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Die neuen Schlächter: Wo Technologie auf Ethik trifft

(Foto: Shutterstock)

Aus einer Tierzelle ein ganzes Steak oder Fleisch für einen Burger herstellen? Was nach Fiktion klingt, ist für die Clean-Meat-Gemeinschaft längst Realität. Sie malen das Bild eines neuen Fleischsystems.


Stehen wir kurz vor der Transformation des Proteinmarktes und mit ihm der Fleischindustrie? Glaubt man der A.T.-Kearney-Studie „How will Cultured Meat and Meat Alternatives Disrupt the Agricultural and Food Industry?“, werden bis 2040 immerhin nur noch 40 Prozent unseres weltweiten Fleischkonsums durch Tiere gedeckt. Denn immer mehr Alternativen zum „herkömmlichen“ Fleisch drängen auf den Markt. Kein Wunder, die Bevölkerung wächst und mit ihr die Nachfrage nach dem allseits beliebten Proteinlieferanten. Eine Nachfrage, die der Markt in Anbetracht knapper Ressourcen und einer stark wachsenden Weltbevölkerung so nicht weiter bedienen kann. Neben den viel besprochenen veganen Alternativen namens Beyond Meat oder Moving Mountains konnte sich vor allem eine Idee durchsetzen: die Herstellung von Fleisch aus einer einzelnen Tierzelle. Die Innovatoren, die diese Idee vorantreiben, hat sich in den letzten Jahren einen (wenn auch noch weitgehend unbekannten) Namen gemacht. Ihre Mission: die Etablierung eines Produkts, mit dem sie den negativen Implikationen der Fleischindustrie wie sie für Mensch, Tier und Umwelt entstehen, den Kampf ansagen.

Eine Zelle, die Schlächter und ihr Fleisch

Mithilfe einer einzelnen Tierzelle soll das Verlangen der Massen nach Fleisch gestillt werden. Entnommen wird sie per Biopsie, um dann in einem Wachstumsmedium heranzuwachsen und unseren Hunger nach Fleisch später als Nugget, Boulette oder Steak zu stillen. An der Basis stehen dabei sogenannte Satellitenzellen, die Gewebe bilden. So viel zur Theorie. In der Praxis wurde aus der Idee 2013 bereits ein echter Burger, der unter anderem von der Foodtrendforscherin Hanni Rützler medienwirksam verköstigt wurde. Zu Tisch gebeten hat damals Mark Post, Gallionsfigur der Clean-Meat-Szene und Gründer des niederländischen Startups Mosa Meat. Er verrät: „Unser Ziel ist die Herstellung eines Burgers, ohne die Kuh wirklich in den Prozess der Herstellung zu involvieren. Die Kühe sollen im wahrsten Sinne des Wortes spürbar weniger leiden. Außerdem muss die weltweite Zahl der Kühe reduziert werden.“ Neben Mark Post wollen auch andere Visionäre die Fleischindustrie mit dem alternativen Fleisch revolutionieren. Zu ihnen gehören die Startups Memphis Meats (Vereinigte Staaten), Aleph Farms, Supermeat (beide Israel) oder aber Innocent Meat – das bisher einzige deutsche Clean-Meat-Startup. Die Liste der Visionäre wird immer länger und mit ihr die Wahrscheinlichkeit für den Erfolg der neuen Industrie. Das als Clean Meat, In-vitro-Fleisch oder Cell-Based-Meat besprochene Produkt zeigt also das Potenzial für tatsächliche Transformation. Geht es nach der A.T.-Kearney-Studie soll das Fleisch aus dem Labor in naher Zukunft immerhin ganze 35 Prozent des Marktes bedienen.

Hunger nach Alternativen

Clean Meat und die noch unbekanntere Kategorie, zu der sie gehört – die Cellular Agriculture (eine auf Zellen basierende Landwirtschaft) – sind noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Sie treffen wohl aber den Nerv der Zeit. Allein 270.000 Demonstranten sollen am 20. September in Berlin bei einer der weltweit bekannten Fridays for Future für die Abkehr von klimaschädigenden Verhaltensweisen auf die Straßen gegangen sein. Ein Indikator für das Potenzial der Zellen-Industrie? Vielleicht. Denn im Fokus der Arbeit der Clean-Meat-Visionäre stehen nicht nur ethische Aspekte des Tierwohls, sondern die Einsparung von Treibhausgasemissionen, Land und Wasser. Didier Toubia, Gründer von Aleph Farms, ist überzeugt: „Wir produzieren dasselbe Endprodukt, die Basis sind die Zellen, aus denen das Fleisch im Tierkörper hergestellt wird. Unsere Produktionsmethode ist jedoch kontrolliert, rückverfolgbar und transparent, was eine maximale Lebensmittelsicherheit gewährleistet.“ Daneben stehen zahlreiche weitere Vorteile einer zellenbasierten Industrie. Wie weit diese reichen, zeigt beispielsweise Kristopher Gasteratos, Präsident der Cellular Agriculture Society (CAS), mit seinen „90 Reasons to Consider Cellular Agriculture“.

Auf dem Prüfstand

Doch nicht alle Vorteile für die Umwelt, die die Gemeinschaft ihrem Produkt zuschreiben, halten aktuellen wissenschaftlichen Studien stand. Viele Variablen wie beispielsweise künftig verwendete Energiequellen bleiben ungewiss und lassen derzeit keine konkreten Aussagen über die tatsächlichen Implikationen zu. Neben den positiven Effekten für die Umwelt, die zu den wichtigsten Argumenten für die Clean-Meat-Produktion gehören, stehen weitere Kriterien auf dem Prüfstand. Die wohl größte Kritik gilt dabei dem hochumstrittenen Wachstumsmedium, in dem aus der Zelle Fleisch wird – dem Kälberserum. Es wird aus den schlagenden Herzen ungeborener Kälber gewonnen, die aus den Bäuchen der toten Mütter geschnitten werden. Glaubt man den Stimmen der neuen Industrie, wird Kälberserum langfristig aber keine Rolle bei der Herstellung des neuen Fleisches spielen. Es wird intensiv an Alternativen geforscht, beispielsweise auf Pflanzenbasis. „Wir haben bereits mit verschiedenen Nährstoffen gearbeitet, die auf die Verwendung von Serum verzichten. Aber die Renditen sind noch in der Entwicklung für die Scale-up-Phase“, verrät Toubia.

Der Anfang schon am Ende?

Selbst ohne die vorhergesagten positiven Implikationen für einige Umweltaspekte wiegen die Vorteile der neuen Industrie schwer – allen voran im Kontext des Tierwohls. Zudem bleibt die Herausforderung bestehen, dass der Markt sich einer wachsenden Proteinnachfrage ausgesetzt sieht. Die Transformation des Systems hat also erst begonnen. Und zumindest mit Blick auf die Investoren, die von Cargill über Tyson bis hin zu Wiesenhof reichen, können sich die „Revolutionäre“ der alternativen Fleischzukunft sicher sein: Der Markt kommt in Bewegung. Das weiß auch Chris Bryant, Forscher im Bereich der Consumer Acceptance von Clean Meat und Director of Social Science der CAS: „Wir sehen die Tendenz, dass die Unternehmen, die den Markt derzeit dominieren, eher Teil der Disruption sein wollen als Opfer dessen.“ Weitere Zeichen des Wandels? In Deutschland ist im März der Verband für Alternative Proteinquellen e. V. (Balpro) entstanden. Der Blick auf das internationale Parkett zeigt zudem die Gründung der Alliance for Meat, Poultry & Seafood Innovation Ende August. Immer mehr Stakeholder zur Unterstützung der Etablierung eines Clean-Meat-Marktes sind mit von der Transformations-Partie. Die richtige Zeit also, sich am Wandel zu beteiligen und den Revolutionären anzuschließen. Ob Namensfindung, ethische Aspekte, Umgang mit den Bauern oder Kriterien zur Markteinführung – der Wandel hat erst begonnen und lässt noch viele Spekulationen zu. Welchen Weg er sich bahnen und wie unsere Ernährungszukunft aussehen könnte, diskutieren die Experten der Szene. Es bleibt spannend um die Cellular Agriculture und ihre Clean-Meat-Industrie. Eines aber steht fest: Der Wandel wird kommen.

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