Interview

New-Work-Unternehmer: „Disziplin muss sinnstiftend und selbstgewählt sein“

(Foto: Privat)

Sinnstiftende Arbeit ist die Grundidee hinter dem Ansatz New Work. Wie sieht New Work in Kasachstan, Singapur oder Israel aus? Anna Stania und Nils Schnell von Mowomind haben sich knapp ein Jahr lang auf ihrer „modernen Walz“ durch die Welt inspirieren lassen.

Sinnstiftend Arbeiten – das ist die Grundidee hinter New Work und das Thema, dem sich Anna Stania und Nils Schnell, ein junges Unternehmerpaar aus Hamburg, verschrieben haben. Mit Mowomind wollen sie Arbeitsprozesse in Unternehmen analysieren und effizienter gestalten. Im Mittelpunkt steht dabei jedoch nicht vorrangig das Endprodukt, sondern der einzelne Mitarbeiter – der Mensch.

1,5 Mal um die Welt, diese Strecke haben Anna Stania und Nils Schnell in den letzten elf Monaten zurückgelegt. Zum Zeitpunkt des t3n-Interview haben sie erst seit 24 Stunden wieder deutschen Boden unter den Füßen – und sind noch spürbar beeindruckt von den Erlebnissen ihrer #modernworktour.

t3n: Die Sonne am Himmel, die Füße im Wasser, den Laptop auf dem Schoß – so habt ihr auf Bali gearbeitet. Das passt zu eurem Kernthema: New Work. Was bedeutet das für euch?

Nils: New Work ist, sinnstiftend Arbeit zu finden und zu ermöglichen, und den Fokus bei all dem, was sonst so passiert, auf die Menschen und ihre Interaktion zu legen. Also zu schauen, wie Arbeit besser und sinnstiftender werden kann.

Anna: Für mich ist es auch eher ein Mindset. Es geht um eine Denkweise und Betrachtung von Arbeit, bezogen auf das, was ich will und was mir liegt. Wo ich Erfüllung finde, womit ich gesund bleibe, aber womit ich auch den Blick für das Neue nicht verlieren.

t3n: Flexible Arbeitszeiten und Homeoffice gehen aber nicht in jedem Job. Wie lässt sich New Work im klassischen Acht-Stunden-Job mit Anwesenheitspflicht umsetzen?

Nils: Im ersten Schritt durch Exploration: Was tun wir eigentlich? Dann zu schauen, was fehlt uns, was würden wir gerne einbringen? Gerade in Unternehmen mit strenger Taktung kann man nicht einfach alles verändern, aber es können Kleinigkeiten sein, wie eine neue Form des Absprechens durch technische Tools oder ganz pragmatisch durch ein Canvas-Board an der Wand. Sofort verändert sich Arbeit, weil man mehr miteinander spricht und spart vielleicht sogar Zeit. Je starrer der Arbeitsrahmen, desto eher sollte man Stück für Stück gucken und mutig sein, mal was Neues auszuprobieren.

Anna: Auf der Reise haben wir diese Denkweise im Libanon, Israel und Australien kennengelernt. Der Nahe Osten hat eine andere Einstellung zum Arbeiten und das Leben mit der Arbeit zu verknüpfen, weil sie so durchgerüttelt sind. Die Menschen dort wissen nie, was morgen ist, und die Chance, dass es ganz anders ist, ist hoch. Die Australier versuchen, ihren Lebensstil mit der Arbeit zu verknüpfen. Die sind nicht weniger fleißig, die arbeiten viel – aber sie gehen vor oder nach der Arbeit zum Strand zum Surfen …

Nils: … oder machen zwei Stunden Mittagspause!

Anna: Genau! Arbeit wird dort so konstruiert, dass sie in das Leben hineinpasst. Etwas, das wir in Deutschland nicht immer ganz so gut hinkriegen.

t3n: Richten wir in Deutschland unser Leben also eher nach der Arbeit aus?

Nils: Ich glaube, es ist ein Umbruch da, das sehen wir auch in unserer Arbeit mit Unternehmen. Es gibt aber alles. Also Leute, die ihr Leben eher nach der Arbeit ausrichten, aber auch andere, die ihre Arbeit nach der Freizeit ausrichten, ein freies Wochenende haben wollen und ihren Job deshalb behalten, weil er mehr Geld bringt als das, was sie eigentlich machen wollen. Andere gehen in Teilzeit und sind bereit, weniger zu verdienen und die Zeit lieber mit ihren Kindern im Garten verbringen. Da löst sich dieses klassische Work-Life-Denken auf und es geht mehr darum, was guttut und wie man das gut in Verbindung bringen kann.

(Foto: Mowomind)

t3n: Ihr wart in Kasachstan und dem technologisch weit entwickeltem Singapur. Das sind krasse Gegensätze: Wie sieht New Work da aus?

Nils: In Kasachstan, Kirgistan und der Mongolei haben wir erlebt, dass Arbeit noch oft klassisch ist. Das hängt natürlich mit der Kultur und Geschichte der Länder zusammen. Da ist noch alles sehr hierarchisch und clan-bezogen. Die Nomaden in der Mongolei waren es gewohnt, Dinge mit der Familie zu stemmen – auch beruflich geht da noch viel über familiäre Beziehungen. Im traditionellen Kontext haben es diese New-Work-Ideen sehr schwer, weil alle an Hierarchie gewohnt sind. Menschen, die von dort kommen und eine Zeit im Ausland waren, bringen aber neue Ideen fürs Arbeiten mit, müssen aber stark dafür kämpfen, sie durchzusetzen. Gleichzeitig gibt es auch in Kasachstan Startups, die es anders machen: In Almaty gibt es einen riesigen Co-Working-Space …

Anna: … der hätte genauso in Berlin oder Tel Aviv sein können.

Nils: Die leben dann wirklich das moderne Arbeiten. Aber damit das funktioniert, mussten sie eben auch ihren Schutzraum schaffen. Länder wie Singapur sind im Gegensatz sehr international, divers und haben die finanziellen Mittel. Durch diese Einflüsse aus aller Welt sind sie viel offener, unterschiedliche Dinge auszuprobieren.

Anna: Offener auf der einen Seite, auf der anderen, aber auch sehr stark arbeitsbezogen. Singapur ist eine wuselige Arbeitsstadt, da wird knallhart gearbeitet. Dort wird überlegt, wie kann Arbeit entspannter und sinnstiftender werden? An sich haben sie alle Rahmenbedingungen: das Geld und die Infrastruktur, um sich darüber Gedanken zu machen.

t3n: Was war denn so ein richtiger Kulturschock für euch?

Nils: Im Positiven – wir haben uns vorgenommen, Positivität mit nach Deutschland zu bringen – zum Beispiel in Sydney. Die arbeiten auch viel, haben aber einfach einen tollen Lifestyle. Da waren wir in einem Unternehmen, in dem der Founder entschieden hat, er ist nicht mehr CEO, sondern CPO, also der „Chief-Purpose-Officer“. Seine Aufgabe ist es, die Mitarbeiter zu unterstützen, den Sinn der Arbeit und das, was sie wirklich machen wollen, zu finden. Er ist Feuer und Flamme und das spürt man auch bei den Mitarbeitern.

Anna: Es gab eine Gruppe von Mitarbeitern in diesem Unternehmen, die haben in ihrer Freizeit Computer-Games entwickelt. Daraus ist eine Firmensparte entstanden und die Firma verdient jetzt Geld damit. Das ist Beispiel par excellence des New-Work-Gedankens: Durch die Bedürfnisse der Mitarbeiter entstand etwas Neues und hat die Struktur verändert.

t3n: Wo habt ihr negative Erlebnisse gemacht?

Nils: In einem Unternehmen in Kasachstan: Da wurde Arbeit wirklich nur erledigt, wenn der Chef auf die Finger haut. Eigentlich wollte die Geschäftsführerin das gar nicht, aber sie sagte auch, Arbeit passiere dort nur, wenn sie sie immer wieder fordert. Dieser Umgang wurde von den Mitarbeitern praktisch verlangt. Das war krass, denn überall sonst wollten die Mitarbeiter mehr Freiheit. Hier wollte es der Chef, aber die Mitarbeiter kamen nicht aus dem Quark.

Anna: Dort hat man gesehen, welche Einflüsse gesellschaftliche Strukturen auf das Miteinander und Verhalten im Job haben. Gerade in den postkommunistischen Ländern war es schwierig, wenn es um Hierarchie und Machtabgabe ging.

(Foto: Privat)

t3n: Deutsche gelten als pünktlich, ehrgeizig und diszipliniert, was die Arbeit angeht. Was könnten wir von anderen Ländern lernen?

Anna: All das wird weltweit sehr geschätzt. Daher sollten wir das beibehalten, aber es nicht als Hemmung sehen. Datenschutz soll uns schützen, aber uns nicht hindern, Neues auszuprobieren. Meine Kernforderung an Deutschland ist, mutiger zu werden und Interesse an neuen Technologien zu zeigen. Nicht immer gleich sagen: Das wollen wir nicht.

Nils: Von den Ländern im Nahen Osten können wir lernen, trotz der unsicheren und krisenhaften Umstände den Moment zu leben und zu genießen. Obwohl es uns hier so gut geht, ist man so fokussiert darauf, sich noch mehr abzusichern und zu planen. Darin sind wir eben sehr gut. Daher geht es wirklich darum, mal mutiger zu sein. Mal auszuprobieren, wie es ist in eine Vier-Tage-Woche zu gehen – denn es geht. Ein bisschen weniger Geld, aber ein bisschen mehr Zeit, mit der man seine Woche anders gestalten kann. Das könnte viele Menschen glücklicher machen.

t3n: Habt ihr Gemeinsamkeiten wahrgenommen, was die weltweite Startup-Szene angeht?

Nils: Egal, wo wir waren: Menschen in Startups wollen was anders machen. Klassische Unternehmen hoffen eher, mit einem veralteten Konzept so lange wie möglich zu arbeiten. Das ist ein toller Antreiber, der sehr viel Energie freisetzt. Das sieht man in Deutschland und auch im Rest der Welt. Außerdem nutzen die meisten moderne Technologien wie Chat-Programme statt Telefon oder bestimmte Managementsysteme, die für Transparenz sorgen. Diese Transparenz wird als Chance gesehen und nicht als Gefahr, dass man Macht oder Kontrolle verliert.

Anna: Viele Startups achten auch darauf, was ihre Leute können und wie sie das ins Unternehmen oder Produkt einbringen können. Also nicht nur auf die Fachexpertise, sondern auch auf Wissen über Dinge, mit denen sie sich sonst in ihrem Leben beschäftigen. Die Idee von Wissensaustausch wird so nochmal ganz anders begriffen.

Nils: Ein Beispiel, das häufig angewandt wird, ist die „Community of Practise“ – COP. Da trifft man sich, egal, zu welchem Thema, und tauscht sich aus. Es gibt Impulsvorträge, Diskussionen und es entstehen immer wieder neue Ideen. Ein Kontext kann immer den anderen Kontext inspirieren. Das funktioniert in Startups gut, weil sie kleiner sind – aber auch, weil sie es einfach tun.

t3n: Welche Erfahrungen wollt ihr in euren eigenen Arbeitsalltag einbauen?

Anna: Auf jeden Fall die Menschen dahinter einzubeziehen: ihre Ideen und ihre Geschichte zu zeichnen und greifbar zu machen. Wenn man Arbeit nach seinen Bedürfnissen gestalten will, bedeutet das Organisation und diese für sich zu schaffen. Das bedeutet: Ich muss beim Chef nicht nur einfordern, sondern auch selbst mit kreativen Lösungen und Ideen kommen. Das bedeutet auch, sich selbst zu reflektieren, um zu wissen: Was will ich eigentlich?

Nils: Ich will Disziplin nicht mehr verdammen. Für mich bedeutete Disziplin immer klassisches Arbeiten und keine Mitbestimmung. Durch die Begegnungen mit Gründern habe ich gelernt, dass Disziplin der einzige Weg zum Erfolg ist. Aber eben selbst gewählte und sinnstiftende Disziplin. In meinem Job als Coach und Berater werde ich versuchen, die Menschen noch mehr herauszufordern, damit sie sich selbst hinterfragen. Dieser Punkt der „sinnstiftenden Arbeit“ hat sich bei uns durch die Walz nochmal in den Mittelpunkt gestellt und ist zentrale Ausgangslage unserer Arbeit geworden.

t3n: Danke für das Gespräch!

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Dein t3n-Team

2 Kommentare
Jan
Jan

„…New Work ist, sinnstiftend Arbeit zu finden und zu ermöglichen, und den Fokus bei all dem, was sonst so passiert, auf die Menschen und ihre Interaktion zu legen. Also zu schauen, wie Arbeit besser und sinnstiftender werden kann…“

Das Wort „sinnstiftend“ geht mir gehörig auf den Senkel. Warum könnt ihr das nicht mal richtig erklären.

Antworten
Jule Zentek

Hi Jan,
was für jemanden sinnstiftend ist oder eben auch nicht, ist schlicht nicht so einfach zu sagen. Es geht bei New Work-Idee schließlich darum, dass Arbeit nicht nur einen Sinn/Zweck erfüllt, sondern für die Arbeitnehmer*innen persönlich noch mehr ist – eben sinn-stiftend. Das kann erlebte Bedeutsamkeit, Selbstverwirklichung und -wirksamkeit, aber auch das Gefühl von Autonomie sein. Es kann aber eben auch völlig anders interpretiert werden. Daher ist es schwierig, eine gemeingültige Definition zu finden.

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