Du hast deinen AdBlocker an?

Es wäre ein Traum, wenn du ihn für t3n.de deaktivierst. Wir zeigen dir gerne, wie das geht. Und natürlich erklären wir dir auch, warum uns das so wichtig ist. Digitales High-five, deine t3n-Redaktion

Kommentar

Orwells Albtraum – Hören Facebook & Google heimlich zu?

(Bild: quka / Shutterstock)

Wer kennt nicht die Gerüchte oder hatte selbst schon einmal den Verdacht: Google und Facebook schneiden private Gespräche mit und speichern beliebig Daten, um diese für Werbeanzeigen zu nutzen.

Warum ist das Mithören persönlicher Gespräche so interessant?

Zunächst stellt sich die Frage, wie wertvoll persönliche Daten überhaupt sind. Dabei geht es nicht um die eigene Anschrift oder das Geburtsdatum, sondern vielmehr um aktuelle Interessen, Bedürfnisse, Wünsche und Pläne für die Zukunft. Was das schon wert sein kann? Eine Menge! Bereits 2016 wurden weltweit über 200 Milliarden US-Dollar in Online-Werbung investiert. Das macht bereits 34 Prozent der gesamten Werbeausgaben aus. Für 2017 werden über 36 Prozent prognostiziert, und damit erstmals mehr als für die TV-Werbung (Quelle: Publicis Media GmbH). Grund genug für Unternehmen, so viele Daten wie möglich zu sammeln, um somit die Effizienz der Werbung zu erhöhen. Je persönlicher und aktueller diese Daten sind, desto wertvoller sind sie.

Wenn etwas in die Google-Suche eingeben wird, bekundet man bereits aktiv Interesse an einem bestimmten Thema. Das ist ein Grund dafür, dass Google seinen Hauptumsatz über Suchmaschinenwerbung generiert. Doch woher sollen Unternehmen wissen, für welche Themen sich die Nutzer interessieren, wenn sie es noch nicht in ein Suchfeld eingegeben haben? Anhand der Anschrift? Anhand der Telefonnummer? Nein, das wäre aus Sicht der Firmen nicht ausreichend. Unternehmen wollen wissen, was im heimischen Wohnzimmer besprochen wird. Über welche Themen sich mit wem unterhalten wird. Ob der Urlaub in die Berge oder ans Meer gehen soll oder ob das Auto wieder in die Werkstatt muss. Das sind die wertvollen Daten der Zukunft, und diese Daten stoßen entsprechend auf großes Interesse – eben auch bei Facebook und Google.

Welche Daten liegen denn schon vor?

Wenn Unternehmen nur noch herausfinden müssen, was man sagt oder denkt, welche Daten haben sie dann heute schon? Kurz gesagt: eine Menge. Eine so große Menge, dass dafür ganze Server-Farmen gebaut werden, um alle Daten auszuwerten. Die bereits vorher genannten „einfachen“ Daten wie Anschrift, Geburtstag, E-Mail-Adresse, Telefonnummer und so weiter sind für die Daten-Champions Facebook und Google kein Problem, für sich allein allerdings auch noch nicht sehr wertvoll. Auf Basis dieser „einfachen“ Daten wurde, bis zur Einführung von Online-Werbung, klassische Werbung ausgesteuert. Der Streuverlust war dabei naturgemäß ziemlich hoch. Viel interessanter sind „komplexe“ Daten wie Standort, Standort-Historie, Browser-Verlauf, Facebook-Aktivitäten, Verknüpfung mit Freunden, genutzte Geräte oder Kaufverhalten.

Doch auch mit diesen Daten lässt sich lediglich ein Bild aus der Vergangenheit erstellen. Erst mit dem Verknüpfen der „einfachen“ mit den „komplexen“ Daten lassen sich gute Prognosen erstellen, für welche Produkte oder Dienstleistungen sich der jeweilige Nutzer interessieren könnte.

Ein Beispiel aus der Praxis

Max kommt aus seinem Familien-Urlaub aus Finnland wieder. Er hat viele Fotos gemacht und Google Maps genutzt, um sich zwischen den Fjorden zurechtzufinden. Am Wochenende zeigt ihm Facebook eine Werbeanzeige mit dem Titel: „Halte deine Erinnerungen an Finnland für immer fest: Gestalte jetzt dein Fotobuch!“

Diese Art von Werbung ist nicht unüblich und auch nicht sehr kompliziert zu erstellen. Es wirkt aber oft schon erschreckend, wenn sich Werbung auf tatsächliche Ereignisse im eigenen Leben bezieht.

Wird denn nun heimlich zugehört?

Facebook und Google verarbeiten also alle Daten, die digital angeliefert werden. Was ist nun aber mit der Auswertung der Sprache? Natürlich zeichnen beide Unternehmen das gesprochene Wort auf, jedoch nur, wenn vorher zugestimmt wurde. Zum Beispiel beim Nutzen diverser Google-Dienste, die ein „OK, Google“ voraussetzen, um den Dienst zu aktivieren. Google kann diese Tonspur auch schon sehr gut in einen für Maschinen verständlichen Text umwandeln.

Übrigens: Jeder hat die Möglichkeit, in seinen Google-Aktivitäten einzusehen, welche Sprachaufzeichnungen Google von einem selbst aufgezeichnet hat.

Mit dem Einzug von Home-Assistenten wie Google Home oder Amazons Alexa wird es Unternehmen deutlich leichter gemacht, an gesprochene Inhalte zu gelangen. Es handelt sich allerdings nur um einzelne Bruchstücke, welche der Nutzer bewusst wählt. Aber heimlich zeichnen beide nicht auf. Facebook hat dies auch offiziell bestätigt. Denn im Strafgesetzbuch findet man im § 201 „Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes“, dass man mit einer Freiheitsstrafe rechnen muss, wenn man unbefugt das nichtöffentlich gesprochene Wort eines anderen auf einen Tonträger aufnimmt.

Einem Bericht von Jens Herforth zufolge, hat Facebook alle Whatsapp-Gespräche aufgezeichnet. Facebook betont zwar, dass dies eine nichtöffentliche, interne Whatsapp-Version war, das zeigt aber auch, dass Facebook technisch vorbereitet ist.

Warum entsteht denn dann der Eindruck, dass Werbung sprachbasiert ist?

Viele kennen den Gedanken: Da habe ich doch eben erst drüber gesprochen. Warum kommt dann gleich die Werbung davon? Verrückt!

Zuvor wurde schon vom Verknüpfen „komplexer“ Daten gesprochen. In der Realität sind diese Daten noch viel komplexer, als es hier erklärt wurde. Seitdem Daten von einer Person mit denen einer weiteren verknüpft werden konnten, sind diese um ein Vielfaches interessanter geworden.

Facebook kann mittlerweile sehr gut selbstständig herausfinden, wo man wohnt, arbeitet oder wer Lebenspartner, Arbeitskollege oder Freund ist. Dies erfolgt einfach anhand von GPS-Daten und Uhrzeiten.

Wenn man sich (mit seinem Smartphone) beispielsweise montags bis freitags von 9:00 bis 18:00 Uhr sehr häufig an Position X befindet, so handelt es sich wahrscheinlich um die Arbeitsstelle. Wenn eine zweite Person auch sehr häufig zu diesen Zeiten an der Position X ist, handelt es sich wahrscheinlich um einen Arbeitskollegen. Entsprechend ist davon auszugehen, dass es sich beim Aufenthaltsort zwischen 20 und 8 Uhr um das jeweilige Zuhause handelt.

Entsprechend bekannt sind folgende Meldungen:

  • Google warnt morgens unaufgefordert vor einem Stau auf dem Weg zur Arbeit.
  • Google erinnert an den Flug, dessen Buchungsbestätigung an das Gmail-Konto ging.
  • Facebook macht Vorschläge zu Personen, die man kurz auf einer Veranstaltung getroffen hat.

Doch wie wird man einer Personengruppe zugeordnet?

Eine aktuell sehr beliebte Methode, die Effektivität von Werbeanzeigen zu erhöhen, ist das Nutzen von sogenannten Lookalike- oder Similar-Audiences. Das sind von Maschinen errechnete, statistische Zwillinge. Anhand von ein paar wenigen Rahmenbedingungen wird ein Muster erstellt. Wer diesem Muster entspricht, kommt automatisch in die potenzielle Zielgruppe. Es werden Tausende Datenpunkte verglichen, um ein Muster für mögliche statistische Zwillinge zu finden.

Wo geht die Datenreise noch hin?

Ein Blick in die Vergangenheit lässt erahnen, wo die Daten-Reise noch hingeht. Unternehmen wie Google, Facebook und Amazon haben das Geschäft mit den Daten verstanden und experimentieren in Bereichen abseits ihres Kerngeschäfts, um einen noch tieferen Einblick in das Leben der Nutzer zu bekommen.

Denn Google Maps ist zwar kostenfrei, aber der Preis ist die Standort-Historie. Facebook hat Whatsapp gekauft und möchte demnächst, ähnlich wie Netflix, eigene Serien produzieren. Zudem treibt der Konzern mit dem Project Oculus Rift das Nutzen von Virtual Reality stark voran. Google hat das Android-Betriebssystem in den eigenen Händen und bringt regelmäßig eigene Smartphones auf den Markt. Außerdem investiert es in die Entwicklung selbstfahrender Autos und forscht an neuen Medizin-Technologien. Werbetreibende dürfen also gespannt bleiben, welche Möglichkeiten sich in den nächsten Jahren ergeben.

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Eine Reaktion

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.

Jetzt anmelden

Finde einen Job, den du liebst