Interview

Internet ohne Überwachung und Zensur: Orchid will das Web 3 zur Realität machen

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Steven Waterhouse: Ich glaube, vielen fehlt hier das Bewusstsein. In den USA hatten wir kürzlich ein paar Fälle – beispielsweise wurde ein Gesetz verabschiedet, das es Breitbandanbietern im Grunde erlaubt, deine Daten zu verkaufen. Was auch immer du machst, sie können es an Dritte weiterverkaufen. Stell dir mal vor, deine Krankenversicherung findet heraus, dass du eine bestimmte Krankheit recherchiert hast – und plötzlich werden deine Beiträge erhöht oder du verlierst deinen Versicherungsschutz komplett. Das klingt vielleicht etwas weit hergeholt, aber es könnte passieren. Plötzlich musst du dir nicht nur um die Regierung Gedanken machen, sondern um alle Unternehmen – und die sind sehr, sehr mächtig und haben Einfluss auf viele Regierungen.

Das andere war die Netzneutralität. Also die Idee, dass aller Traffic gleichwertig ist und nicht unterschiedlichen Tarifen unterliegt und das wurde abgeschafft von der FCC und so langsam wird den Leuten klar, was das bedeutet. Es gibt eine App, die kannst du dir auf dein Telefon laden und sie zeigt dir an, ob dein Traffic beschränkt wird. Langsam aber sicher begreifen die Leute, dass das eine versteckte Form der Zensur ist. Zensur kann viele Formen annehmen, vielleicht kannst du bestimmten Content nicht aufrufen – vielleicht musst du aber auch viel dafür bezahlen, um ihn zu sehen.

Demonstranten protestieren in Philadelphia für Netzneutralität. (Bild: Michael Candelori / Shutterstock)

Netzneutralität war schon lange ein großes Thema unter den Techies, aber es breitet sich weiter aus. Von San Francisco aus habe ich die Olympischen Winterspiele verfolgt, aber auf BBC, weil ich deren Berichterstattung besser finde. Und nach ein paar Tagen hat der BBC-Server mein VPN erkannt und mich rausgeschmissen. Ich konnte nicht mehr gucken, ich musste ein anderes VPN nutzen. Mit Orchid würde das nicht mehr passieren, weil es dezentral ist.

t3n.de: Ihr wollt ja ein dezentrales Peer-to-Peer-Netzwerk auf die Beine stellen. In eurem Whitepaper erwähnt ihr Bandbreiten-Mining. Was bedeutet das?

Steven Waterhouse: Das Konzept beruht auf einem ähnlichen Prinzip wie Bitcoin-Mining oder Ethereum oder anderes, es ist dasselbe Konzept. Auf einer komplett technischen Ebene ist es das aber nicht ganz, weil man beim Schürfen von Bitcoin ein Arbeitsergebnis vorweisen kann. Bandbreite vorzuweisen ist aber schwieriger. Man kann natürlich das Netzwerk flooden, aber das ist keine wirklich gute Idee.

Die grundlegende Idee ist, dass jeder einem Netzwerk Ressourcen zur Verfügung stellt, in diesem Fall verschlüsselte Bandbreite. Dafür gibt es dann eine Art Aufwandsentschädigung in Form von Orchid-Token. Stell dir die Token wie einen neuen Internetprovider vor. Du bezahlst, damit du diesen verschlüsselten, überwachungs- und zensurfreien Zugang zum Internet erhältst. Und die Anbieter im Netzwerk sind entweder professionelle Bandbreitenanbieter, Datencenter oder einzelne Nutzer. Je breiter das Netzwerk aufgestellt ist, umso besser skaliert es und desto besser kann es Angriffen widerstehen.

t3n.de: Was unterscheidet Orchid im Detail von Tor oder VPN? 

Steven Waterhouse: Zunächst mal die Hintergrundphilosophie: Die meisten Leute in der westlichen Welt nutzen VPN, um ihren Standort zu verschieben. Auch in China ist das natürlich bei vielen Nutzern sehr beliebt. Du verschiebst deinen Standort, damit der Betreiber eines Dienstes denkt, du sitzt in Berlin und nicht in Chicago und schaust Netflix. Du brichst dabei keine Regeln – naja, doch, aber du bezahlst ja trotzdem für die Inhalte. Du verletzt die Lizenzbestimmungen für diese Inhalte.  Und was Tor angeht, Tor soll im Grunde komplette Anonymität bieten.

In manchen Situationen stößt man selbst mit einem VPN an Grenzen. Hier setzt Orchid an. (Bild: Shutterstock)

t3n.de: Ist Orchid denn eher für Menschen in Ländern wie China gedacht, weil hierzulande kaum jemand ein VPN nutzt – nicht mal im offenen WLAN, oder nur, um Netflix zu gucken? 

Steven Waterhouse: Wenn man sich mal ansieht, wie sich die Nutzung von VPN-Clients seit dem Gesetz zur Netzneutralität entwickelt hat, stellt man fest, dass sie rasant zugenommen hat. Hättest du mich das also gefragt, bevor das passierte, dann hätte ich gesagt, du musst Mittel und Wege finden, Orchid in Zusammenhang mit Spaß zu vermarkten. Dass man es zum Beispiel im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft im Sommer bewirbt, weil die BBC-Berichterstattung besser ist oder die spanische, und dass man sich dann fragt: „Warum geht das nicht, warum kann ich das nicht machen?!“

Ich erinnere mich noch gut, als ich frisch in den Staaten angekommen war, wollte ich unbedingt Radio 1 hören – Pete Tongs „Essential Selection“ am Freitagabend – und es war nicht möglich. Ich habe mich bei meinem Bruder beschwert und wir hatten die Idee, in London einen Server aufzustellen und mit einer kleinen Zeitverzögerung konnte ich dann Radio hören. Heutzutage haben wir natürlich Webradio und Apps wie TuneIn, aber dieser Gedanke, dieses „Warum kann ich das nicht?!“, der beschäftigte mich.

Worauf ich hinaus will: Konsumenten und Nutzer wollen Spaß haben, also muss man Wege finden, die Leute zum Spaß Haben zu motivieren und ihnen gleichzeitig sagen: „Übrigens, wir schützen euch hier auf vielfältige Art und Weise.“ Es ist Spaß, aber sicherer Spaß.

Aber auch wir hier haben noch einen weiten Weg vor uns. Klar mache ich mir Sorgen darüber, wie aggressiv alles getrackt wird: Daten, Informationen et cetera. Denk nicht, uns wäre nicht bewusst, dass das nur ein kleines Teil vom Puzzle ist. Es gibt genug andere Teile, auf die man ein Auge haben muss, aber es braucht etwas, mit dem den Leuten das Werkzeug an die Hand gegeben wird, um eine Wahl zu treffen.

t3n.de: Über dezentrales Internet wird viel diskutiert. Kannst du dir vorstellen, dass die Blockchain-Technologie irgendwann mal ein wirklich dezentrales Internet schaffen kann? 

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Dein t3n-Team

Ein Kommentar
Gecko
Gecko

Hallo,

guter Ansatz: „Das funktioniert auf Peer-to-Peer-Basis mit Hilfe der Ethereum-Blockchain.“
Aber bitte, seit nicht so naiv zu glauben, damit wäre ABSOLUTE Sicherheit garantiert. Entschlüsselung ist eine Frage der Zeit/Rechenleistung. Also an den Plan B denken!

Viele Grüße

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