Interview

Myright-Gründer: „Volkswagen hat einen echten Bock geschossen“

Der Dieselskanal wird Volkswagen noch teuer zu stehen kommen, sagt Myright-Gründer Andresen. (Bild: Myright)

Per Handy zum Recht: Das Berliner Startup Myright will Volkswagen im Abgasskandal die Stirn bieten. Ein aktueller Beschluss des Bundesgerichtshofs bringt neue Bewegung in die Sache.

Das größte Problem für viele geprellte Deutsche mit VW-Diesel in der Garage sei das unüberschaubare Prozesskostenrisiko, sollten sie allein vor Gericht ziehen, sagt der Jurist Jan-Eike Andresen. Genau das halte viele davon ab, ihr Recht tatsächlich geltend zu machen. An dieser Stelle setzt sein junges Unternehmen Myright an. Per Online-Anmeldung haben sich mittlerweile mehrere Zehntausend Personen bei dem Legal-Tech gemeldet und sich zwei Sammelklagen gegen den Volkswagen-Konzern angeschlossen. 

Im Gespräch mit t3n spricht Andresen, der Myright mitbegründet hat, über sein kleines Büro, seinen großen Kampf gegen den Volkswagen-Konzern und darüber, welche Impulse jetzt vom Bundesgerichtshof und dem Europäischen Gerichtshof zu erwarten sind.

t3n: Jan-Eike, braucht es als Büro einen Bunker, wenn man es mit Volkswagen aufgenommen hat?

Jan-Eike Andresen: Hier sieht es, ganz ehrlich, aus, als wären wir gestern eingezogen. Ich sitze in einem kleinen Kabuff mit drei Schreibtischen drin, und auf jedem jeweils zwei Bildschirme mit Laptop. Die Kabel liegen über die Tische verteilt, und an der Wand hängt Papier.

t3nGerechtigkeit als Geschäftsmodell – das macht sich in einer zunehmend als ungerecht empfundenen Gesellschaft bezahlt, oder?

Klar macht es sich bezahlt, aber es ist für uns auch etwas sehr Inspirierendes. Und natürlich gut für den Verbraucher, der ja heute an jeder Ecke ausgenutzt wird. Wir wollten ein Unternehmen gründen, das sich wirklich ums Thema Gerechtigkeit kümmert. Wir müssen aus Recht-Haben Recht-Bekommen machen. Das ist die DNA, die uns treibt.

t3n: Von VW geprellte Diesel-Kunden erhoffen sich viel von eurer Arbeit. Wie aussichtsreich ist euer Unterfangen?

Wir kennen solche Situationen zum Glück, weil wir ja aus dem Umfeld des Unternehmens Flightright kommen. An Unternehmen wie Ryanair sind wir gewachsen. Die haben damals zum Beispiel extra ihre AGB geändert, damit geschädigte Fluggäste Legal-Techs nicht mehr nutzen konnten. Aber damit sind sie krachend gescheitert. Die Tricks der Konzerne im Spiel David-gegen-Goliath sind ja immer wieder die gleichen. Irgendwann weiß man, wo man den Hebel ansetzen muss.

t3nOhne Abgasskandal gäbe es Myright heute vielleicht gar nicht.

Wir haben uns damals gesagt, dass die Verteidigung von VW im Abgasskandal voraussehbar ist: abstreiten, aussitzen, die Verbraucher in der Mühle der Justiz zermahlen, halt genau wie bei den Airlines. Und genau das ist ja dann auch passiert. Der Dieselskandal ist das übliche Katz-und-Maus-Spiel, nur hat er eben eine Null mehr hinten dran. Wir spielen jetzt seit knapp zehn Jahren das Spiel, und zwar datengetrieben und digitalisiert.

t3nWie viel Geld ist im Moment im Jackpot?

Wir fordern von Volkswagen mittlerweile insgesamt rund 900 Millionen Euro. Wobei „Jackpot” nicht die treffende Bezeichnung ist. Die Gelder sind ja kein Lottogewinn, sondern stehen den VW-Kunden zum Ausgleich der erlittenen Schäden zu.

t3n: Am Freitag hat der Bundesgerichtshof in einem sogenannten Hinweisbeschluss die Abgas-Abschalteinrichtung als „Sachmangel“ bezeichnet.

Das haben wir kommen sehen.

t3n: Warum?

Dass der Bundesgerichtshof dem Volkswagen-Konzern für das, was passiert ist, einen Persilschein ausstellt, ist völlig ausgeschlossen. Zuvor hat das Oberlandesgericht Braunschweig allerdings genau das getan. Was mir ein absolutes Rätsel ist, und rechtlich für mich in keiner Weise nachvollziehbar.

t3nDu hältst viel vom BGH.

Man kann sicher über den BGH sagen, dass er das Thema Verbraucherschutz ernst nimmt und auch in der Vergangenheit große Konzerne alleine an Recht und Gesetz gemessen hat, frei von politischem Industrieprotektionismus. Volkswagen hat einen echten Bock geschossen. Genau das wird ihnen der BGH ins Stammbuch schreiben. Einen Vorgeschmack hat es jetzt durch den Hinweisbeschluss gegeben. An die Aussage, dass die Abschaltvorrichtungen „mangelhaft“ sind, werden rechtliche Konsequenzen anknüpfen.

t3nDas sieht Volkswagen offenbar anders.

Der Konzern ist jetzt in einer Zwickmühle und das war unser strategisches Ziel. Sollte der BGH unsere Musterklage bestätigen, dann muss Volkswagen bis zu 2,5 Millionen deutsche Autobesitzer entschädigen.

t3nUnd Fahrzeugbesitzer in der EU …

Wichtig ist, zu wissen, dass der BGH die KMyright-Gründer: „Volkswagen hat einen echten Bock geschossen“lage nicht abweisen kann, ohne sie vorher dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) vorzulegen, da es in der Klage um die finale Auslegung europäischer Zulassungs- und Umweltschutzvorschriften geht. Das kann nur auf EU-Ebene geklärt werden. Das ist eine juristische Spitzfindigkeit.

t3nWas darf man sich als Dieselbesitzer erhoffen?

Einiges, weil der EuGH ebenfalls ein großer Verbraucherschützer ist, der, anders als der BGH, eine europaweite Reichweite hat. Zudem erhöht sich für VW das Risiko von 2,5 Millionen deutschen Fahrzeugen auf circa acht Millionen in der EU, weil das EuGH-Urteil dann für die gesamte Europäische Union gelten würde. Ich denke nicht, dass die Autoindustrie ein gesteigertes Interesse an der Klärung der Frage hat, ob die Verwendung von Abschalteinrichtungen zu Schadensersatz führt. Das betrifft ja Daimler ganz genauso.

t3nWelche Reaktion ist dann von Volkswagen zu erwarten?

Der EuGH ist offensichtlich die Achillesferse der VW-Verteidigung. Wenn sie die Karte ziehen, bricht das ganze Kartenhaus zusammen, auf dem die Verteidigung beruht. Wir sind angetreten, um Menschen ohne Kostenrisiko zum Recht zu verhelfen, sie von den 12.000 Euro Gerichts- und Anwaltskostenrisiken über zwei Instanzen zu befreien, ganz einfach online per Mausklick. Spätestens an diesem Punkt wird Volkswagen einknicken und sagen: „Jetzt zahlen wir die Leute aus!“. Und auch unsere Sammelklage wird dann erfolgreich sein. VW spielt jetzt auf Zeit, aber wir werden das Ding am Ende gewinnen, genau wie wir andere wegweisende Klagen gegen die Industrie gewonnen haben! Nach dem BGH-Urteil [vom Freitag] ist das für mich so sicher wie das Amen in der Kirche.

t3n: Vielen Dank für das Gespräch.

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

2 Kommentare
M. J.
M. J.

Endlich ein Geschäftsmodell mit dem man in Deutschland brillieren kann. Am besten noch eine Abmahn-App dazu um das Geschäftsfeld zu erweitern. Top!

Antworten
Titus von Unhold
Titus von Unhold

Jaja, der asoziale Teil der Wirtschaft ist unantastbar. Aber wehe der irgendwo verkauft ein Marokkaner ein bisschen Gras, dann fordert der deutsche Michel die Todesstrafe.

Antworten

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus!

Hey du! Schön, dass du hier bist. 😊

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team bestehend aus 65 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Danke für deine Unterstützung.

Digitales High Five,
Stephan Dörner (Chefredakteur t3n.de) & das gesamte t3n-Team

Anleitung zur Deaktivierung