Interview

Internet ohne Überwachung und Zensur: Orchid will das Web 3 zur Realität machen

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Steven Waterhouse: Ich glaube, dass manche Dinge zentralisiert besser funktionieren, auch wenn ich ein Verfechter dezentraler Strukturen bin. Ein gutes Beispiel, um diese Aussage zu erklären, ist ein Ranking-System wie zum Beispiel bei Ebay.

Ebay hat ein wirklich gutes System geschaffen, um sicherzugehen, dass die Käufer und Verkäufer bewertet werden. Ich kann leicht herausfinden, ob du ein guter Käufer und Verkäufer bist, ich kann deine bisherigen Transaktionen einsehen und Ebays Leute kümmern sich um Betrugsfälle und regeln Dinge. Natürlich kann man das bestimmt noch dezentraler aufstellen, aber am Ende stellt sich die Frage nach dem Autor, danach, wer bestimmen darf, was richtig und falsch ist. Man kann viele Aspekte rund um die Auktionen dezentralisieren, aber die Bewertung der Nutzer ist nicht nur durch andere Nutzer, sondern auch durch Ebay selbst wichtig, um Betrugsfälle auszuschließen.

Diese Dinge werden vermutlich weniger dezentral werden, als die Träumer es gerne hätten, aber es gibt bereits Lösungen, und die beinhalten alle eine Art von halbwegs dezentraler Struktur.

t3n.de: Um deine Visionen und auch weiterführende der – wie du sie nennst – Träumer umzusetzen, braucht es die Technologie. Aber man muss auch die Nutzer von dieser Idee überzeugen. Wie stellt man das am besten an?

Steven Waterhouse: Wenn ich mich an meine Zeit in Cambridge zurückerinnere, denke ich an E-Mails, die damals direkt an eine große Maschine in der Fakultät gingen. Das war der schnellste Weg und überhaupt nicht dezentral. Das war eine Direktverbindung. Es gibt da ja auch diesen Witz, dass die Cloud eigentlich nur der Rechner von jemand anderem ist.

Google weiß im Grunde ja auch nicht, auf welcher Maschine deine Mails liegen. Wahrscheinlich ist es sogar eher so, dass eine Menge Maschinen deine Mails lagern, und sie sind vermutlich in viele kleine Einzeldateien zerlegt. Das ist im Prinzip ja schon eine dezentrale Architektur. In Zukunft werden viele Technologien wie Virtualisierung oder auch Peer-to-Peer einfach von den Datencentern in das Wide-Area-Network dezentraler Technologien überführt. Kryptowährungen und Blockchains ermöglichen einfach sehr spannende Ansätze, wenn es um Wide-Area-Networks und eine darauf basierende Skalierung geht.

Eigentlich nehmen wir einfach unsere alten Technologien und erfinden sie neu. Die Antwort auf deine Frage ergibt sich eigentlich schon aus bestehenden Diensten. Skype, Napster und andere sind alles dezentrale Peer-to-Peer-Technologien. Was noch fehlt, ist, dass derartige dezentrale Dienste auch ohne einen einzelnen Provider funktionieren.

Betrachtet man das Ganze aus der Perspektive eines Investors, muss man sich natürlich fragen, worin genau der Vorteil liegt, bereits funktionierende Dienste dezentral neu aufzusetzen. Die einfachste Antwort ist natürlich, dass sich so Geld sparen lässt. Allerdings lässt sich billiger nicht immer auch besser verkaufen. Damit sich dezentrale Alternativen beim Nutzer durchsetzen, müssen sie sich neue Tricks ausdenken und nicht nur die Geschäftsmodelle rund um etablierte Technologien kopieren.

Google Maps ist hier wirklich interessant, weil es im Grunde die erste Anwendung war, die GPS-Smartphones richtig nutzte. Plötzlich wusste das Telefon, wo du bist. Plötzlich ergab es einen Sinn, dass da ein GPS-Chip eingebaut war. Google ist es also damals gelungen, eine existierende Technologie zu nehmen und darauf ein brandneues Geschäftsmodell aufzusetzen.

Meiner Meinung nach ist es im Bereich dezentraler Technologien viel interessanter, darüber nachzudenken, welche neuen Ideen sich damit realisieren lassen.

t3n.de: Also muss man Geduld haben und abwarten, bis es ein paar wirklich neue Anwendungsmöglichkeiten in der realen Welt gibt, und dann verkauft man es den Leuten im Nachhinein?

Steven Waterhouse: So verkauft man doch eigentlich alles besser, oder? Wenn ich jetzt den Leuten auf der Straße sagen würde, „Das ist faszinierend, dass ihr Uber benutzt, wisst ihr, das ist ein GPS-Ortungsdienst in eurem Telefon“ – die würden mich angucken, als wäre ich verrückt und würden sagen: „Wovon redest du, das ist doch bloß die Uber-App, ich hab keine Ahnung, wie die funktioniert“.

Ich bin davon überzeugt, dass sich immer die Dinge durchsetzen, bei denen es egal ist, wie sie funktionieren; Hauptsache, sie funktionieren.

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Dein t3n-Team

Ein Kommentar
Gecko
Gecko

Hallo,

guter Ansatz: „Das funktioniert auf Peer-to-Peer-Basis mit Hilfe der Ethereum-Blockchain.“
Aber bitte, seit nicht so naiv zu glauben, damit wäre ABSOLUTE Sicherheit garantiert. Entschlüsselung ist eine Frage der Zeit/Rechenleistung. Also an den Plan B denken!

Viele Grüße

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