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Zerstören überholte Narrative unsere Gesellschaft?

(Foto: istockphoto.com)

In ihrer Kolumne „Transform or Die“ erklärt Christiane Brandes-Visbeck, warum „Das haben wir schon immer so gemacht“ uns nicht weiterbringt – und was das für Politik und Unternehmen gleichermaßen bedeuten muss.

Überall soll verändert, transformatiert, zerstört werden. Nicht nur junge Wähler haben in Deutschland die großen Volksparteien abgestraft. Statt sich mit Zukunftsthemen wie Klimawandel, Bildung und Wirtschaftsethik auseinanderzusetzen, geben viele Parteien überholte Antworten auf immer Gleiches wie Flüchtlingspolitik, Rentenniveau und Außensicherung der europäischen Grenzen. Das gilt auch für viele Unternehmen. Bei Firmenlenkern dreht sich alles um Wachstum, Gewinnmaximierung und Fachkräftemangel. Nur wenige experimentieren mit Selbstorganisation von Teams, neuen Bezahlmodellen oder gar ethisch-nachhaltigen Kennzahlen.

Neue Fragen erfordern neue Antworten

Menschen, die die Realität mit offenen Augen wahrnehmen, sind sich einig: Es muss endlich Schluss sein mit „Haben wir immer so gemacht“ und „Weiter so“. Heute können Andersdenkende nicht mehr ungestraft marginalisiert und zur Räson gebracht werden können. Die Anerkennung von unterschiedlichen Perspektiven und der respektvolle Umgang mit Andersdenkenden ist zugleich demokratisch und innovativ. Es ist an der Zeit, auch in der Mitte der Gesellschaft zu akzeptieren, dass das Andersdenken eben anders ist. Aber nicht falsch. Im Gegenteil.

Vom „Know it all“ zum „Learn it all“

Große und komplexe Themen wie Klimaschutz, die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere oder der Umgang mit künstlichen Intelligenzen erfordern offene Fragen, Mut zur Intuition, Sinnorientierung und Pausen, damit wir beim Innehalten die richtigen Antworten in uns finden können. Sie erfordern eine gemeinsame Suche und eine offene Einstellung gegenüber dem, was kommen mag. Purpose und Growth-Mindset sind hierfür Stichworte, die aus dem New-Work-Kontext entliehen sind.

In den USA wird von einer neuen Psychologie für Erfolg gesprochen. Es geht um die Erkenntnis, dass Kindheitserfahrungen und Glaubenssätze unser zukünftiges Handeln bestimmen. Und wie wir uns davon befreien können. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, ein Growth-Mindset zu entwickeln. Also offen zu sein für Neues. Und jeden Tag etwas dazu lernen zu wollen und sich vom „Know it all“ zum „Learn it all“ zu entwickeln. In der zeitgemäßen Leadership-Forschung gelten Leader dann als besonders erfolgreich, wenn sie keine Besserwisser sind, sondern gemeinsam mit ihren Teams und ihren Anspruchsgruppen, unterstützt von KI, nach geeigneten Lösungen suchen.

Meine These ist, dass Entscheider*innen nicht nur Angst vor Neuem haben oder dem Verlust von Ansehen und Macht. Sie können sich einfach nicht vorstellen, wie das funktionieren soll, sich auf notwendige Veränderungen einzulassen, wenn sie diese mit ihren Methoden nicht mehr steuern können. Wenn es notwendig es ist, auf die Expertise anderer zu vertrauen. Und man nicht beurteilen, kann, ob sie das „Richtige“ tun.

Wer sich auf Innovationsprozesse einlässt, sollte auf diese fünf Aspekte achten, mit denen wir Transformationen triggern und begleiten können:

1. Veränderungsprozesse mit Ambidextrie gestalten

In der wissenschaftlichen Forschung zu Führung und Leadership gibt es den Begriff von der Ambidextrie. Das ist lateinisch und bedeutet so viel wie beidhändig. Entscheider*innen in Organisationen müssen die Fähigkeit haben, effizient und flexibel zu agieren. Wer mit der rechten und der linken Hand führt (sich selbst, andere oder auch Prozesse gestaltet), hat immer zwei Möglichkeiten zur Auswahl: die „Exploit“-Hand, also die Nutzen-Hand einzusetzen, die dafür sorgt, dass ein Unternehmen, eine Partei oder eine Organisation funktioniert und Erfolge generiert. Oder die „Explore“-Hand, mit der Neues ausprobiert und erforscht werden kann. Sie ist notwendig, wenn Stakeholder zufrieden sind und innovative Lösungen erwarten, wenn mutig quergedacht, mit Respekt für andere Meinungen gestritten und Neues ausprobiert werden soll.

2. Diversität anerkennen und für Innovationen einsetzen

Wer Ambidextrie lebt, hat erkannt, dass es mehrere Systeme gibt, die zur Verfügung stehen. Frederic Laloux hat in seinem Management-Bestseller „Reinventing Organizations“ beschrieben, dass es aus evolutionärer Sicht alte und neue Systeme gibt, nach denen Menschen ihr Wirken organisieren. Und jedes System hat in einem bestimmten Kontext seine Berechtigung. Das gilt auch für Unternehmen. Nicht jede Abteilung, jeder Bereich oder jedes Projekt muss identisch organisiert und geführt werden. Erst durch die vielfältigen Möglichkeiten, die allerorts ausprobiert und öffentlich diskutiert werden, könne wir Best Cases für unsere Zukunft entwickeln.

3. Kollektive Intuition mit New Work, Digital Leadership und künstlicher Intelligenz entwickeln

Diversität ist ebenfalls eine entscheidende Voraussetzung für Schwarmintelligenz. Denn New Work und Digital Leadership und alle anderen Theorien, Denkweisen, Tools und Methoden, die uns helfen, unsere Zukunft demokratisch und menschenwürdig zu gestalten, leben von Sinnorientierung, Vernetzung und Kollaboration. Gemeinsam und zusammen im Jetzt die Zukunft gestalten, eine kollektive Intuition auszuprägen, ist das Gebot der Stunde. In jeder Organisation gibt es eine Vorstellung davon, was im Morgen funktionieren kann. Wer mit den Prinzipen und Guidelines von Digital Leadership und New Work diese Stimmen hörbar macht und orchestriert, kann Zukunft gestalten. Und künstliche Intelligenz sollte ein innovativer Beschleuniger sein, um gesellschaftliche und organisatorische Anforderungen wie Profit und Purpose in Einklang zu bringen.

4. Neue Narrative erzählen

Schwarmintelligenz funktioniert, wenn ein gemeinsames Verständnis vom Zielbild beziehungsweise dem Purpose der Kollaboration vorhanden ist. Unternehmen und Organisation haben dafür zumeist Leitbilder entwickelt. Oft kommen die so trocken und theoretisch daher, dass sie in Schubladen oder auf unbeachteten Motivationspostern in Teeküchen verstauben. Lebendiger sind Narrative. Diese Art Basiserzählungen docken an den Glaubenssätzen und Werten von Menschen einer bestimmten Kultur an und drehen die Geschichte in eine unerwartete Richtung weiter. Sie berühren das Denken und Fühlen von Menschen, können damit ihr Verhalten beeinflussen und nachhaltig verändern. Gerade für gesellschaftliche Veränderungen sind in den sozialen Medien verbreitete Narrative ein wirkungsvolles Kommunikationstool, wie es bisher vor allem die Rechtspopulisten beweisen.

5. Sichtbarkeit sein, Erfolge und Scheitern als Learnings feiern

Ob und welche dieser neuen Narrative funktionieren werden, wissen wir noch nicht. Doch sollten wir unsere Erfolge, aber auch unsere Learnings öffentlich und vor allem in digitalen Communitys teilen. Denn zu einer vernetzten demokratischen Kultur gehört vor allem und auch, mit kollaborativer Arbeit sichtbar zu sein und diese mit der Crowd zu feiern.

Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass man auch in Deutschland hoffnungsvoll und angstfrei in die digitale Zukunft schaut.

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