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Startups

Researchgate-Gründer: „Die Gier nach schnellem Erfolg macht Berlin krank!“

Researchgate-Gründer Ijad Madisch. (Foto: © Researchgate)

Sechs Jahre nach der Gründung gehört Researchgate zu den erfolgreichsten Startups in Berlin. Im Gespräch mit t3n erklärt Gründer Ijad Madisch das Erfolgsrezept, den millionenschweren Coup mit Bill Gates und das Puzzleteil, das Berlin für das nächste große Ding wirklich fehlt.

Researchgate: „50 Prozent aller Wissenschaftler sind drin“

Wenn es in der Berliner Startup-Szene überhaupt so etwas wie eine Galionsfigur geben sollte, würde sie Kapuzenpulli, Sneaker und häufig noch eine graue Wollmütze tragen. Beim hy! Summit in Berlin ist genau das der Fall – nur die Mütze hat Ijad Madisch, Gründer und CEO von Researchgate, ausnahmsweise Zuhause gelassen: „Zu warm heute!“, sagt Madisch und lacht.

Ijad Madisch ist Gründer und CEO von Researchgate und mit seinem Startup praktisch ein Wegbereiter der Berliner Startup-Szene. (Foto: © Christoph Heinrich)
Ijad Madisch ist Gründer und CEO von Researchgate und mit seinem Startup praktisch ein Wegbereiter der Berliner Startup-Szene. (Foto: © Christoph Heinrich)

Zum Lachen hat der „Posterboy der Berliner-Startup-Szene“, wie man ihn in Medienkreisen gerne nennt, auch allen Grund. Gerade erst hat Researchgate eine magische Marke durchbrochen: Vier Millionen Mitglieder zählt das „Facebook der Wissenschaft“ inzwischen. Hier werden Experimente geteilt, diskutiert und auf den Prüfstand gestellt – jede Woche kommen mehrere 10.000 neue Mitglieder und zwei Millionen wissenschaftliche Versuche hinzu.

Ein beachtlicher Wert, gibt es nach Angaben der Unesco doch gerade einmal acht Millionen Wissenschaftler auf der Welt. „Es klingt verrückt, aber wir erreichen wirklich 50 Prozent aller Forscher“, betont Madisch, der Researchgate im Jahr 2008 als frisch promovierter Arzt gegründet hat. Sechs Jahre später ist das Berliner Startup erwachsen geworden, und eines der wohl erfolgreichsten und vielversprechendsten Jungunternehmen in der Bundeshauptstadt. Und: Madisch gibt sich und seinem Erfolg Recht. Rückblickend sei Researchgate definitiv zu dem geworden, was er sich immer erträumt habe: „Ein Ort, wo Forschung endlich offen, schnell und ehrlich ist.“

Bill Gates auf einem MacBook überzeugt

Mit einem beachtlichen Wachstum und einer echten Vision konnte Researchgate auch Bill Gates von einem Investment überzeugen. (Screenshot: Researchgate)
Mit einem beachtlichen Wachstum und einer echten Vision konnte Researchgate auch Bill Gates von einem Investment überzeugen. (Screenshot: Researchgate)

Schnelligkeit, Transparenz und Effizienz – Madisch setzt auf Prinzipien, die wohl auch seine prominente Investorenriege hat aufhorchen lassen. Leute wie der ehemalige Facebook-Vize Matt Cohler stehen dem Projekt ebenso finanziell zur Seite wie die berüchtigte „Paypal-Connection“ um Investor Peter Thiel. Vor allem aber ist Researchgate das wohl einzige Jungunternehmen in Berlin, das sich mit einem Schlüssel zum Geldkoffer von Bill Gates rühmen darf. Die Microsoft-Ikone investierte mit anderen Partnern 35 Millionen US-Dollar.

„Bill macht eigentlich keine Tech-Sachen, aber zeig' mal, was du hast.“

Ein Coup, für den Madisch trotz seiner betont lässigen, aber keinesfalls uncharismatischen Art viel Überzeugungsarbeit leisten und zuallererst bei Boris Nikolic – der „rechten Hand“ von Bill Gates – vorsprechen musste. Und die Vorzeichen standen denkbar schlecht. Schon beim ersten Handschlag habe Nikolic ihm deutlich zu verstehen gegeben, wie gering die Chancen auf ein Investment von Bill Gates seien: „Ich glaube nicht an dein Produkt und Bill macht eigentlich nicht so in Tech-Sachen, aber zeig’ mal, was du hast“, habe er Madisch mitgeteilt.

Hinter verschlossenen Türen muss der gebürtige Wolfsburger und Sohn syrischer Einwanderer dann zu Höchstform aufgelaufen sein. „Nach 20 Minuten hat er nervös auf seinem Smartphone herumgetippt und gemeint, ich müsse Bill treffen“, so Madisch. Eingetütet hat der 33-Jährige den Deal dann genau eine Woche später an einem „geheimen Ort“ in Frankreich. „Bill zu treffen war ein Traum, ihn auf meinem MacBook Air von Researchgate zu überzeugen noch viel mehr“, so Madisch und strahlt dabei wie ein Kind, das gerade einen 20er von der Oma für die Kirmes bekommen hat. Gates sei eben genau der richtige Mann, den man bei Researchgate in Berlin-Moabit für den nächsten Schritt brauche.

Berliner Wundernetzwerk gelingt unfreiwilliger Marketing-Stunt

Mit 35 Millionen US-Dollar in der Kasse hat das 120-köpfige Team hinter Researchgate heute viele Möglichkeiten. Und obwohl Madisch nach eigenen Angaben „nur von Quartal zu Quartal“ denkt und „Überraschungen“ nicht scheut, weiß er schon sehr genau, was er mit den Gates-Millionen anstellt. Zunächst soll in jedem Fall das Wachstum forciert, dann die interne Stellenbörse ausgebaut und bald auch ein Marktplatz für Laborutensilien als weiteres Monetarisierungsmodell in Angriff genommen werden.

Für eine Überraschung hat das Berliner Startup aber kürzlich erst gesorgt – und das in zweierlei Hinsicht. Weil findige Mitglieder auf Researchgate eine japanische Studie, nach der sich Stammzellen in einem einfachen Säurebad ohne Embryos züchten lassen sollen, erfolglos zu reproduzieren versuchten, entpuppte sich die vermeintliche Forschungssensation – die auch im renommierten Fachmagazin Nature veröffentlicht wurde – schnell als bizarrer Irrtum.

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Es war die Initialzündung für den Launch einer „Open Review“ getauften Funktion, mit der Wissenschaftler nach dem Willen von Madisch künftig ein „offenes, strukturiertes und transparentes Feedback“ zu Artikeln in Wissenschaftsmagazinen geben sollen. Was für Laien langweilig klingen mag, ist für Akademiker und damit die Zielgruppe des Startups hochspannend: Bis heute schieben sich Forscher ihre Repliken auf Experimente per se über Veröffentlichungen in Fachmagazinen zu. Ein mehrere Monate andauernder Vorgang. Eine Zeit, in der viele Forscher eine entsprechende Studie in Selbstversuchen oft schon längst widerlegen. Weil diesen Leuten aber das Forum fehlt, erfährt davon niemand. „Mit Open Review ermöglichen wir diesen Prozess jetzt in Echtzeit“, sagt Madisch. 500 solcher Reviews verzeichnet das Netzwerk nur eine Woche nach Veröffentlichung der Funktion. „Das wird ein echtes Herzstück von Researchgate.“

Researchgate-Exit? „Die Gier nach schnellem Erfolg macht Berlin krank!“

„Ein IPO ist immer eine Option …“

Angesichts dieser ganzen Erfolgshysterie muss sich Madisch schon die Frage gefallen lassen, wie ernst er es auch in Zukunft noch meint mit seinem Projekt. Die Fallhöhe ist auch bei ihm enorm, sprach der 33-jährige doch öffentlich schon davon, mit Researchgate nicht weniger als den Nobelpreis gewinnen zu wollen – doch die Entwicklung scheint diesem Ziel inzwischen vorauszueilen. Ein Börsengang? Ein Trade-Sale? So richtig Kasse machen? „Ein IPO ist ist immer eine Option“, beschwichtigt Madisch und schafft es doch, den just in diesem Moment aufkommenden Verdacht nach Bestrebungen in diese Richtung im Keim zu ersticken: „Aber die Gier nach schnellem Erfolg macht die Berliner Startup-Szene krank, da muss dringend ein Mentalitätswechsel her.“

Nein, sein Produkt nur wegen des Geldes aus der Hand zu geben, das sei nichts für Madisch. Lieber nimmt er sich ein Beispiel an Mark Zuckerberg, der sich im Jahr 2006 auch für eine Milliarde US-Dollar nicht von Yahoo hat zu einem Verkauf seiner Vision hinreissen lassen. „Vielleicht werden wir bald einfach profitabel und alles ist gut“, sagt Madisch. Und so soll auch Researchgate irgendwann zu dem werden, wonach die deutsche und internationale Gründerszene schon so lange sehnsüchtig sucht: dem nächsten großen Ding. Und ob Bill Gates damit dann irgendwann doch noch ein paar unverhoffte Millionen auf seinen 50 Milliarden US-Dollar schweren Geldkoffer draufpackt, sei dann ja auch irgendwie egal.

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