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Oliver Paasch im Changerider: Demokratie ist kein Naturgesetz – wir müssen uns dafür stark machen und einsetzen

(Screenshot: Youtube)

Mit dem Video-Format Changerider wollen Philipp Depiereux und t3n den Menschen die Angst vor der Digitalisierung nehmen. Der aktuelle Interviewgast: Oliver Paasch.

Europa befindet sich derzeit in einem unsteten Spannungszustand, muss dabei so einigen Kämpfen standhalten: Sei es die Durchführung des Brexits, ein amerikanischer Präsident wie Trump, die Flüchtlingskrise oder der Klimawandel – Belgien spielt als Hauptsitz der EU in dieser Mitgestaltung eine zentrale Rolle. Wie sich das Land selbst den Herausforderungen und Fortschritten bei dem Thema Digitalisierung stellt, berichtet Oliver Paasch, Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien im Changerider.

Der 47-jährige Minister Oliver Paasch war nicht von Anfang an der klassische Politiker. Seine berufliche Laufbahn begann er zunächst in verschiedenen Positionen des Finanzsektors und in der Unternehmensberatung. Im Jahr 2004 wechselte Paasch dann in die Politik: als Minister für Unterricht, wissenschaftliche Forschung, Ausbildung und Beschäftigung. Nur vier Jahre später merkte er, dass ihm keine der Parteien richtig zusagt und entschloss sich, eine eigene Partei zu gründen. Mit der Pro Deutschsprachigen Gemeinschaft (PDG) wurde er schließlich 2014 Ministerpräsident. Ein Mann mit Gespür für Menschlichkeit und Visionen für die Zukunft.

„Belgien hat in den letzten Jahren massiv in digitale Infrastruktur investiert“

Belgien hat in der digitalen Entwicklung einen großen Vorteil: die Grenznähe zu anderen Ländern. Luxemburg, die Niederlande, Rheinland-Pfalz oder Nordrhein-Westfalen – Unternehmer in Belgien haben die Möglichkeit mit vielen verschiedenen Forschungsinstituten und Universitäten zum Thema Digitalisierung zusammenzuarbeiten. Digitaler sollen zukünftig vor allem die ländlichen Räume werden, denn genau da sieht Paasch das Internet als Chance zur Bekämpfung der Landflucht. „Belgien hat in den letzten Jahren massiv in die digitale Infrastruktur investiert“, so der Minister. Selbst die Steuererklärung lässt sich bereits online ausfüllen und einreichen. Aber auch in Sachen Bildung sind die Belgier uns einen Schritt voraus: „Wir waren übrigens die Ersten, die im Geschichtsunterricht flächendeckend Tablets, Online-Lehrpläne und Online-Lehrbücher angeboten haben.“ Das multimediale Geschichtsbuch entstand durch ein Forschungsvorhaben der Universität Eichstätt-Ingolstadt, die Deutschsprachige Gemeinschaft (DG) wurde als „Labor“ genutzt. Auch darin sieht Paasch eine große Stärke: „Die DG ist ein kleines Gebiet, in dem sich Dinge schnell testen und umsetzen lassen.“

„Wir müssen die Menschen darauf vorbereiten, dass die Welt schon morgen nicht mehr so sein wird wie heute“

Oliver Paasch sieht mit mehr als zehn Jahren Erfahrung im Bildungsbereich vor allem die menschliche Komponente als wichtigen Faktor in einer immer digitaler werdenden Bildungsvermittlung. Auch wenn er sich für den Einsatz von Technik im Unterricht ausspricht – die Gesellschaft müsse in erster Linie durch soziale Kompetenzvermittlung gut vorbereitet werden. „Es geht um personale Kompetenzen wie Teamfähigkeit, eine positive Einstellung zum Leben, die Bereitschaft Veränderungen zu akzeptieren. Auf der anderen Seite zählen soziale Kompetenzen: die Fertigkeit mit anderen Menschen umzugehen, positiv auf sie einzuwirken, zuhören können. Der Mensch muss in der Lage sein, in einer Gesellschaft Veränderungen zu akzeptieren und zu interagieren.“ Fachwissen sei heute von begrenzter Haltbarkeit, da die Welt schon morgen nicht so sein wird wie heute. Um in Zukunft mithalten zu können, ist neben Investitionen ins Bildungssystem und Ausbildung der Lehrer, auch der richtige Umgang mit Medien und die Entwicklung einer Medienkompetenz von enormer Bedeutung: „Nicht alles, was man im Internet sieht, entspricht der Wahrheit. Wir müssen den Menschen beibringen, über die Lesekompetenz und das kritische Urteilsvermögen das Wichtige vom Unwichtigen und das Wahre vom Unwahren zu unterscheiden.“

„Wir haben eine große Herausforderung: Europa stärker werden zu lassen“

Denn ein kritisches Urteilsvermögen erscheint in Zeiten von Fake News wichtiger denn je. Die transatlantischen Beziehungen spielen für Europa auch zukünftig eine entscheidende Rolle. Allerdings sei die unsichere Verständigung mit dem amerikanischen Präsidenten Trump, der den Handel in Frage stelle, an den Grundfesten der Nato rüttele und stündlich seine Meinung ändere oder Beschlüsse per Tweet aus dem Flugzeug annulliere, laut Paasch eine Gefahr für den Weltfrieden. Er plädiert für mehr europäischen Zusammenhalt: „Wir müssen davon überzeugen, dass die elementaren Grundwerte wie Freiheit, Solidarität, Menschlichkeit und Nachhaltigkeit wichtig sind und dass wir diese Werte auch in der Welt zu vertreten haben.“ Um die Herausforderungen dieser Zeit zu meistern, seien die Länder alleine zu klein. „Die Digitalisierung und die Globalisierung insgesamt wird dazu führen, dass wir noch kleiner werden. Da müssen wir als Menschen in Europa erkennen, dass wir nur einen Einfluss auf das weltpolitische Geschehen haben können, wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen.“ Umso wichtiger sieht der Minister die Aufklärung von Kindern und betont, dass Demokratie eben kein Naturgesetz sei. Wir alle müssten uns dafür einsetzen und stark machen.

Gibt es eine peinliche Paasch-Geschichte? Ja, auch der Ministerpräsident ist mal in ein Fettnäpfchen getreten: Auf einer internationalen Konferenz hat Paasch rein zufällig die Bekanntschaft mit einem französischen Minister gemacht, der noch recht neu in seinem Amt war. Dabei hatte er leider vergessen, sich vorher das Bild des Ministers anzuschauen. Er steuerte zielgenau in die Gruppe mit Kameras und begrüßte dann dessen Berater: „Sehr geehrter Herr Minister, es ist mir eine große Ehre Sie kennenzulernen.“ Neben ihm stand der Minister und verstand die Welt nicht mehr – und einige Kameras hatten dieses Versehen auch aufgezeichnet.

Zu guter Letzt appelliert Paasch vor allem an den Mut zur Veränderung: „Wir dürfen keine Angst davor haben, sondern müssen bereit sein, in Veränderungen eine Chance zu erkennen und diese dann auch zu nutzen.“

An dem Changerider-Format gefällt Paasch vor allem die Verbindung aus Technik und Mensch. Daher nominiert er den aktuellen Vize-Weltmeister des belgischen Rallye-Sports, Thierry Neuville, für eine weitere Fahrt im Changerider.

Ihr kennt ebenfalls Querdenker, Gamechanger und unermüdliche Optimisten, die für den digitalen Wandel einstehen? Nominiert sie als Changerider-Mitfahrer! Diese und alle weiteren Folgen, sind als Video oder als ausführliche Gespräche im Podcast bei iTunes, Soundcloud und Spotify verfügbar.

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