikaler, am klimaneutralsten

Aber wenn wir es alle wirklich ernst meinen würden mit dem Klimawandel, müssten unsere Initiativen und unser Verhalten viel radikaler sein. Wir müssten Pitches per Skype durchführen, unsere Kunden nach ihrer CO2-Bilanz auswählen und nur klimaneutral reisen. Zum 10-Uhr-Beratungstermin in München fährt man dann eben schon um 4 Uhr Früh mit der Bahn los. Langfristig gesehen würden wir auf Kunden und Gewinne verzichten und Mitarbeiter entlassen müssen. Doch bei 200 Angestellten trägt man als Unternehmer schnell die Verantwortung für das Familieneinkommen von 500 Personen. Wer von jenen, die leichtherzig twittern, sofort Unternehmenswachstum zu drosseln, ist wirklich bereit, auf seinen Arbeitsplatz und Lebensstandard verzichten?

Alle im selben Boot – the Tragedy of the Commons

Als Unternehmerin fühle ich mich oft wie einer der Landwirte aus Garret Hardins Essayadaption „The Tragedy of the Commons“. Die Parabel geht so: Eine Wiese mit saftig grünem Gras wird von vielen Bauern gleichzeitig genutzt. Damit die Wiese keinen Schaden nimmt, dürfte jeder Bauer nicht mehr als etwa zehn Kühe am Tag grasen lassen. Jeder Bauer muss sich also selbst beschränken. Als plötzlich ein Landwirt anfängt, zwölf Kühe grasen zu lassen, bemerkt er, dass er nicht wirklich einen Schaden anrichtet. Das Gras wächst ja trotzdem und einen höheren Ertrag hat er nun auch. Das sehen die anderen Bauern und ziehen mit. Irgendwann schickt jeder von ihnen mehrere Dutzend Kühe auf die Weide. Wie erwartet, zeigt die Wiese bald die ersten braunen Stellen. Lange kann das nicht mehr gut gehen, darin sind sich alle einig. Also entschließen sich ein paar Bauern dazu, ihre Kühe zurückzuziehen und die Herde zu verkleinern. Doch sie begreifen schnell: Solange sich die anderen weigern, ihren Viehbestand ebenso zu senken, hilft ihr Verzicht nichts. Sie können die Wiese nicht alleine retten. Also lassen auch sie ihre Tiere weitergrasen. Bald ist die Wiese tatsächlich verwüstet, das Gras verschwunden. Dass das passieren würde, war den Bauern klar. Doch niemand von ihnen wollte doppelt bestraft werden. Derjenige, der als Einziger seine Kühe von der Weide nimmt, erhält keinen Ertrag. Und die Wiese wird ja am Ende trotzdem zerstört.

Mit Technologie den Klimawandel stoppen – geht das? t3n 57 geht der Frage nach. (Grafik: t3n)

Mit Technologie den Klimawandel stoppen – geht das? t3n 57 geht der Frage nach. (Grafik: t3n)

So geht es vielen Menschen, so geht es der deutschen Wirtschaft. Drei Viertel der CEO sehen den Klimawandel als größtes Risiko für ihr Unternehmenswachstum an. Der deutsche Journalist Wolfgang Uchatius fasst diese Paradoxie treffend in der Zeit zusammen: „Der Verzicht hat nur einen Effekt, wenn sich viele Millionen Menschen genauso verhalten. Da diese aber frei sind, sich anders zu entscheiden, und alles darauf hindeutet, dass sie von dieser Freiheit auch Gebrauch machen, entsteht am Ende schnell ein Gefühl von nutzloser Einschränkung. Verzicht ohne Sinn.“ Wären alle Bauern Beschränkungen unterworfen gewesen, wäre die Wiese erhalten geblieben. Stattdessen mussten sie sich jeden Tag aufs Neue aktiv für den Verzicht entscheiden.

Schizophrene Lösungen

Dieser Text hat keine Pointe, ich habe auch keine Lösung parat. Selbstverständlich dürfen wir nicht aufhören, an den kleinen Alltagsheldentaten zu arbeiten. Wir werden aber nicht drum herum kommen, eine schizophrene Lösung für unseren schizophrenen Zeitgeist zu finden. Zum Beispiel eine konsequente, ökologische Ordnungspolitik, die Unternehmertum und Wettbewerb als Innovationstreiber begreift. Als Optimistin glaube ich tatsächlich, dass das möglich ist. In Zeiten schwindender Ressourcen ist schließlich unsere größte Ressource die Freisetzung menschlicher Kreativität.

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Ein Kommentar
Jochen Haller
Jochen Haller

Zunächst: Sehr guter und reflektiert geschriebener Artikel.

Aber: Auch wenn wir uns manchmal ambivalent Verhalten, muss sich jeder von uns hier bewegen – und wenn es nur ein kleiner Schritt ist. Und wer, wenn nicht Unternehmer (im Sinne von allen Menschen, die etwas bewegen wollen), könnten dieses Problem lösen. Und ja, ich meine Ökonomie und Ökologie kann man versöhnen.

Praktisches Beispiel: Wie wäre es denn damit, wenn Deine Agentur sich auf ökologisch nachhaltige B2C-Kunden (Alnatura, Patagonia, Vaude, etc.) fokussiert? Damit würdest Du ein Zeichen im Markt setzen und aufgrund Eurer Bekanntheit sicher schnell Marktführer werden. Bin mir sicher, dass Ihr danach noch besser dasteht als jetzt schon.

Antworten

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