Anzeige
Anzeige
MIT Technology Review Feature

Renaturierung am Oder-Delta: Wie Naturschutz ohne Zäune gelingen kann

Die Umweltminister:innen der EU haben das umstrittene Renaturierungsgesetz beschlossen. Am Oder-Delta an der deutsch-polnischen Grenze ist man bereits weiter: Im einzigen deutschen Rewilding-Gebiet lässt man die Natur einfach mal machen. Ein Besuch.

Von Jo. Schilling
14 Min.
Artikel merken
Anzeige
Anzeige
Für die einen ist diese winzige Insel in der Uecker nur ein Stück unbrauchbares Land. Für ROD ist sie ein Startpunkt für mehr Wildheit zwischen den Deichen. (Bild: Florian Möllers / Rewilding Europe)

„Ich glaube, wir müssen hier durch“, übernimmt Peter Torkler die Führung der kleinen Gruppe in das Unterholz auf dem Truppenübungsplatz Jägerbrück. Sie sind zu viert – zwei Mitarbeiter der zuständigen Wasserschutzbehörde, ein Planer mit GPS-Vermessungsgerät in der Hand und Peter Torkler – einer der zwei Geschäftsführer von Rewilding Oder Delta (ROD). Einer der Männer prüft mit grimmigem Gesicht die langen Grashalme im Unterholz des Waldes und schimpft auf die Zecken. Torkler schimpft nicht, er steckt sich die Hosenbeine in die Socken.

Anzeige
Anzeige

Die Autos parken am Rand des holperigen Waldweges. Unmittelbar daneben geht es ein, zwei Meter tief runter in ein trübes, unscheinbares Wasserloch, das ins Unterholz ausläuft. Dieses Wasser ist der Grund für die Waldbegehung. Es ist der Überrest eines Baches, der sich früher durch den Wald geschlängelt hat. Vor vielen Jahren – niemand weiß mehr, wann und weshalb – ist er auf 600 Metern Länge in Betonrohre im Untergrund eingesperrt worden.

Dieser Text ist zuerst in der Ausgabe 5/2022 von MIT Technology Review erschienen. Darin beschäftigen wir uns mit Biodiversität. Hier könnt ihr die TR 5/2022 bestellen.

Die Wasserschutzbehörde überwacht sämtliche Gewässer ihres Zuständigkeitsbereichs – auch diesen kleinen Bach – und ist mit den biologischen Kennzahlen des Wassers nicht zufrieden. Er müsste aus seinem Betonrohr befreit und renaturiert werden, um sich zu regenerieren – nur hat die Behörde auf absehbare Zeit keine Mittel dafür. Rewilding Oder Delta hat sie. Im vergangenen Jahr ist dem Verein ein Scheck über eine Million Euro von der Deutschen Postcode-Lotterie überreicht worden: Der Traumtaler, den ROD für den Schutz und die Wiederherstellung einzigartiger naturnaher Lebensräume verwenden soll.

Anzeige
Anzeige
Rewilding hat sich zu einem Modebegriff entwickelt, der den Nerv der klimagebeutelten und an Biodiversität verarmenden Welt trifft. Einheitlich definiert ist der Begriff jedoch nicht: Rewilding kann im Garten stattfinden, wenn der Rasen nicht mehr gemäht und Äste und Steine zu Haufen aufgeschichtet werden. Rewilding kann der Pleistozän-Park in Sibirien sein, in dem Nikita und Sergey Zimov versuchen, die Arktis wieder in eine Steppe zu verwandeln, indem sie mit Megaherbivoren die Verbuschung zurückdrängen und den Boden verdichten wollen. Dafür haben sie in einem geschlossenen Gebiet eine bunte Mischung aus Tieren angesiedelt – Kamele, Bisons, Moschusochsen, Rinder, Rentiere, Elche, Ziegen, Pferde, Schafe, Yaks und Wisente – in der Hoffnung, das Klimagas Methan im arktischen Boden zu halten.
Peter Torkler in der Natur

Peter Torkler betreut Rewilding Oder Delta vor allem auf der polnischen Seite des Gebiets. (Bild: Brais Palmás / The Rewilders)

Häufig wird Rewilding mit dem Einführen großer Pflanzenfresser in Gebiete verknüpft, wie etwa im niederländischen Oostervarderplassen, das 2018 zu trauriger Berühmtheit gelangt ist, als in dem eingezäunten Areal in dem harten Winter gut sichtbar massenhaft Tiere verendet sind. Das hat für Unmut in der Bevölkerung gesorgt und die Rewilding-Idee viel Akzeptanz in der Region gekostet.

Das Gebiet, in dem ROD die Wildnis voranbringen möchte, ist ein Mix aus traditionellen Schutzgebieten und ungeschützter, dünn besiedelter Kulturlandschaft. Es ist das einzige Rewilding-Projekt in Deutschland unter dem Dach von Rewilding Europe. Die Organisation vereint derzeit neun Rewilding-Gebiete in ganz Europa. Die Idee ist, der Natur in möglichst großen zusammenhängenden Landschaftskomplexen Raum für Wildheit zu geben.

Anzeige
Anzeige
Fast fertig!

Bitte klicke auf den Link in der Bestätigungsmail, um deine Anmeldung abzuschließen.

Du willst noch weitere Infos zum Newsletter? Jetzt mehr erfahren

Anzeige
Anzeige
Kommentare (1)

Community-Richtlinien

Julia Nikolaeva

Das ist ein tolles Projekt, da würde ich gerne unterstützen.

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus!
Hallo und herzlich willkommen bei t3n!

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team von mehr als 75 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Schon jetzt und im Namen der gesamten t3n-Crew: vielen Dank für deine Unterstützung! 🙌

Deine t3n-Crew

Anleitung zur Deaktivierung
Artikel merken

Bitte melde dich an, um diesen Artikel in deiner persönlichen Merkliste auf t3n zu speichern.

Jetzt registrieren und merken

Du hast schon einen t3n-Account? Hier anmelden

oder
Auf Mastodon teilen

Gib die URL deiner Mastodon-Instanz ein, um den Artikel zu teilen.

Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

Kommentar abgeben

Melde dich an, um Kommentare schreiben und mit anderen Leser:innen und unseren Autor:innen diskutieren zu können.

Anmelden und kommentieren

Du hast noch keinen t3n-Account? Hier registrieren

Anzeige
Anzeige