Kommentar

Der Marktplatz, der Amazon tatsächlich gefährlich werden kann

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Aktuell besteht der Prozess, einen neuen Händler in den Marktplatz zu schalten, noch aus viel händischer Arbeit und Excel-Tabellen. Doch zum Ende des Jahres ist Ottos Software-Infrastruktur für den Marktplatz einsatzbereit. Dieses hochautomatisierte Backend wird es Otto ermöglichen, deutlich schneller Händler auf den Marktplatz zu bringen – vermutlich mit viel Luft nach oben. Die Grundlage für eine Skalierung des Marktplatzes ist also geschaffen.

Die Logistikinfrastruktur wird bereit gemacht für schnelles Wachstum

Die Öffnung von Hermes für Investoren zeigt, dass Otto Hermes ausbauen will und ein mögliches Wachstum von Hermes auch durch die Abgabe von Anteilen akzeptiert. Zusätzlich ist Otto dabei, das Fulfilment für fremde Unternehmen bei Hermes langsam ausschleichen zu lassen. Otto sichert sich so voraussichtlich Kapazitäten für Marktplatz-Partner. Aber Hermes ist nicht alles, im Logistikfeld kommt mit dem Zukauf Liefery noch ein Spezialist für Same-Day-Zustellungen in urbanen Räumen und mit On-Demand Commerce (ODC) eine neue Fulfilment-Plattform hinzu. Die Logistiksparte der Otto Group ist damit mindestens in der Lage, sich auf ein kommendes Wachstum des Otto-Marktplatzes vorzubereiten.

Das Händler-Frontend für die Logistikplattform erlaubt Händlern das Management ihrer Fulfilment-Dienste. Die ODC-Plattform ist eine Art AWS fürs Fulfilment – die Pläne des Dienstes reichen dabei bis zum Management von Micro-Depots in Innenstädten. (Screenshot: ODC)

Wieso Otto zu Amazon aufschließen könnte

Otto ist also technologisch in einer guten Startposition, um als Marktplatz zu einer echten Konkurrenz für Amazon zu werden. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem Amazon sich in seinem Handelsbereich im Umbruch befindet. Es wird immer deutlicher, dass Amazon sein Geld zukünftig eher mit seinen Händlern verdient. Noch sind die Erträge nicht sichtbar, weil die Bilanz die Punkte Seller Services, Amazon Advertising und Fulfilment by Amazon (FBA) verschleiert. Aber das Wachstum der jeweiligen Bilanzpositionen spricht eine deutliche Sprache. Und hier eröffnet sich eine Chance für Otto.

Starkes Wachstum im Produktkatalog zu erwarten

Um zu Amazon aufzuschließen, muss Otto sein Marktplatzwachstum ankurbeln. Dazu müssen mehr Händler in Ottos Marktplatz integriert werden. Für viele Händler war der Einstieg bisher zu komplex und langwierig. Für Otto war vermutlich händisch nicht mehr drin, als die 400 Händler im vergangenen Jahr. Die Infrastruktur ist bereit, jetzt muss nur noch ein Schub Händler kommen. Die 3.000, die Otto sich bis 2020 vorgenommen hat, wird das Unternehmen schaffen. Aber was kommt danach? Danach kommen unzufriedene Händler, die bisher nur oder vorwiegend bei Amazon handeln. Und listen ihre Sortimente bei Otto.

Was Amazon übersieht: Händler werden wichtiger als Kunden

Der Umbruch im Handelsbereich von Amazon hat zur Folge, dass aus Ertragssicht und aus Umsatzsicht, Händler für Amazon extrem wichtig werden, irgendwann werden sie sogar wichtiger als der Kunde sein – wenn Amazons Marktplatzanteil weiter steigt. Und da kommt ein Problem auf Amazon zu. Die offizielle Argumentation seitens Amazon lautet: „Wir sind kundenzentriert. Unsere Händler sind auch unsere Kunden. Deshalb haben wir auch das Wohl unserer Händler im Sinn.“

Jein.

Amazon ist sich der Wichtigkeit seiner Händler schon bewusst und auch bereit, Probleme anzugehen und zu beheben. Aber die implizite Behauptung, der Händler wäre ebenso wichtig wie der Kunde, ist schlichtweg ein Lippenbekenntnis. Vielleicht ein gut gemeintes, aber das hilft auch nichts. Amazons Infrastruktur ist schlichtweg auf den Endkunden im Zentrum ausgelegt, nicht auf den Händler. Händler, die unberechtigte Rezensionen löschen lassen, sich gegen unberechtigte Kundenreklamationen wehren, in irgendeinem hochautomatischen Amazon-Prozess festhängen, wissen ein Lied davon zu singen. Ganz zu schweigen von Händlern, die von kriminellen Händlerkollegen unter Missbrauch von Amazons Regelwerk drangsaliert und an den Rande des Wahnsinns getrieben werden.

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2 Kommentare
Tobi
Tobi

Krass, was für ein Artikel.
Kaufe seit über 4 Jahren bei Amazon jegliche Artikel, bis auf Petersilie etc. Bin super glücklich. Sollte ich mit einer Ware nicht einverstanden sein, entweder bekomme ich mein Geld ohne das Produkt zurücksenden zu müssen oder ich sende es zurück und bekomme den Betrag innerhalb von 24 Stunden ersetzt.
Jetzt Otto Bestellanruf:
Guten Tag! Ich möchte einen Artikel bestellen.
Geht nicht, nur Nachnahme.
Warum?
Sie haben bei uns einen Negativ Vermerk.
Was soll das sein bitte?
Dürfen wir Ihnen nicht sagen.
OK. Senden Sie es mir per Nachnahme.——————————
Anschließend defekte Ware erhalten, reklamiert und zurück versandt. Auf die Gutschrift habe ich 5 Wochen gewartet und das mir 3 Beschwerdemails. Otto braucht noch 20 Jahre um da hinzukommen.

Antworten
Michael
Michael

Ich bin seit über 10 jahren Amazon-Kunde, aber in letzter Zeit zunehmend unzufrieden. Lieferzeit, Qualität, Verpackung- alles wird schlechter. So wie mir geht es vielen Kunden, ohne Prime ist man (gefühlt) gar nichts mehr wert, mit Prime ist der Service jetzt schlechter als vor 5 jahren noch ohne. Wenn Otto es dann schafft, sein Sortiment auch nur ansatzweise in die Richtung zu bringen und sich im Kundendienst keine groben Schnitzer (wie im vorigen Kommentar) leistet, wird das eine ernste Konkurrenz. Mich würde das freuen.

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