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Interview

Paymill-Insolvenz: Gründer Mark Henkel im Interview zur Zukunft des Dienstes und der deutschen Startup-Kultur

(Foto: Paymill)

Der Payment-Dienstleister Paymill ist insolvent, das Rocket-Internet-Startup sucht einen Käufer. Wir haben mit Co-Founder und Geschäftsführer Mark Henkel über die Gründe des Scheiterns gesprochen.

Das Rocket-Internet-Startup Paymill ist insolvent und auf der Suche nach einem Käufer. Im Gespräch mit t3n äußert sich Co-Founder und Geschäftsführer Mark Henkel zu den Gründen des Scheiterns, zu Paymills Zukunftsplänen und zur Kultur des Scheiterns in der deutschen Startup-Szene.

(Foto: Paymill)
Noch geht beim Startup Paymill nicht das Licht aus, im Rahmen des Insolvenzverfahrens wird noch ein Käufer gesucht. (Foto: Paymill)

Mark Henkel im Interview: Sind die Partner Schuld an der Misere?

(Foto: Mark Henkel)
(Foto: Mark Henkel)

t3n.de: Im Gespräch mit Gründerszene sagtest du, das Wachstum von Paymill sei limitiert gewesen durch die Tatsache, dass ihr strategische Partner benötigt habt. Also sind die Partner Schuld an der Misere?

Mark Henkel: Ich will hier, und das ist eigentlich am wichtigsten klarzustellen, niemandem die Schuld geben. Ich schiebe den Schwarzen Peter nicht irgendwie einer BaFin oder irgendwelchen Partnern zu. Wenn ein Unternehmen in eine Schieflage gerät, dann ist das immer eine Summe von Faktoren und nicht die Schuld eines Einzelnen. Aber wir haben da, sagen wir mal, rechtzeitig die notwendigen Schritte eingeleitet.

t3n.de: Über welche strategischen Partner sprechen wir eigentlich und wozu habt ihr diese benötigt?

Henkel: Über Acquiring-Banken. Man muss als Zahlungsdienstleister denjenigen, an den man auszahlt oder mit dem man zusammenarbeitet, identifizieren mit dem sogenannten Know-Your-Customer-Prozess. Vor dem „Onboarding“ muss sichergestellt sein, dass der Kunde wirklich den Onlineshop betreibt, dass es keine verdeckte Geldwäsche ist und so weiter. Und das darf man eigentlich nur, wenn man eine Lizenz für ein Zahlungsinstitut oder eine Banklizenz hat. Wir haben dafür also Partner benötigt.

t3n.de: Und wie hängt euer Wachstum mit den strategischen Partnern zusammen?

Henkel: Wir sind immer angetreten, dem kleinen Händler zu helfen. Natürlich haben wir auch gerne große Händler, aber wir wollen eigentlich ein Geschäft für die Masse machen. Für die Akzeptanz-Banken sind andersherum natürlich die großen Händler interessanter.

Durch Kapazitäten und Auswahlkriterien der Partner konnten wir teilweise nur wenige Hundert Händler aufschalten.

Wir haben teilweise bis zu 5.000 Registrierungen im Monat bekommen. Bedingt auch durch die Kapazitäten und Auswahlkriterien unserer Partner, konnten wir teilweise nur wenige Hundert Händler aufschalten in einem Monat. Wenn wir das selber gemacht hätten, dann hätten wir die Prozesse in der Hand gehabt und hätten entscheiden können, wen und wie viele von den 5.000 Händlern wir aufschalten.

t3n.de: Wie sah denn der ursprüngliche Plan genau aus?

Henkel: Als wir 2012 gegründet haben, hatten wir uns eher an amerikanischen Geschäftsmodellen orientiert, bei denen man, je nach Umsatzvolumen, relativ schnell Kunden aufschalten kann. Und erst wenn diese Umsatzgröße irgendwann überschritten wird, dann müssen Kunden besonders geprüft werden. Solch eine Schwelle hätten wir eigentlich gerne eingebaut. Das geht aber nach europäischem Recht nicht. Folglich müssen für alle Kunden, unabhängig von Industrie, Größe und Firmenhistorie die gleichen Kriterien geprüft werden.

Aber so limitiert sich das Wachstum. Schon 2012 wussten wir, dass wir ohne eigene Lizenz, also ohne eine Erweiterung der Wertschöpfungskette, nicht so weit kommen werden.

t3n.de: Wie hätte euch die Erweiterung der Wertschöpfungskette denn Umsatz in die Kassen gespült?

Unsere Marge hätten wir auf einen Schlag verdoppeln können.

Henkel: Mit der Lizenz kannst du den Geldfluss auch in die Hand nehmen. Die ganzen Prüfungen im Rahmen des Onboardings und das Risikomanagement haben für uns die Acquiring-Banken übernommen, was natürlich eine bezahlte Leistung ist. Unsere Marge vom Umsatz der Händler hätten wir mit einer eigengesteuerten Abwicklung auf einen Schlag verdoppeln können.

t3n.de: Das bringt doch auch Aufwand und Kosten mit sich?

Henkel: Das kannst du aber skalieren und die Leute hatten wir schon an Bord, weil wir frühzeitig Know-how aufgebaut haben, um flexibel agieren zu können und diese Ressourcen auch in anderen Bereich heute schon nutzen können, wie zum Beispiel Betrugs-Analysen und -Management für unsere Kunden. Dadurch, dass wir so weitaus besser skalieren hätten können, hätten wir die Marge nicht zwischen uns und den Partnern aufteilen müssen.

t3n.de: Wenn ihr das schon so früh gewusst habt, wieso habt ihr nicht gleich eine Lizenz beantragt?

Henkel: Wir haben schon 2013 die Lizenz beantragt, aber das hat sich leider sehr lang hingezogen und war auch nicht besonders aussichtsreich, so dass wir das 2015 abgebrochen haben. Dann haben wir nach strategischen Partnern oder potenziellen Käufern gesucht, die diese Lizenz haben und praktisch enger mit uns zusammenarbeiten.

Für die BaFin war unser Business-Modell eher unüblich.

t3n.de: Woran ist denn eure Lizenz gescheitert?

Henkel: Die BaFin ist Aufsichtsbehörde mit dem Ziel, den Anleger beziehungsweise in unserem Fall Verbraucher zu schützen,  und als diese versuche ich, Schaden von ihm fernzuhalten und bin bestrebt, Projekte und Anträge nur durchzulassen, wenn ich hundertprozentig sicher bin und hundertprozentig verstanden habe, wie es funktioniert und auch langfristig weiß, dass das hundertprozentig so bleibt.

Für die BaFin war unser Business-Modell allerdings eher unüblich und daher die Risiken aus ihrer Sicht schwerer einzuschätzen. Das war sicherlich ein Punkt.

Und das zweite ist, dass wir als Institution Venture-Capital finanziert waren, was zudem nicht förderlich war. Weil das ein zusätzlicher Risikofaktor sein kann. Banken sind meist durch Eigenkapital finanziert und wir sind finanziert über Milestones, wenn der Milestone und der Milestone erreicht ist, dann gibt es weiteres Geld.

t3n.de: Hättet ihr das Problem mit der Lizenz noch anders lösen können?

Henkel: Es gibt Leute, die haben sich ihre Lizenz in Luxemburg geholt, andere in Großbritannien. Dafür gibt es vielleicht Gründe. Ich bin ein großer, fester Freund des Standorts Deutschland. Ich bin hier zur Schule gegangen, ich habe hier meine ersten Berufe ausgeübt und daran will ich festhalten. Vielleicht gibt es in anderen Ländern bessere Möglichkeiten, aber dazu habe ich keine Erfahrungswerte.

t3n.de: Nochmal zurück zum Thema strategische Partnerschaft: Habt ihr zu spät nach einem Käufer gesucht?

Henkel: Die Schritte, die wir letztes Jahr eingeleitet haben, um mit jemanden zusammenzugehen, waren nicht zu spät, aber waren leider nicht von Erfolg gekrönt. Die Verhandlungen waren bis zu einem Notartermin fortgeschritten, erst kurz vorher wurden wir enttäuscht, weil unser Partner abgesprungen ist.

t3n.de: Kannst du etwas dazu sagen, wieso euer Käufer abgesprungen ist?

Henkel: Dazu darf ich leider nichts sagen.

t3n.de: Ihr steht im Rahmen des Insolvenzverfahrens jetzt quasi vor dem Verkauf oder strebt diesen zumindest an. Gibt es schon konkrete Gespräche?

Henkel: Die führen wir seit sechs Monaten, wir streben weiterhin eine strategische Partnerschaft an.  Zurzeit führen wir schon einige konkrete und interessante Gespräche. Vor diesem Hintergrund bin ich sehr zuversichtlich. Die positive Resonanz im Markt, war auch ein Grund dafür, dass die Investoren gesagt haben, dass sie jetzt nicht weiter Geld in uns investieren, wenn wir wissen, dass schon andere Personen Interesse gezeigt haben.

Wir haben diesen Schritt auch gewählt, um uns ein wenig Zeit zu erkaufen. Durch die Eigenverwaltung haben wir jetzt die Möglichkeit, die Gespräche zu Ende zu führen. Wir haben mit allen Großkunden gesprochen und die sind auch froh, wenn es weitergeht, weil sie mit Paymill sehr zufrieden sind.

Wir haben hier keinen Kunden, der irgendwie schon Farbbomben an unser Gebäude geschmissen hätte.

t3n.de: Klingt nach unangenehmen Gesprächen.

Henkel: Natürlich macht man so etwas nicht jeden Tag. Es ist zwar keine schöne Situation, aber es gibt wirklich Leute, die einem da helfen. Und die Situation ist überhaupt nicht ausweglos. Natürlich, wenn man in diesen Antrag geht, denkt man erst mal, die Welt bricht zusammen, aber so gibt es eben die Riesenchance, uns die Unternehmenswerte und die Mitarbeiter zu erhalten.

Was mich total überrascht hat und was mich wirklich freut, ist das Mitgefühl aus der Gründerszene, die alle mitmachen und sagen „Hey, das kann mal passieren, wir unterstützen euch weiter.“ Wir haben hier keinen Kunden, der irgendwie schon Farbbomben an unser Gebäude geschmissen hätte. Eigentlich ist in dieser dunklen Wolke gerade sehr viel Sonnenschein.

t3n.de: Das klingt, als würdest du der deutschen Startup-Szene eine Kultur des Scheiterns attestieren – im Gegensatz zu allgemeinen deutschen Kultur?

Es ist schön, dass zwischen Mittelstand und Startup-Kultur Unterschiede bestehen.

Henkel: Genau, so empfinde ich das. Wagnis und Innovation können nicht existieren, ohne jemandem auch die Möglichkeit des Scheiterns zu lassen. Wir hätten in Deutschland keine Gründer hervorgebracht oder auch keine Innovation, wenn wir nicht auch Leute gehabt hätten, die vielleicht nicht in den Geschichtsbüchern stehen – die gescheitert sind. Das sieht man hier in der Gründerszene, die, glaube ich, seit fünf, sechs Jahren ziemlich stark angeheizt wurde, dass die jetzt auch zusammenstehen und sagen „Hey, das ist kein Ding, weitermachen.“ Ich glaube, das ist ein bisschen anders, als der deutsche Mittelstand und das ist ganz schön, dass da Unterschiede existieren.

t3n.de: Das war ein schönes Schlusswort. Vielen Dank für das Gespräch.

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4 Reaktionen
goll

Wir betreiben zwei kleiner online-Shops und nutzen die Paymill-Services. Im Vergleich zu anderen Dienstleistern ist uns vor allem der Paymill-Support positiv aufgefallen. Wir haben ohne Ausnahme immer schnell, freundlich und hilfreiche Antworten erhalten.
Wenn ich jedoch den Supportaufwand, den Paymill mit uns hatte in Relation setze zu dem was Paymill bisher an uns verdient hat dann wundert es mich nicht, dass die Rechnung am Schluss nicht aufgeht.
Ich würde mich freuen, wenn es mit Paymill weitergeht. Wir waren immer sehr zufrieden.

Rene

Ich hatte Paymill immer gerne genutzt. Vor allem aufgrund der deutschen Ansprechpartner und dem Vertrauen in "Made in Germany" bis zu dem Zeitpunkt als die Defizite gegenüber dem US Platzhirschen Stripe immer grösser wurden. Paymill war wirklich vielversprechend und auch der Auftritt nach Aussen hin war sehr professionell. Es ist schade, dass das EU Recht mal wieder einer vielversprechenden IT basierten Unternehmensgründung die Beine gestellt hat. Wenn die EU noch mehr Restriktionen einführt werde ich zwangsläufig in die US ziehen um mit meinem Geschäft nicht in die gleichen Mühlen zu geraten.

Ribert

So wie ich das lese war der Fehler, dass man sich zu sehr auf den Standort Deutschland konzentriert hat.
>Es gibt Leute, die haben sich ihre Lizenz in Luxemburg geholt, andere in Großbritannien. Dafür gibt es vielleicht Gründe. Ich bin ein großer, fester Freund des Standorts Deutschland. Ich bin hier zur Schule gegangen, ich habe hier meine ersten Berufe ausgeübt und daran will ich festhalten.

Das ist der Fehler gewesen, ein unverständlicher noch dazu.

Philipp Blum

Kann mir mal einer erklaeren, wie ein Payment Provider insolvent gehen kann? Man entwickelt einmal eine Anbindung an ein paar Payment-Dienste/Bank-Systeme und kassiert 30 Cent pro Transaktion, von denen 20 Cent Marge sind.

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