Analyse

So politisch ist Tiktok

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Es scheint daher durchaus denkbar, Tiktok-Nutzer könnten dafür gesorgt haben, dass Trumps Wahlkampfauftritt in Tulsa zu einem peinlichen Event für den Präsidenten wurde. Es heißt, Fans koreanischer Popmusik, kurz K-Pop, hätten auf Tiktok dazu aufgerufen, Tickets für das Wahlkampfevent zu reservieren – und am Ende nicht hinzugehen. Trumps Wahlkampfmanager Brad Parscale hatte auf Twitter freudig verkündet, dass über eine Million Tickets für den Auftritt reserviert worden seien – am Ende sprach Trump allerdings vor halbleeren Rängen. Lediglich rund 6.200 Besucher sollen schließlich vor Ort gewesen sein.

Junge Menschen outen sich auf Tiktok

Doch nicht nur Debatten um den Präsidentschaftswahlkampf der Vereinigten Staaten werden über Tiktok ausgetragen. Auch im Trend: der Hashtag #ImComingOut. Ganze 59,5 Millionen Nutzer haben einen Beitrag zu dieser Markierung gepostet, um sich als queer zu outen. In Anbetracht internationaler Entwicklungen kann auch das als politisches Statement gewertet werden. Aktuell ist Polen in der Kritik, LGBT-freie Zonen eingerichtet zu haben, und auch in Russland gehören Hass und Hetze gegen Homosexuelle vielerorts zum Alltag. Ganz zu schweigen davon, dass auch in Deutschland und anderen westlichen Staaten Diskriminierung von queeren Menschen nach wie vor weit verbreitet ist.

Dass fast alle Tiktok-Nutzer auf die ein oder andere Art politisch agieren, lässt sich so pauschal allerdings nicht sagen. Konkrete Zahlen dazu, wie viel des Contents auf Tiktok als politisch gewertet werden kann, gibt es nämlich nicht. Auf Anfrage von t3n gibt Tiktok bekannt, dass generell nicht getrackt würde, wie viele politische Inhalte über das Netzwerk ausgespielt werden. Zwar gebe es Daten dazu, welche Hashtags gerade im Trend liegen – die auch für den Nutzer einsehbar sind –, was davon aber politische Meinung beinhaltet, wird nicht überwacht.

Der Top-Hashtag ist aktuell #blacklivesmatter. Das bestätigte Tiktok auf Nachfrage. Ganze 13,3 Milliarden Mal wurden Videos zur #Blacklivesmatter-Bewegung angeschaut. Damit sind Videos zur Rassismus-Debatte die am häufigsten geschauten Clips überhaupt in der App.

Tiktok-CEO bezieht Stellung

Seit Anfang Juni ist Kevin Mayer neuer CEO von Tiktok und ebenfalls Leiter des operativen Geschäfts des Mutterkonzerns Bytedance. An seinem ersten Arbeitstag soll er verkündet haben: „Niemals zuvor war es wichtiger, Schwarze Mitarbeiter*innen, Nutzer*innen, Creator*innen, Künstler*innen und unsere gesamte Community zu unterstützen. Ich bitte unsere Community, uns für alle Maßnahmen, die wir in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren ergreifen, zur Verantwortung zu ziehen.“ Das Unternehmen selbst positionierte sich damit klar in der politisch brisanten Rassismus-Debatte. Was naheliegend klingt, ist dennoch verwunderlich. Immerhin tun sich die Konkurrenten von Tiktok, vor allem Facebook, zumeist schwer damit, in politischen Debatten eine klare Haltung anzunehmen.

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3 Kommentare
kantenhuber
kantenhuber

Facebook? Das ist doch was für alte rechte Krawallniks. Oder so.

Dass TikTok ursächlich anders gedacht war, darf man annehmen. Die chinesische Nomenklatur ist restlos kontrollmanisch und genau auf dem Pfad bewegen sich alle chinesischen Unternehmen.

Das liegt aber zu 100% entgegen der international üblichen machbaren Linie. Weltweit betrachtet interessiert ein Milliardenpublikum garantiert niemanden die speziellen Karotten einiger weniger chinesischer Politiker.

Womit schon relativ klar definiert ist, wie chinesische Unternehmen überhaupt erfolgreich sein können: indem sie dien speziellen Eigenheiten des Heimatmarktes möglichst weit außen vorhalten. Und das tun die dann auch.

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Martin Dewald
Martin Dewald

Finden sie? Ich denke schon, dass der chinesische Staat Einfluss darauf nimmt, denn nicht ohne Grund hat dieser einen gewissen Anteil am Unternehmen und setzt rigide Richtlinien auch in Deutschland-Berlin durch. Nur durch die Veröffentlichung solcher Dokumente wurde in der Vergangenheit bekannt, dass die Sichtbarkeit von Videos, die Homosexualität dort thematisieren, von Mitarbeitern aktiv verringert wurde.

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Kantenhuber
Kantenhuber

Die Betonung liegt auf „Vergangenheit“. Die Chinesen lernen schnell, anders als das bei den westlichen Pendants so erscheint.

Aber grundsätzlich darf man nicht naiv sein. Die chinesische Führung setzt seit einiger Zeit nicht nur auf Dominanz in der Pazifik-Region, sondern vor allem auf weltweite Führerschaft. Und greift dabei selbstverständlich auf das Vorbild USA zurück, auch wenn es in Bezug auf die volkswirtschaftlichen Bedingungen noch nicht ganz reicht, die USA ernsthaft einzuholen. Unter der Voraussetzung, dass sich die mit Trump an die Regierung der USA gelangten Kräfte weiter durchsetzen können, wird das aber eher ein Nahziel sein und weniger eine Perspektive für die Zukunft.

Aber rein grundsätzlich gilt, wenn sich chinesische Unternehmen, vor allem aus der Hightec-Branche vor allem im noch immer weitgehend überdimensionalen Konsumentenmarkt des Westens durchsetzen wollen, müssen sie vor allem die auf dem heimischen Markt üblichen Marotten komplett zumindest verstecken. D. h. ja noch nicht, dass dann Kontrolle auf anderem Wege statt findet.

Bedeutet aber doch durchwegs, dass sich auch Themen der Nutzer durchsetzen, die so bestimmt ursächlich nicht gewollt und gedacht waren. Aber das kann man ja schon mal begrüßen und nur so ist Wandel möglich. Ungewollt, aber letztendlich konsequent.

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