Analyse

Retourengesetz: Wie viele zurückgeschickte Waren wirklich zerstört werden

Weniger Retouren sind das erklärte Ziel. Doch ein Retourengesetz kann das nur schwer erreichen. (Foto: Shutterstock)

Die SPD und die Grünen machen sich für ein Retourengesetz stark, das Onlinehändler davon abhalten soll, Waren ohne Not zu zerstören. Doch tun sie das überhaupt in größerem Umfang?

Es war eine dieser Meldungen, die in der E-Commerce-Branche für einen Aufschrei sorgte: Die Grünen hatten im Juni ein Verbot des Retourenschredderns gefordert – eine Idee, die im Prinzip lobenswert, aber kaum durchzusetzen sein wird. Die SPD, federführend das Umweltministerium, hat nun einen Gesetzentwurf vorgeschlagen, der Onlinehändler immerhin dazu verpflichten soll, weniger umgetauschte Neuware zu vernichten.

Wie Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) gegenüber ARD Aktuell erklärt, wolle man die Händler dazu zwingen, dass Waren entweder gespendet oder weiterverkauft werden. Die Rede ist dabei von einer Obhutspflicht, woran auch immer man die festmachen will. Weniger zahnlos dürfte dagegen eine andere Maßnahme sein: Die Ministerin will sich dafür einsetzen, dass zurückgesandte Ware, die als Sachspende weitergegeben wird, umsatzsteuerfrei ist.

92 Prozent der Retouren werden erneut verkauft

Doch wie hoch ist überhaupt der Anteil der Waren, die in den Reißwolf oder in die Schrottpresse gelangen? Der Retourentacho der Universität Bamberg zeigt, dass das Problem, so sehr es im letztjährigen Sommerloch durch einzelne Medienberichte thematisiert wurde, weniger gravierend ist als beschrieben. Insgesamt fallen rund 3,9 Prozent der zurückgesandten Waren der Verschrottung anheim, gerade einmal 0,9 Prozent werden an gemeinnützige Organisationen gespendet, was wohl auch mit den strengen Umsatzsteuerregeln zu tun hat. Der Löwenanteil von 79 Prozent wird wiederum als A-Ware verkauft, 13 Prozent werden als B-Ware angeboten. Das ist in der Tat bemerkenswert und zeigt, dass nicht alle Händler so streng mit ihren Retouren umgehen wie Amazon, die sämtliche Rückläufer in die Warehouse Deals stellen. Insgesamt werden aber 92 Prozent der Waren weiterverkauft, was die Sinnhaftigkeit eines Gesetzes, das einmal mehr die Onlinehändler gängelt, in Zweifel zieht. Anders gesagt: Wenn Händler Ware nicht erneut verkaufen, hat das seinen Grund.

Dass sich die Zahl der Pakete, die die Deutschen zurückschicken bisher immer noch auf sehr hohem Level bewegt, hat auch mit dem Einkaufsverhalten zu tun – und damit, dass viele Händler auch die Kosten für die Rücksendung übernehmen, wenn der Warenwert über 40 Euro liegt. Zurückgeschickt wird jedes sechste Paket – unterm Strich 280 Millionen Pakete und 487 Millionen Artikel. Doch in der Praxis erklärt dieser Mittelwert nicht viel. Denn von 50 bis 60 Prozent Retourenquote berichten die Onlinehändler im Bereich Bekleidung und Schuhe – und viele Kunden bestellen hier gleich mehrere Modelle und Größen zur Ansicht, um sich für eine der Alternativen zu entscheiden. In jedem fünften Fall findet laut einer Statistik eine sogenannte Auswahlbestellung statt und in jeden zweiten Fall erklären Kunden, die Ware habe nicht ihren Erwartungen entsprochen, wenn sie diese retournieren.

Ein Retourengesetz löst das Problem nur unzureichend

Doch auch hier haben naturgemäß gerade die Händler ein gesteigertes Interesse, keine Pakete unnötig zum Kunden zu schicken, die sie dann ohnehin zurückbekommen. Denn das verursacht Kosten, die der Händler trägt und bindet Kapital für Ware, die unterwegs ist – und birgt im Fall der kurzen Saisonzeiten bei Bekleidung zusätzlich das Risiko, dass die Ware unverkäuflich wird. Hinzu kommt: Auch die Kunden tragen einen Teil der Schuld – denn sie erwarten, davon weiß auch der stationäre Handel ein Lied zu singen – dass eine Ware im besten Fall nicht einmal von einem anderen Kunden in die Hand oder in Augenschein genommen wurde.

Muss man also dem Handel die Wahl lassen, was er mit seinen Retouren anstellt? Nein, aber vernünftig wäre es, neben Anreizen durch die Möglichkeit, steuerneutral zu spenden, eher in Technologien zu investieren, die es dem Kunden einfacher machen, für ihn passende Ware zu bekommen. Amazon und Zalando tun dies bereits – und kleinere Versender werden dies in Zukunft auch müssen, wenn sie ihre Retourenquote senken wollen. Für den Kunden wäre es gerade bei Schuhen und Bekleidung schon ein echter Fortschritt, wenn die Zahl der unpassend geschnittenen Produkte geringer wäre oder der Kunde das bereits im Vorfeld erkennen könnte.

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