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Kommentar

Gründen geht nur in Vollzeit? Was für ein Unsinn!

Meike Haagmans hat ihr Startup Joventour nebenbei aufgebaut. Dass man nur in Vollzeit gründen können soll, kann sie nicht verstehen. (Foto: Meike Haagmans)

Wer sich seinem Startup nur Teilzeit widmet, kann nicht erfolgreich sein. So heißt es häufig in der „Höhle der Löwen“. Nebenbei-Gründerin Meike Haagmans kennt das Argument – und hält es für Quatsch.

Von Meike Haagmans

Dienstagabend ist Fernsehabend. Inzwischen wird sogar Rudelgucken organisiert, denn es ist „Höhle der Löwen“-Zeit. Obwohl ich die Sendung ganz gern schaue, habe ich schon seit einigen Folgen nicht mehr eingeschaltet. Doch heute ist es anders. Ich würde einiges geben, um die Sendung nicht zu verpassen, denn Susi Leyck, eine sogenannte Mompreneur, wird heute Abend pitchen. Also eine Mutter, die gegründet hat.

Wer die Sendung kennt, wird sich vielleicht fragen, wieso eine Gründerin eingeladen wurde, deren Lebensumstände eigentlich gegen die Grundsätze der Löwen sprechen. Seit nun drei Staffeln wird in der Sendung immer wieder propagiert, dass sich Gründer Vollzeit auf ihr Unternehmen konzentrieren müssen. Ich bin wirklich gespannt, wie das TV-Format auf Susi Leyck reagiert, die neben ihrem Business noch andere Aufgaben und Ziele verfolgt.

Leider werde ich die Ausstrahlung nicht anschauen können. Ich habe nicht die geringste Chance, denn ich werde mich irgendwo in 10.000 Meter Höhe zwischen Brasilien und Europa befinden. Und warum? Weil auch ich neben dem Gründen noch eine zweite Leidenschaft habe: das Fliegen.

„In Buenos Aires entstand die Idee, zu gründen“

Seit 2003 arbeite ich als Flugbegleiterin. Ich fliege kreuz und quer durch die Welt und liebe meine Arbeit über den Wolken. Morgens italienischen Kaffee auf einer Piazza in Rom oder abends den Camembert mit Baguette an der Cote d'Azur – das ist für mich durch nichts zu ersetzen. Mit dem Fliegen verdiene ich also seit mittlerweile dreizehn Jahren durchgängig mein Geld. Aber ich arbeite auch schon genau so lange in Teilzeit. Erst habe ich nebenbei studiert, zunächst ein Bachelor-Studium in Deutschland, danach ein Masterstudium in Argentinien. Und genau in dieser Zeit in Buenos Aires entstand die Idee für mein eigenes Unternehmen.

Ich reiste während des Studiums regelmäßig im Land und auf dem ganzen Kontinent umher. Reisen war einfach schon immer meine Leidenschaft. Und sehr schnell war mir klar, dass das meistgenutzte Verkehrsmittel in Lateinamerika öffentliche Überlandbusse sind. Sie sind komfortabel, haben ein unfassbar großes Streckennetz und sind gleichzeitig sehr günstig.  Ich überlegte mir, ob man mit den lokalen Bussen nicht auch Reisepakete für Touristen schnüren könnte, und befasste mich etwas genauer mit der Idee. Und je mehr ich mich damit befasste, desto besser fand ich sie. Am Ende schrieb ich darüber auch meine Masterarbeit und es folgte, mit etwas Druck meines Professors, ein Businessplan. Das war die Geburtsstunde von Joventour. Meinem Unternehmen. Dem einzigen deutschen Reiseveranstalter für Linienbusreisen weltweit.

Nach der Gründung, begann ich, wie jeder andere Gründer auch, mein Unternehmen aufzubauen. Heute sind es jährlich rund 100 Abreisen mit einem Umsatz von etwas mehr als 250.000 Euro pro Jahr. Inzwischen sind wir ein Team von fünf Mitarbeitern und erste Auszeichnungen aus der Branche hängen bei uns an den Bürowänden. Unterm Strich kann ich sagen: Es läuft!

„Ich fliege einfach verdammt gern“

Und doch werde ich bis heute oft gefragt, warum ich meine Arbeit als Flugbegleiterin nicht aufgebe und mich Vollzeit meinem Unternehmen widme. Die Antwort ist simpel: weil ich das Fliegen nicht aufgeben will. Ich fliege einfach verdammt gern.

Ich kann diese Vollzeit-Argumentation, die übrigens nicht nur Vox wöchentlich verbreitet, sondern die auch immer die Begründung der Absagen bei meinen Investorengesprächen war, nicht nachvollziehen.

Woher resultieren die Bedenken, dass Teilzeitgründer keine effizienten Geschäftsmodelle etablieren können? Warum sprechen wir bestimmten Personengruppen – wie zum Beispiel Müttern – Gründer-Kompetenzen ab? Und warum schließen wir dadurch Potenzial aus?

Bei meinen Investorengesprächen wurde mir oft gesagt, dass nur investiert würde, wenn ich mich Vollzeit dem Startup widmete. Immer wieder wurde argumentiert, dass das Commitment nur in Vollzeit erreicht werden könne.

„Warum wird verlangt, dass man das, was einen zum Gründer gemacht hat, aufgibt?“

Was für ein Unsinn. Oftmals sind es doch Situationen oder Ereignisse, die einen überhaupt zum Gründer machen. Vermutlich hätte Susi Leyck nie gegründet, wenn sie nicht Mutter geworden wäre. Und ich hätte nie gegründet, wenn ich meine Liebe zum Reisen nicht ausleben könnte. Und nun wird verlangt, dass man das, was einen zum Gründer gemacht hat, aufgibt beziehungsweise weniger fokussiert? Und zeigt man nicht generell das größte Engagement, wenn man bereit ist, seine Freizeit in die Idee zu investieren?

Ich bin wirklich gespannt, was am Dienstagabend bei der „Höhle der Löwen“ passieren wird. Ich würde mich sehr freuen, wenn Susi Leyck das gewünschte Investment bekäme und damit zeigen könnte, dass Gründer nicht nur Hipster mit rosafarbenen Einstecktüchern sind, sondern vielmehr ein Spiegelbild unserer Gesellschaft darstellen.

Über die Autorin

Meike Haagmans ist Gründerin und Geschäftsführerin von Joventour, einem Reiseunternehmen für Linienbusreisen. Das Besondere ist die Reiseart: Bei Joventour sind die Reisenden nicht mit irgendeiner Gruppe unterwegs oder laufen dem hochgehaltenem Regenschirm eines Reiseleiters hinterher. Sie reisen alleine oder mit Freunden und nutzen die öffentlichen Busse im jeweiligen Reiseland. Es ist eine Art organisiertes und komfortables Backpacking. Der große Vorteil: Die Rundreisen sind flexibel, sehr authentisch und vor allem bezahlbar. 

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Eine Reaktion
Konrad

Eigentlich ist das recht einfach zu erklären: Als Investor möchte man 1. einen möglichst größten Return auf das investierte Kapital erwirtschaften und 2. bei jedem Investment unnötige Risiken vermeiden. Wenn ein Gründer sich voll und ganz auf das Startup fokussiert, minimiert dies das Risiko ggü einem Gründer, der das Startup "nebenbei" aufbaut..

Als nächstes ist auch die Wahrscheinlichkeit für einen höheren Return besser und professionelle Investoren, investieren nur dann, wenn es MÖGLICH ist, dass das Unternehmen seine Bewertung z.B. verzehnfacht. Ein anderer Gründer mit Fokus und der gleichen Idee (was es ja oftmals gibt) hat einfach einen Vorteil ggü dem "nebenbei-Gründer".

Klar kannst du etwas nebenbei gründen und damit auch sehr erfolgreich sein. Aber nur weil du etwas Erfolgreiches gründest, heißt das nicht, dass du für Investoren interessant bist.

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