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Analyse

Robert Habeck macht Schluss bei Twitter und Facebook – aus den falschen Gründen

Grünen-Chef Robert Habeck. (Foto: Johannes Stein/dpa-Zentralbild/dpa)

Bye bye, Twitter und Facebook: Grünen-Chef Robert Habeck will nicht mehr bei Twitter und Facebook aktiv sein. Doch die Gründe dafür sind erstaunlich und teilweise falsch.

Robert Habeck zieht sich bei Twitter und Facebook zurück. Wie der Grünen-Chef unter anderem in seinem Blog mitteilt, gibt es dafür zwei Gründe: zum einen natürlich den Datenskandal, das Publikmachen von Chatverläufen in Social-Media-Netzen zwischen ihm und anderen Mitgliedern seiner Familie.

Politiker-Leak: Eingriff in die Privatsphäre von Habeck

Im Rahmen der Datenaffäre waren kurz vor Weihnachten unter anderem Chatverläufe zwischen ihm und seiner Frau Andrea Paluch in die Öffentlichkeit gelangt, in denen er unter anderem über Gespräche mit Angela Merkel berichtet und sich über seinen Parteifreund Cem Özdemir äußert. Auch zahlreiche private Einblicke gewährt der Chatverlauf und die sonstigen Dokumente – unter anderem in Rechnungen von Habecks Frau, die vor allem eins zeigen: Nicht alles ist so glamourös und dramatisch, wie man es sich bei Politikern vorstellt – aber all das ist schützenswert, sowohl bei Politikern und Semi-Prominenten wie den geleakten Youtube-Stars, Comedians und Moderatoren als auch bei Otto Normalbenutzer. Und: Viele der Datensätze ziehen nicht nur Privates der Geleakten selbst ans Licht, sondern schädigen auch Dritte, etwa jene, die durch Zufall ein bestimmtes Buch von dem Politiker gekauft haben und jetzt mich Buchtitel und voller Adresse in den Dokumenten auftauchen.

In diesem Zusammenhang hat es am Sonntag eine Hausdurchsuchung in Heilbronn gegeben – ein 19-Jähriger, der im Internet erklärt hatte, er habe mit Orbit, dem Initiator des Politiker-Hacks, Kontakt gehabt, wurde nach Medienberichten mehrere Stunden durch das Bundeskriminalamt befragt. Er hatte sich zuvor offenbar in sozialen Medien damit gebrüstet, er habe längerfristig Kontakt zu Orbit aka God gehabt – verständlich, dass das BKA dazu mehr wissen will. Doch der Befragte wiegelt ab: „Ich möchte klar darauf hinweisen, dass ich ausschließlich als Zeuge geführt werde“, erklärt der 19-Jährige auf Twitter.

Wie schwierig solche Daten zu entfernen sind, wenn sie erst einmal in die Öffentlichkeit gelangt sind, zeigt die Tatsache, dass die Daten immer wieder bei Doxbin.org geteilt werden, dort nach einigen Stunden wieder verschwinden. Lediglich über einige P2P-Netzwerke ist ein 6,7 Gigabyte großes Archiv auffindbar, das aber nur einen kleinen Teil der geleakten Daten enthalten kann.

Habeck: Twitter ist zu aggressiv

Doch da ist noch etwas anderes, das den Grünen-Chef dazu veranlasst hat, sich bei Twitter und Facebook zurückzuziehen. Robert Habeck hatte dieser Tage aufgrund eines Videos, das die Grünen im anstehenden Thüringer Wahlkampf unterstützen sollte, ungeschickt geäußert – und den Thüringern implizit mangelndes Demokratieverständnis unterstellt (Video inzwischen gelöscht), ähnlich wie vor einigen Wochen im bayerischen Wahlkampf.

Tatsächlich hat aber das Video selbst ja nun gar nichts mit Twitter oder Facebook an sich zu tun, weswegen es schon verwunderlich ist, dass der Grünen-Politiker, der die dort getroffene Aussage in mehreren Takes und Varianten aufgezeichnet habe, das soziale Netzwerk dafür verantwortlich macht:„Gesendet wurde jetzt ein Video, das so klang, als würde ich Thüringen absprechen, weltoffen und demokratisch zu sein.“ Betrachtet man die Aussage bei Licht, zeugt sie vielmehr von einem PR-Fehltritt seines Wahlkampfteams oder zumindest von dem falsch verstandenen Willen, mehr als nur klare Kante zu zeigen oder wahlweise von fehlenden Absprachen mit seinen Mitarbeitern.

Seine Schlussfolgerung daraus klingt indes eher wenig schlüssig: „Twitter ist, wie kein anderes digitales Medium so aggressiv und in keinem anderen Medium gibt es so viel Hass, Böswilligkeit und Hetze. Offenbar triggert Twitter in mir etwas an: aggressiver, lauter, polemischer und zugespitzter zu sein – und das alles in einer Schnelligkeit, die es schwer macht, dem Nachdenken Raum zu lassen.“ Unterdessen hat sich ein anderer prominenter deutsche Polit-Twitterer zu Wort gemeldet: „Niemand muss @socialmedia nutzen. Aber auch TV-Kameras & Mikrofone können ‚abfärben‘, wenn wir nicht aufpassen. Öffentliche Existenz heißt immer die Bereitschaft, der Versuchung zu widerstehen“, urteilt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier.

Dass sich Habeck aus den sozialen Medien zurückzieht, ist seine Entscheidung und ein durchaus zu respektierender Schritt. Doch die beiden Ereignisse – den Datenleak ebenso wie seinen PR-Fehltritt mit dem Wahlkampfvideo – dem jeweiligen sozialen Medium anzulasten, zeugt eher von einem begrenzten Verständnis digitaler Medien. Oder, wenn man es wohlwollend gegenüber seiner Digitalkompetenz auslegen will, von fehlender Einsicht in die tatsächlichen Interessen, die vor allem hinter dem Politiker-Leak stecken.

Robert Habeck im t3n-Podcast: Wie digitale Medien die Politik verändern

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2 Reaktionen
Hans

Nach meinem Verständnis (auch aus anderen Medien) von Habecks Rückzugsbegründung geht es nicht in erster Linie um direkte Vorwürfe an die Portale Twitter und Facebook, sondern die Erkenntnis, wie deren Nutzung ihn verändert haben. Natürlich fällt das in gewisser Weise auf die beiden Portale zurück, aber für mich ist das in erster Linie eher lobenswerte Selbsterkenntnis und die Konsequenz daraus.

Das soziale Medien und der persönliche Umgang damit potentiell problematisch sind (Stichwort Filterblasen oder der gewollte psychologische Belohnungstrigger um dabei zu bleiben, um nur zwei zu nennen...), sollte ja eigentlich inzwischen nicht mehr überraschen. Da könnte man sich durchaus ein Beispiel nehmen, damit jeder Einzelne mal die Nutzung sozialer Medien überdenken.

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Olli

zeugt eher von einem begrenzten Verständnis digitaler Medien
War Habeck nicht Digitalminister in S-H. Kein Wunder, im Bürgerportal könnte ich mich nur während der Dienstzeit anmelden.

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